Gesellschaft · Reisen

Pilz & Wald

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Vor zwei Tagen war ich mit →Miz Kitty in Norddeutschland zu Gast. Genauer gesagt, im kleinen →Paradies in der Gegend um →Alt-Meteln. Nun, was macht man in dieser schönen Natur dort? Sich vom Staub der Metropole erholen, sich mental und visuell entschleunigen in Richtung grün, gelb, naturfarben. Entspannt durch Wald und Flur streunen und natürlich… Pilze sammeln im Wald.

Pilze sammeln kann ich zwar, nicht jedoch nur die wohlgenießbaren, kenne ich diese Gewächse nicht per Du. Ich glaube zwar, ich wäre ein ganz guter Pilzsammler, da ich berufsbedingt Details gut und schnell unterscheiden kann. Nur wurde in meiner Familie – schon aus Ängstlichkeitsgründen, man könnte den falschen Pilz erwischen, keine Pilze gesammelt. Und mit Ende vierzig mit Pilzbuch und Pilz-App anzufangen ist aufwendig. Ich halte mich also lieber weiter an das ebenso biologische Pils, hinten mit s, und bei meiner Pilzkenntnis sicher genauso gesund.

Also haben die beiden Damen Miz Kitty und La Primavera gesammelt und ich habe ein paar Fotos gemacht. Pilzfotos und Waldfotos. Die Ästhetik dieser Pilzgewächse ist bei genauem Hinsehen genauso skurril wie sie manchmal mit Affengeschwindigkeit aus dem Boden schießen und sich ausformen. Damit Fotos jetzt nicht in irgendeinem digitalen Festplattenordner verschwinden, habe ich sie zu einem separaten Fotostream zusammengestellt.

ZU DEN FOTOS


 

Gesellschaft

Gefunden

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CDU-Wähler

Vor der Bundestagswahl gab es in den Blogs, die ich regelmäßig lese und bei Twitter mehrfach politische Statements, von argumentativ nachvollziehbar bis hin zu ziemlich plumpen Überzeugungsversuchen. Mir war das etwas zu viel, und ich habe den ein oder anderen Beitrag bzw. Tweet schnell überlesen. Kein Problem, ich lese schnell und dachte, das legt sich nach der Wahl. Das Ergebnis ist eindeutig, knappe 42 Prozent haben die CDU gewählt. Heute ist Tag 8 nach der Wahl und in der letzten Woche ging es munter weiter in der Filterblase der Blogs. Man fragt sich, wer sie sind, die CDU-Wähler. →Hier und →hier und →dort sucht man oder ist schon fündig geworden. Man wundert sich ob des Wahl-Ergebnisses, passt es doch nicht in die Filterblase der Netz-Community.

Nun, wer hat die CDU gewählt? Ganz einfach: Bei fast 42 Prozent der Wählerstimmen und guten 70 Prozent Wahlbeteiligung hat statistisch ziemlich genau jeder vierte Wahlberechtigte CDU gewählt. Zählen Sie doch einfach Ihre Mitmenschen ab.

1—2—3—CDU-Wähler. Gut, so einfach ist die Suche nicht. Ich kann etwas weiterhelfen. Ich bin einer dieser CDU-Wähler, einen haben Sie also gefunden.

In den letzten 30 Jahren habe ich schon alle Parteien gewählt, die im Bundestag vertreten waren, von der Linken bis zur FDP. Dieses Mal habe ich mich für die große bürgerliche Regierungspartei entschieden, für die Fortsetzung der Regierung von Angela Merkel also.

Dass die politische Linie sich soo stark von der großen Konkurrenzpartei SPD unterscheidet, glaube ich indes nicht, denn das Regieren dieser Republik mit ihren internationalen Verflechtungen ist ähnlich dem Steuern eines Tankers, von dessen Kommandobrücke man weder die Bugspitze noch das Heck richtig erkennen kann. Entsprechend langsam und manchmal wenig wahrnehmbar ist das Regierungshandeln, unabhängig davon welche Partei gerade regiert. Sicher gibt es einen Spielraum, und die SPD und CDU bespielen ihn unterschiedlich, oft jedoch kaum mit einem Unterschied im Ergebnis für den einzelnen Bürger. Ist man direkt von einer neuen Gesetzgebung betroffen, dann jedoch im Detail mit großer persönlicher Relevanz.

Weder das Ehegatten-Splitting noch noch meine private Krankenversicherung und noch einige andere zur Disposition stehende Dinge möchte ich aufgeben. Warum sollte ich das auch befürworten, bietet beides in meiner momentanen Lebenssituation doch ein paar Vorteile. Das heißt ja nicht, dass ich nicht möchte, dass z.B. alle eine gute Gesundheitsversorgung haben, und dass es allen Menschen in diesem Land gut geht. Für genau die Themen, die für mich persönlich relevant sind, erscheint mir die CDU im Moment der verlässlichere Garant zu sein.

Lange Zeit erkannte ich die SPD als eine Partei an, die sich für die sozial Schwächeren einsetzt. Im Studium habe ich sie gewählt, wie fast jeder in dieser Lebensphase links gewählt hat, dem allgemeinen Anspruch nach Weltverbesserung durch Sozialnivellierung folgend, den man mit Anfang zwanzig meist hat.

Mindestens seit Hartz-4 hat diese Partei jedoch bei mir verloren. Das ging nicht anders, werden Sie sagen, ohne Hartz-4 wären Transferleistungen nicht mehr dauerhaft finanzierbar gewesen. Das stimmt, nur wenn die Ausführung so ist, wie sie jetzt ist, dann frage ich mich ernsthaft, ob die CDU das nicht besser, verträglicher und fördernder für die Leistungsorientierten der Transferleistungsempfänger hinbekommen hätte. Googlen Sie mal, welche Steine die Arbeitsagentur guten, ehrgeizigen, leistungsbereiten, aber finanziell armen Oberstufenschülern in den Weg legt.

Warum die CDU für mich im Moment der verlässlichere Garant ist? Zwei Dinge beeinflussen mich bei meiner Wahl. Erstens möchte ich meinen persönlichen Status perspektivisch verbessern oder zumindest sichern und zweitens möchte ich eine Regierungspolitik, die so weit wie möglich zum Ergebnis hat, dass es allen gutgeht. Ok, das wollen alle Parteien, und jede meint, sie kann es am besten. Die SPD hat das für ihre ureigenste Klientel der sozial Schwächeren nicht geschafft. Hartz-4, Arbeitsagentur und Löhne um die 3,50 Euro – gegen die kein wirksames Instrument installiert wurde – sind Stichworte. Die CDU hat es immerhin geschafft, dass es weiten Teilen der bürgerlichen Mitte im europäischen Vergleich doch relativ gut geht. Offensichtlich haben das viele Wähler honoriert und wünschen sich das mit Verlässlichkeit auch weiterhin so. Zudem hat die Partei mit Angela Merkel eine integrative Politikerin, der die SPD niemand Adäquates entgegensetzen kann. Kanzlerkandidaten, die verlauten lassen, als Bundeskanzler wäre das Gehalt zu niedrig, wirken wenig verlässlich – vor allem, wenn sie einer Partei angehören, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, auch die weniger gut Betuchten zu vertreten.

Sicher gibt es Themen wie Netzpolitik, Datenspeicherung und Datenschutz, sowie der Umgang mit der NSA-Schnüffelei, in denen beide großen Parteien bisher nur dilettieren. Im Parteienvergleich haben hier vielleicht nur die Piraten eine Kompetenz. Ernsthafte Unterschiede kann ich in diesem Themenfeld jedenfalls nicht zwischen der CDU und der SPD erkennen – zumindest nicht Unterschiede, die für mich wahlentscheidend wären. Die Piraten haben sich nicht als regierungsfähig erwiesen und Netzpolitik mag in Filterblasen wichtig sein, ist sonst jedoch nur eine Scheibe von vielen.

So, einen CDU-Wähler haben Sie nun gefunden, einen von knapp 42 Prozent derjenigen, die gewählt haben. Ich kenne noch einige andere.

 

Berlin · Gesellschaft

Berlin-Marathon

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Der Berlin Marathon, ein jährliches Ereignis am letzten Septemberwochenende. Heute findet er statt, auf Twitter habe ich vorhin schon einigen Läufern und den Supportteams einen guten Lauf gewünscht – den Schwammhaltern, Fläschchengebern und persönlichen Motivatoren ebenso wie den Läufern und Läuferinnen selbst.

Seit 2003, also seit 10 Jahren ist es der erste Berlin-Marathon, an dem ich so gar nicht beteiligt bin, weder als Zuschauer oder als Läufer. Acht mal bin ich die Strecke gelaufen. 337,56 km durch abgesperrte Berliner Straßen, 2003 das erste mal und 2010 das letzte Mal. 10 Mal hätten es eigentlich werden sollen – und werden es hoffentlich noch. Ich würde heute mit einer grünen Nummer laufen, als einer dieser Jubilee-Club Veteranen, die den Hauptstadtlauf schon 10 Mal absolviert haben. Statt dessen kam vieles anders. Nein, nichts schlimmes und nichts gesundheitliches, sondern Glück, Heirat, Ehe, viel Heimsport (sie wissen schon…), und gute häusliche Küche. Meine Metamorphose vom studentischen Jüngling mit Mitte vierzig zum mittelalterlichen, dicklichen, glücklichen Ehemann, mit der besten Frau der Welt, Biokiste, Autourlaub, Schlösserhopping und nach vielen Jahren mit Pappkästen und Kellerregalen endlich in einer eingerichteten Wohnung. Die Medaillen auf dem Bild sind also »echt«, d.h. ich habe sie wirklich bekommen, und es gibt noch einige mehr.

Heute findet der Lauf ohne mich statt. Wir fahren wir nach Norddeutschland in ein kleines Paradies und lassen Marathon Marathon sein, denn selbst die Freundin, die wir im letzten und vorletzten Jahr mit Päckchen Taschentüchern supportet haben, läuft dieses Jahr nicht mit.

Nun, ein wenig Wehmut ist schon dabei, heute Morgen nicht in der Straße des 17. juni dabei zu sein, wo doch heute ein Bilderbuchwetter ist – wobei, für die Läufer könnte es gegen Mittag schon zu warm sein. Gut erinnere ich mich noch an meinen letzten Berlin Marathon 2010 (oder war es 2009), als es im Start schon Bindfäden regnete und wir unter einer Bühne zusammengewängt Regenschutz suchten und auf den startschuss warteten. Nach knappen 20 Kilometern war meine Funktionsjacke so durchnässt, dass ich sie im Yorckschlösschen abgab, die restliche Strecke im Shirt weiterlief und sie spätabends wieder abholte. Alle Marathon-Debütanten werden dieses Erlebnis nicht haben, sondern einen schönen Tag und ziemlich sicher auch ein schönes Erlebnis.

Gedanklich lasse ich die Strecke gerade revue passieren und bin natürlich gespannt, wie die Läufer sie heute erlebt haben. Deswegen: Bitte gerne einen Kommentar schreiben.

Der Start des Hauptstadtlaufes findet immer auf der Straße des 17. Juni statt, in einer riesigen Menschenkette von ca. 40.000 Läufern. Vor dem Start geht es natürlich den Kleiderbeutel abgeben und man kann noch etwas die Atmosphäre vor dem Reichstag genießen. Sofern man mit einer Gruppe läuft gibt es vielleicht vorher noch ein Erinnerungsfoto auf der Treppe des Reichstags. Ich fand diese Atmosphäre immer sehr schön. Mindestens bei diesen Zusammenkünften habe ich Läufer immer sehr hilfsbereit und nett erlebt und das Einzelkämpfertum, das man ihnen nachsagt, habe ich nie feststellen können. Eines ist übrigens auf den Platz vor dem Reichstag am Marathon-Tag gebilligt. Um den Damen lange Dixi-Wartezeiten zu ersparen, wässern hier schon mal einige Herren die Hecke. Bitte meine Herren wann dürfen Sie schon mal vor dem Reichstagsgebäude an die Hecke pinkeln, ohne dass die Staatsmacht gleich hinter Ihnen steht und man Ihnen das sonstwie auslegt? Am Marathon-Tag dürfen Sie es. Ich habe es schon einige Male getan.

Hat man den auf der Startnummer aufgedruckten Startblock erreicht, geht es im Pulk Richtung Siegessäule – Rechtsläufer wie ich laufen rechts der Gold-Else, die anderen links. Vorbei am Flohmarkt Richtung Ernst-Reuter-Platz, West-Berliner-Publikum eng im Spalier aufgestellt. Der Start ist vorbei, man hat die allererste Prognose für den Lauf. Alles easy, oder erschwerte Bedingungen am Start. Zu viel Pulk, falscher Startblock, zu viele rempelige, von der Midlife-Crisis Gebeutelte, die unbedingt die 3:30- oder 4-Stunden-Marke knacken müssen? Oder gleich Läufer/innen mit gleichem Tempo gefunden, mit denen man die ersten Kilometer bei kurzweiligem Gespräch absolviert?

Auf jeden Fall langsam und stetig das eigene Wohlfühltempo erreichen und in diesen ersten Kilometern zum Erreichen der mittleren Flughöhe kein unnötiges Kerosin verbrennen. Im Pulk geht es weiter Richtung Moabit, über die Gotzkowskybrücke. Eine Freundin wohnt hier und ich bin dort immer links außen gelaufen. Schauen, ob man sich sieht, auch wenn man nicht direkt verabredet ist. Langsam entzerrt sich der Pulk etwas. Das Moabiter Publikum ist nicht das schlechteste. Bodenständig, ohne irgendwelche Hard-Rock-Sequenzen aus übersteuerten Lautsprechern, die mich aus dem Lauftakt bringen.

Nach Zeitmessung und Verpflegungsstation begrüßen uns die unfreiwilligen Bewohner dieses Stadtteils aus den Zellenfenstern der JVA und weiter gehts im Läuferstream zwischen Bundeskanzleramt und Hauptbahnhof. Zweimal kurz bergauf, um dann runter in die Reinhardstraße zu laufen. Da es leicht runter geht, sieht man den Läuferstream von oben. Tolles Bild, und selbst dort mittendrin, in diesem Strom.

Vorbei am Friedrichstadtpalast über die Torstraße kommt jetzt der Kilometer 10. Das Laufen im Stream ist nicht mehr störend eng, wenngleich es sich an den Verpflegungspunkten natürlich immer drängelt. Ein Viertel ist jetzt geschafft, und jetzt gibt es eine sichere Prognose, wie denn die noch verbleibenden 32 km sein werden.

Die Torstraße ist publikumsmäßig nicht soo frequentiert, so dass man sich hier gut mit seinem persönlichen Supportern verabreden kann. »Ich laufe links, Torstraße, Ecke Bergstraße, Richtung Rosenthaler Platz« sollte also gut machbar sein.

Weiter geht es via Mollstraße, Alexanderplatz, Strausberger Platz an Mainstream-Publikum, am Alex natürlich besonders dicht, Richtung Kreuzberg. Zwischenzeitlich immer mal wieder weniger Publikum, gut zum Verabreden, um die persönlichen Supporter nicht zu verfehlen.

Spätestens am Kottbusser Tor stellt sich Multikulti ein, Musikband inklusive. Meist nichts für mich, nicht mein Geschmack. Zu laut, es bringt mich aus dem Lauftakt. Ok, ich bin eh nicht so ein Kreuzberg-Neukölln-Fan. Weiter im Stream Richtung Hermannplatz mit Verpflegungsstand und Remmidemmi. Via Südstern nach Kreuzberg61, mit Zuschauern und Supportern, die bei gutem Wetter auf dem Bürgersteig frühstücken. Dann vorbei am Yorckschlösschen, wo ich wie oben beschrieben vor drei Jahren meine zum Schwamm nassgeregnete Jacke abgab, Richtung Schöneberg.

In der Grunewaldstraße ist die Halbmarathon-Marke erreicht. Wie siehts aus mit den Energiereserven und mit der Zeit? Jetzt »nur« noch einmal soweit wie bis hier. Alles gut, bzw. im grünen Bereich? Dann weiter am Rathaus Schöneberg vorbei – Sie wissen schon, vor 31 Jahren sagte Präsident Kennedy in der Reststadt hier seinen Satz auf dem Balkon. In der Unterführung Innbrucker Platz wie jedes Jahr die viel zu laute Samba-Band, in der ein Kollege die ersten Jahre mit trommelte. Nicht meins. Links dran vorbei und schnell weg aus der Lärmkulisse. Jetzt durch Friedenau mit eher bürgerlichem Publikum, schön und erholsam. Und nach 25 oder 26 Kilometern immer schön auf Flughöhe bleiben, d.h. die Laufgeschwindigkeit halten und sich nicht verausgaben. Am Breitenbachplatz dann wieder eng gestelltes Westberliner Publikum und weiter ganz entspannt durch die Lenzeallee. Idyllisch, Kinderfest-Publikum, private Verpflegungsstände, vor Jahren auch mal ein SPD-Stand dazwischen, der die Läufer supportete. Den wird es heute vermutlich nicht geben, die Wahl war dieses Jahr schon. Das Stück Lenzeallee habe ich immer sehr genossen. Kurzweil, eben so, wie es mir gefällt. Dann direkt zum Halligalli am Wilden Eber. Publikums-Pulk, Fernseh-Übertragung, Bühne und Band wie beim Großevent – es ist Großevent, der Berlin-Marathon.

Wilder Eber, das bedeutet auch Zwei-Drittel-Marke, also 28 Kilometer. Jetzt noch ein Drittel, also Tempo und Kondition halten und ein paar Kilometer weiter entweder durchstarten oder langsam ins Ziel.

Das letzte Drittel beginnt mit unspektakulären Westberliner Hauptstraßen, einem schon deutlich entzerrten Läuferstream und für mich nicht so vielen Sightsseeing-Impulsen. Hohenzollerndammm, Fehrbelliner Platz, schnell durch, aber nicht zu schnell. Erreichtes halten, ist die Maxime. Hier sieht man schon immer wieder einige Läufer nicht mehr laufen, sondern gehen, von ihren Unterstützern gepampert, oder einfach nur schlecht aussehend. Nun, wenn sie einfach gleichmäßig weitergehen, schaffen sie es ja auch so ins Ziel.

Über die Konstanzer Straße dann den Kurfürstendamm runter, an im Spalier stehenden Publikumsmassen vorbei. Am Anfang der Konstanzer Straße eine Bühne mit Kamera und Sprecher. Mit Glück wird man persönlich genannt. Also immer schön lächeln, auch wenn bei 32,5 Kilometern der Akku langsam leer sein sollte. »Konstanzer, Ecke Zähringer Straße, Laufrichtung rechts« war immer mein persönlicher Support-Treffpunkt. Es sind von hier noch 10 Kilometer, so wie zwei große Runden um den Tiergarten, also nicht besonders. Mein persönlicher Durchhaltespruch. Durchaus weiterzuempfehlen, der Treffpunkt hier, findet man sich doch ziemlich schnell.

Ku-Damm runter, Wittenbergplatz, Potsdamer Platz, Publikum galore. Schweiß auf den Straßen, Mittagssonne. Und noch immer im Läuferstream, begleitet von einigen an der Seite gehenden und Menschen, die am Tag danach hoffentlich wieder besser aussehen. Tolles Publikum, man motiviert sich gegenseitig. Potsdamer Platz wieder Spalier-Publikum, aber sehr gut für die Motivation.

Jetzt heißt es nicht mehr Tempo halten, sondern sicher ankommen. Also gut motiviert den Akku leeren und nicht zu schnell durch die historische Berliner Mitte laufend Sightseeing über abgesperrte Straßen. Auch wenn ich hier wohne, und diese Straßen jeden Tag fußläufig erreichen kann, motiviert mich diese Berliner historische Mitte, Gendarmenmarkt, etc. immer wieder. Dazu das überragende Gefühl, körperlich und mental etwas geschafft zu haben, mindestens beim Abbiegen nach Unter den Linden stellt es sich ein. Nun nur noch auf das Brandenburger Tor zu. Das Tor in Sichtweite und immer näher kommend. Mindestens direkt vorm Tor heißt es gut aussehen und lächeln. Hier verjüngt sich die Strecke, das Publikum hinter einer Absperrung. Zügig durchs Tor, das Ziel im Blick. Jetzt entweder ganz schneller Endspurt, vorbei noch an anderen Läufern. Oder gemächlich der Zeitmess-Matte im Ziel entgegen. Moderat stoppen, nicht zu abrupt. Geschafft. Die Medaille umgehängt bekommen. Langsam im Strom Tee, Äpfel, Bananen, Verpflegungstüte und Kleiderbeutel abholen – und sich den Rest des Tages und die nächste feiern lassen.

Reisen

Etage 29
Leipziger Allerlei #4

Am Sonntag abend liefen wir noch einmal zurück Richtung →City-Hochhaus. Das →Haus war einst das höchste Gebäude Europas. Es soll ein aufgeschlagenes Buch symbolisieren und wird manchmal auch Weisheitszahn genannt, so ähnlich wie die Berliner das Bundeskanzleramt zuweilen Waschmaschine nennen. Oben ist ein →Restaurant und eine Aussichtsplattform, von der ich in 2004 schon einige Fotos gemacht habe. Also hoch in die 29. Etage und noch schnell die Speicherkarte füllen, bevor der Zug nach Berlin abfährt. Das Restaurant nehmen wir uns nächstes Mal vor. Es ist ein guter Ort, um auch in kälteren Jahreszeiten über die Stadt zu schauen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Reisen

Otto-Nuschke-Straße
Leipziger Allerlei #3

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Spurensuche in der Ehrensteinstraße
(vormals Otto-Nuschke-Straße)

Im →Mercure Hotel Art schauten wir auf einen Altbau auf der anderen Straßenseite. Ein Mietshaus im Gründerzeitstil, heute ganz schön saniert. Hier in der Gegend muss die Otto-Nuschke-Straße sein, sagte Miz Kitty. Ein Haus, in dem Teile der Familie vor Jahrzehnten einmal lebten. Erkundungsfreudig haben wir am Sonntag Nachmittag schnell herausgefunden, dass diese Straße nach der Wende in ihren alten Namen Ehrensteinstraße erhielt, und dass sie in der Nähe des Leipziger Zoos im Stadtteil Zentrum-Nord liegt – von unserem Hotel gut fußläufig zu erreichen. Vorher ging es zuerst einmal in die andere Richtung zum Frühstücken im →Café Kandler in →Specks Hof. Sehr empfehlenswert, das leckere Frühstück. Hier kann man schön sitzen und die Leute beobachten, wie sie in Specks Hof unterwegs sind. Ich beobachte nacheinander vier Stadtführer, die mit Touristengruppen unterwegs sind. Spannend, diese vier unterschiedlichen Typen, vom älteren Herrn mit Staubmantel bis zur Endzwanzigerin. Leute gucken, sagte eine Hamburger Bekannte früher immer dazu. An Herbst- und Wintertagen könnte ich hier stundenlang sitzen, etwas lesen und immer wieder die Menschen beobachten.

Vom Café Kandler aus dann über den Nordplatz Richtung →Ehrensteinstraße. Die genaue Hausnummer wusste Miz Kitty nicht, wohl aber wo das Haus in etwa liegen müsste. Die Straße wurde Anfang des 20. Jahrhunders angelegt. Hier befinden sich zum Teil großbürgerliche Villen, zum Teil gutbürgerliche Mietshäuser und dazu etwas Reihenbebauung der 60er. Vom Baustil her kann man die Straße klar erkennbar in die Zeit vor dem ersten Weltkrieg und bis ca. 1920 einordnen. Architektenhäuser, jedes eigen. Ich merke diesen Häusern teilweise schon den Geist der 20er Jahre an, weg von Prunk und übermäßiger Großzügigkeit, hin zur sachlichen Kompaktheit. Jedoch sind sie ausgeführt mit den architektonischen Elementen der späten Gründerzeit. Die Ehrensteinstraße wurde 1963 in Otto-Nuschke-Straße umbenannt und erhielt 1992 ihren alten Namen Ehrensteinstraße zurück. Insgesamt eine noble Gegend. Die besseren Häuser sind heute fast alle schön saniert und die Lücken durch Neubauten geschlossen, zwei gerade in Bau. Gentrifizierung à la Leipzig. Ich mag ja diese Viertel mit schönen Altbauten, und wenn ich in nach Leipzig ziehen würde, wäre dieses zentrumsnahe Quartier eine Wohnungssuche wert.

Zuerst liefen wir die Ehrensteinstraße nach Norden, wobei schnell klar war, dass es die falsche Richtung ist, um das gesuchte Haus zu finden. Trotzdem gingen wir weiter, der weil wir ja gerne Straßen, Häuser und Höfe erkunden. Immer etwas mit dem Hintergedanken, vielleicht doch noch ein entwohntes Haus zu finden, das gerade rekonstruiert wird und offen ist, wo wir Fotos und Studien machen können, wie man hier in vergangenen Zeiten gelebt hat. Die kurze Verlängerung der Ehrensteinstraße über die Georg-Schumann-Straße – von der man das Gerippe eines Gasometers sehen kann – ist die Mechlerstraße. Laut →leipzig-lexikon.de gibt es sie seit 1891. Sie ist etwas älter als die Ehrensteinstraße, was man an den Häusern auch deutlich merkt. Mietshäuser der Gründerzeit in Blockbebauung, mit der typischen Durchfahrt zum Hof. Heute bewohnbar bis gut saniert. Das Haus Mechlerstraße 4 ist leer und die morbide Tür offen, das Grundstück Mechlerstraße 6 verwildert und zugänglich, mit einer bröckeligen Werkstatt oder Halle darauf, auf die man eigentümliche Lichthauben aufgesetzt hat, die wie kleine Garagen oder Wintergärten anmuten. Schon etwas skurril. Nach ein paar – ok, zugegeben ein paar mehr – Fotos gehen wir weiter. Eine Frau mit Kittelschürze aus dem Haus gegenüber beobachtet uns. Ein bemerkenswertes Kleidungsstück hat sie an, das es sowohl in Ost und West gab, und das beiderorts die Vereinigung nicht mehr lange überstanden hat. Wir lassen uns von neugierig schauenden Blockwarten nicht beeinflussen und treten durch die offene Tür der Nummer 4 in den Durchgang zum Hof. Die Tür lässt sich nur etwa 50 cm öffnen, da ein alter Kühlschrank als Sperre dienen soll. Innen liegt Abbruchmaterial, und es gibt eine fast zwanghaft ordentlich aufgereihte Sammlung aus Weinflaschen. Aha, ein akkurater Mensch räumt hier also auf. Auf der Hofseite des Durchgangs ist ein Baum fast in die Hauswand gewachsen. Der Garten ist verwildert, was ja schon vom Nachbargrundstück zu sehen war. Das war dann auch schon unsere Erkundung in der Mechlerstraße. Das Haus ist hinten verschlossen, so wie es sich für eine gute Baustelle gehört. Also keine weiteren Erkenntnisse über Wohnungsgrößen, Innenausbauten, DDR-Hinterlassenschaften und was man sonst noch in leeren Altbauten vor der Sanierung und Rekonstruktion findet. Als wir wieder auf die Straße treten, beobachtet uns IM Kittelschürze immer noch.

Zurück durch die Ehrensteinstraße nach Süden in Richtung City finden wir das gesuchte Haus. Ein freistehendes, großbürgerliches Mehrfamilienhaus aus der Zeit vor dem ersten Weltkrieg. Vermutlich einst von vermögenden Menschen gebaut, gibt es hier heute Kanzleien, Büros und Wohnungen, vermutlich mit nach heutigen Verhältnissen genauso vermögenden Menschen darin. Miz Kitty erinnert sich schwach an das Treppenhaus, das man durch die Eingangstür etwas sehen kann.

Spurensuche in der Otto-Nuschke-Straße. Spur gefunden.

Schreibgeräte & Kontor

Mini Booklet

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Pocket Mod

Ein Mini-Booklet mit acht Seiten aus einer DIN-A4-Seite. Die Idee, ein Blatt etwas ungewöhnlich zu falten und daraus ganz ohne zu Heften ein kleines Booklet zu erstellen, ist schon ziemlich alt. Das besondere ist, dass weder Heftklammern noch Kleber erforderlich sind und trotzdem ein stabiles Booklet entsteht. Im amerikanischen Sprachraum sind diese Mini-Booklets unter dem Namen Pocket Mod bekannt. Man kann das Blatt natürlich vor dem Falten bedrucken, so dass man ein Mini-Notizbuch mit Linien oder einem Kalender erhält. Es gibt sogar ein Softwareskript, mit dem aus einem achtseitigen PDF schnell ein Mini-Booklet erstellt werden kann. Gleich zwei Websites befassen sich ausführlich mit diesen Mini-Booklets: →pocketmod.com und →repocketmod.com.

Besonders geeignet ist ein Pocket Mod für den schnell gezeichneten Comic, die schnell erstellte Bildergeschichte, ein paar mit schöner Handschrift geschriebene Gedichte oder auch, wenn man einen Brief in Form eines Heftes schreiben möchte.

Mit einem langen Papierstreifen als Ausgangsmaterial und etwas Geschick lässt sich ein Booklet auch mit 16 Seiten erstellen, natürlich ebenfalls ohne zu Heften.

HIER lesen Sie meine Anleitung für das Mini-Booklet. An einer Stelle weiche ich von der Anleitung von pocketmod.com ab, weil ich fand, das Booklet liegt so besser plan auf dem Tisch, wenn man es mit Falzbein oder Brieföffner in Form gebracht hat. Probieren Sie selbst. Ein achtseitiges Booklet im Format A6 bekommt man aus einem A4-Blatt, ein Booklet im Format A6 (Postkartenformat) aus einem Blatt im A3-Format.

Gesellschaft

Gedanken zur Wahl

stimmzettel_bundestagswahl_erststimme_zweitstimme

Prognosen zur Wahl und Wahlempfehlungen gibt es im Moment einige, von distanziert bis ideologisch. Mancher wünscht sich gar, die Wahl wäre schon vorbei, um nicht die Texte von Parteisoldaten lesen zu müssen.

Mehr oder weniger ernsthafte Screenshots des →Wahl-O-Mat konnten wir bereits auf Twitter und in diversen Blogs lesen. Sie wissen schon, dieses Online-Tool, mit dem man sich nicht langatmig durch bullshit-befloskelte Parteiprogramme oder Wahlprogramme lesen muss, sondern ganz einfach eine Reihe von Fragen mit ja oder nein beantwortet (die von den Parteien zuvor auch beantwortet wurden) und als Ergebnis ein Ranking von Parteien erhält, mit deren Zielen die eigenen Ansichten möglichst gut übereinstimmen. Vorher kann man noch eine Gewichtung festlegen, welche Fragen man als besonders relevant erachtet und welche Parteien berücksichtigt werden sollen.

Nun, ich weiß, was ich wähle und bin mir des infinitesimal-geringen Einflusses meiner Stimme in einer Demokratie, die eben wenig basisdemokratische Elemente enthält, bewusst. So wird die Bundestagswahl eher zum Event als zu einer wahrnehmbaren Mitbestimmung. Durch den Wahl-O-Mat habe ich mich trotzdem geklickt – um mitreden zu können. Wie selbstverständlich habe ich natürlich nur die Parteien in die Auswertung einbezogen, die nach Erfahrungswert und Umfragen eine realistische Chance haben, in den Bundestag einzuziehen. Und genauso selbstverständlich haben Menschen, mit denen ich gesprochen habe, alle Parteien in die Auswertung einbezogen. Dann mit spektakuläreren Ergebnissen. DKP oder Grüne hat der Wahl-O-Mat für die erste Person als passend herausgefunden, die Linke oder die NPD als zur zweiten Person passend und die Rentnerpartei fand das Online-Tool als ideal für die dritte heraus, mit Anfang 20 eine noch recht junge Dame. Mein Ergebnis ist dagegen eine der Big-Five-Parteien, denn andere hatte ich ja erst gar nicht in die Auswertung einbezogen. Chancenlos, warum sich damit auseinandersetzen?

Strategisch oder idealistisch?

Es gibt also zwei Herangehensweisen an die Auswertung per Wahl-O-Mat und an das Ergebnis. Mit Berücksichtigung von Wahrscheinlichkeiten und Realitäten und eben ohne. Genauso gibt es diese Herangehensweisen, das Kreuzchen zu setzen. Als Realist, der ein »kleineres Übel« wählt, das ihm lieber ist als die Wahl einer chancenlosen Partei, die den eigenen Vorstellungen deutlich näher ist. Oder als Idealist, der genau dort das Kreuzchen setzt. Eine verlorene Stimme, wenn die Wunschpartei dann – wie vorauszusehen – nicht in den Bundestag kommt?

Nein, nicht ganz, zumindest nicht bei der Zweitstimme. Dieser infinitesimale millionstel Prozentpunkt fehlt einer der anderen Parteien, immerhin. Hätte man diese Stimme nicht abgegeben, wäre auch die prozentuale Verteilung aller Parteien eine andere, wenn auch nur in der hintersten Nachkommastelle.

Und bei der Erststimme bleibt jede Stimme, die nicht für den Wahlkreissieger ist, ohne Wirkung, egal ob für den Kandidaten der zweiten großen Partei oder einer kleinen abgegeben.

Nur beim Kopf-an-Kopf-Rennen zwei gleicher Kandidaten ist strategisches Wählen bei der Erststimme sinnvoll. Dann entscheiden oft wenige hundert Stimmen, und theoretisch könnte natürlich eine eizige ausschlaggebend sein. Dafür, dass von zwei suboptimalen Direktkandidaten der optimalere der Wahlkreissieger wird. Ob so ein Kopf-an-Kopf-Rennen wahrscheinlich ist, darüber geben alte Ergebnisse und Umfragen eine sehr gute Einschätzung.

So man nicht absoluter Sympathisant einer der beiden großen Parteien ist, bewährt es sich immer, kleine Parteien zu wählen. Erstens, um sie mit vielen anderen Wählern zusammen mit der eigenen, infinitesimalen Stimme über die Fünf-Prozent-Hürde zu heben. Zweitens, um wenigstens die prozentualen Anteile der anderen Parteien zu beeinflussen und drittens, – und das ist ziemlich subjektiv – um bestehende, übergroße und oft selbstverliebt-machtverwöhnte Parteiapparate nicht unnötig zu stützen.

Schreibgeräte & Kontor

Pilot Capless

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Der Klassiker ohne Kappe

Gerade habe ich den neuen Manufaktum-Katalog in der Hand. Sie wissen schon, mit den schönen Dingen, die es noch gibt – ob man sie nun braucht und mag oder nicht. In iPad- und Tablet-Zeiten ein längst überflüssiges Druckerzeugnis, dieser Katalog, schwer zudem. Von den Produkten springt mich manches an, anderes ist einfach nur gehyped und teuer. Das Titelbild triggert jedoch den Schreibgerätesammler in mir. Unschwer zu erkennen ist dort ein Pilot Capless Füllfederhalter abgebildet, ich hier schon schon länger vorstellen wollte. Also ab zum Regal, eine Box mit Schreibgeräten rausgezogen und ein Paar Fotos von meinem dunkelgrünen Capless gemacht.

Nun, die Idee ist interessant, einen Füllfederhalter zu bauen, bei dem sich die Feder herausschiebt, wenn man hinten drauf drückt, genauso wie sich beim Kugelschreiber die Miene herausschiebt. Diese Idee hatte der japanische Schreibgeräte-Hersteller Pilot schon vor fast 50 Jahren, im Jahr 1964. Seit dieser Zeit gibt es den Pilot Capless in wechselnden Varianten. In den USA wird er seit dieser Zeit unter dem Namen »Vanishing Point« verkauft. Der erste Capless hatte eine Drehmechanik, ähnlich wie ein Drehkugelschreiber, ein gutes Jahr später folgte eine Version mit der vom Kugelschreiber bekannten Druckmechanik.

Eigentlich ist es nicht aufregend, ein aus der Feder und dem darunter liegenden Tintenleiter bestehendes Federaggregat mit einer Druckmechanik vor- und zurückzuschieben. Die Druckmechanik ist relativ simpel und wird heute selbst im Werbekugelschreiber für ein paar Cent verbaut. Wäre da nicht die Herausforderung, dass – anders als beim Kugelschreiber – die Feder luftdicht umschlossen sein muss, damit die Tinte nicht eintrocknet. Und es gibt noch eine zweite Herausforderung. Diese Abdichtung muss sicher funktionieren, die Tinte darf hier nicht nach außen treten, z.B. bei fast leerem Tintentank, wenn der Tintenfluss ausnahmsweise mal reichlich ist und durch Schütteln und Rütteln Tropfen aus der Feder kommen. Daher haben alle Füllfederhalter den Clip an der Kappe und nicht am anderen Ende. Wenn, dann soll die Tinte nämlich aus Feder und Tintenleiter zurück in das Tintenreservoir fließen, nicht umgekehrt. Die Feder kann also niemals so eingebaut werden, dass sie nach unten weist, wenn der Füller mit dem Clip in die Manteltasche eingesteckt wird – anders als beim Kugelschreiber mit seiner recht pastosen Farbe, die nicht »ausläuft«.

Beide Herausforderungen haben die Entwickler des Pilot Capless, mit einem kleinen »Füller-Ufo« beantwortet. Der Clip ist im Griffstück integriert. Sehr ungewöhnlich, dieser Stift, ein Eyecatcher, und der Druckmechanismus funktioniert auch einwandfrei. Konstruktionsbedingt kann natürlich kein voluminöses Federaggregat, wie es z.B. bei einem klassischen Pelikan-400-Stresemann oder bei einem Montblanc vorhanden ist, vor- und zurückgeschoben werden. Feder und Tintenleiter sind also schmal gebaut, was widerum bedingt, dass die Feder nicht besonders elastisch sein darf, schmal wie sie ist. Weiche Goldfedern bleiben hier konstruktionsbedingt außen vor.

Natürlich ist dieser Füllfederhalter mit der per Knopfdruck ausfahrbaren Feder nicht nur ein absoluter Hingucker, sondern auch ein Klassiker, da es ihn ja schon fast seit 50 Jahren gibt, wenn auch mit deutlichen Designänderungen, vergleicht man die Version aus der Werbung der Sechziger mit meinem dunkelgrünen Capless oder gar der Version aus dem Manufaktum-Katalog.

Mein Capless ist schon etwas älter und war einer der preiswerteren Varianten, die heute nicht mehr hergestellt werden. Preiswerter ist relativ, denn ich habe noch zu D-Mark-Zeiten 100 Mark für den Stift bezahlt und ihn seinerzeit mit einem großzügigen Rabatt erworben. Er war das das letzte Stück einer Schreibwarenhändlerin, die diese Marke nicht weiterführen wollte. Heute werden nur noch die wesentlich teureren Varianten verkauft, die ich aufgrund des deutlicheren Clipansatzes gar nicht mal so schön finde. Das Innenleben scheint ziemlich unverändert zu sein. Vor einiger Zeit habe ich einen Füller davon getestet. Kein Unterschied zu meinem dunkelgrünen Capless, von dem ich hier ein paar Detailfotos zeige. Für Menschen wie mich, die a) schnell schreiben und b) mit einer weichen Goldfeder gut umgehen können, Strichstärken damit gut modulieren können, ohne die Feder gleich zu verbiegen, ist das Schreibgefühl des Capless – ja, unterirdisch. In etwa wie ein klobiger Kugelschreiber mit mäßigem Tintenfluss, der zum Langsamschreiben zwingt, keine Strichmodulation zulässt und Aussetzer hat, schreibt man etwas schwungvoller und schneller. Dazu kommt das sehr ungewöhnliche Handling mit dem Clip am Griffstück, was bei den beueren Varianten mit dem weniger in das Griffstück integrierten Clip noch extremer ist.

Fazit
Ein Klassiker, der optisch etwas hermacht, sofern man den Stil mag. Ein extravagantes Spielzeug für große Jungs mit leicht ungelenker Handschrift, die eben sonst am besten und liebsten mit Kugelschreiber oder Rollerball schreiben, sich an (Hoch-)Preis und Technik erfreuen und ein wenig die Kultur blauer Tinte entdeckt haben. Nichts jedoch für Liebhaber feiner Goldfedern und für geübte Füllfederhalter-Schreiber. Die werden sich mit dem eigenwilligen Kappenlosen mit seiner hammerharten Feder und den eingeschränkten Schreibmöglichkeiten schnell langweilen. Als Geschenk? Nun ja, für Technik-Begeisterte, Sammler, und Menschen, die ins skizzierte Raster passen, für echte Hand-Schreiber besser nicht.

Mehr Informationen zum Pilot Capless gibt es im →Internet zu Hauf. Zum Beispiel in einem →Bericht von pens-and-freaks.de.

Ach ja, und von Manufaktum gibt es die Beschreibung des kappenlosen Federschreibgerätes auch im →Online-Shop.

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