Berlin, Gesellschaft

Berlin-Marathon

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Der Berlin Marathon, ein jährliches Ereignis am letzten Septemberwochenende. Heute findet er statt, auf Twitter habe ich vorhin schon einigen Läufern und den Supportteams einen guten Lauf gewünscht – den Schwammhaltern, Fläschchengebern und persönlichen Motivatoren ebenso wie den Läufern und Läuferinnen selbst.

Seit 2003, also seit 10 Jahren ist es der erste Berlin-Marathon, an dem ich so gar nicht beteiligt bin, weder als Zuschauer oder als Läufer. Acht mal bin ich die Strecke gelaufen. 337,56 km durch abgesperrte Berliner Straßen, 2003 das erste mal und 2010 das letzte Mal. 10 Mal hätten es eigentlich werden sollen – und werden es hoffentlich noch. Ich würde heute mit einer grünen Nummer laufen, als einer dieser Jubilee-Club Veteranen, die den Hauptstadtlauf schon 10 Mal absolviert haben. Statt dessen kam vieles anders. Nein, nichts schlimmes und nichts gesundheitliches, sondern Glück, Heirat, Ehe, viel Heimsport (sie wissen schon…), und gute häusliche Küche. Meine Metamorphose vom studentischen Jüngling mit Mitte vierzig zum mittelalterlichen, dicklichen, glücklichen Ehemann, mit der besten Frau der Welt, Biokiste, Autourlaub, Schlösserhopping und nach vielen Jahren mit Pappkästen und Kellerregalen endlich in einer eingerichteten Wohnung. Die Medaillen auf dem Bild sind also »echt«, d.h. ich habe sie wirklich bekommen, und es gibt noch einige mehr.

Heute findet der Lauf ohne mich statt. Wir fahren wir nach Norddeutschland in ein kleines Paradies und lassen Marathon Marathon sein, denn selbst die Freundin, die wir im letzten und vorletzten Jahr mit Päckchen Taschentüchern supportet haben, läuft dieses Jahr nicht mit.

Nun, ein wenig Wehmut ist schon dabei, heute Morgen nicht in der Straße des 17. juni dabei zu sein, wo doch heute ein Bilderbuchwetter ist – wobei, für die Läufer könnte es gegen Mittag schon zu warm sein. Gut erinnere ich mich noch an meinen letzten Berlin Marathon 2010 (oder war es 2009), als es im Start schon Bindfäden regnete und wir unter einer Bühne zusammengewängt Regenschutz suchten und auf den startschuss warteten. Nach knappen 20 Kilometern war meine Funktionsjacke so durchnässt, dass ich sie im Yorckschlösschen abgab, die restliche Strecke im Shirt weiterlief und sie spätabends wieder abholte. Alle Marathon-Debütanten werden dieses Erlebnis nicht haben, sondern einen schönen Tag und ziemlich sicher auch ein schönes Erlebnis.

Gedanklich lasse ich die Strecke gerade revue passieren und bin natürlich gespannt, wie die Läufer sie heute erlebt haben. Deswegen: Bitte gerne einen Kommentar schreiben.

Der Start des Hauptstadtlaufes findet immer auf der Straße des 17. Juni statt, in einer riesigen Menschenkette von ca. 40.000 Läufern. Vor dem Start geht es natürlich den Kleiderbeutel abgeben und man kann noch etwas die Atmosphäre vor dem Reichstag genießen. Sofern man mit einer Gruppe läuft gibt es vielleicht vorher noch ein Erinnerungsfoto auf der Treppe des Reichstags. Ich fand diese Atmosphäre immer sehr schön. Mindestens bei diesen Zusammenkünften habe ich Läufer immer sehr hilfsbereit und nett erlebt und das Einzelkämpfertum, das man ihnen nachsagt, habe ich nie feststellen können. Eines ist übrigens auf den Platz vor dem Reichstag am Marathon-Tag gebilligt. Um den Damen lange Dixi-Wartezeiten zu ersparen, wässern hier schon mal einige Herren die Hecke. Bitte meine Herren wann dürfen Sie schon mal vor dem Reichstagsgebäude an die Hecke pinkeln, ohne dass die Staatsmacht gleich hinter Ihnen steht und man Ihnen das sonstwie auslegt? Am Marathon-Tag dürfen Sie es. Ich habe es schon einige Male getan.

Hat man den auf der Startnummer aufgedruckten Startblock erreicht, geht es im Pulk Richtung Siegessäule – Rechtsläufer wie ich laufen rechts der Gold-Else, die anderen links. Vorbei am Flohmarkt Richtung Ernst-Reuter-Platz, West-Berliner-Publikum eng im Spalier aufgestellt. Der Start ist vorbei, man hat die allererste Prognose für den Lauf. Alles easy, oder erschwerte Bedingungen am Start. Zu viel Pulk, falscher Startblock, zu viele rempelige, von der Midlife-Crisis Gebeutelte, die unbedingt die 3:30- oder 4-Stunden-Marke knacken müssen? Oder gleich Läufer/innen mit gleichem Tempo gefunden, mit denen man die ersten Kilometer bei kurzweiligem Gespräch absolviert?

Auf jeden Fall langsam und stetig das eigene Wohlfühltempo erreichen und in diesen ersten Kilometern zum Erreichen der mittleren Flughöhe kein unnötiges Kerosin verbrennen. Im Pulk geht es weiter Richtung Moabit, über die Gotzkowskybrücke. Eine Freundin wohnt hier und ich bin dort immer links außen gelaufen. Schauen, ob man sich sieht, auch wenn man nicht direkt verabredet ist. Langsam entzerrt sich der Pulk etwas. Das Moabiter Publikum ist nicht das schlechteste. Bodenständig, ohne irgendwelche Hard-Rock-Sequenzen aus übersteuerten Lautsprechern, die mich aus dem Lauftakt bringen.

Nach Zeitmessung und Verpflegungsstation begrüßen uns die unfreiwilligen Bewohner dieses Stadtteils aus den Zellenfenstern der JVA und weiter gehts im Läuferstream zwischen Bundeskanzleramt und Hauptbahnhof. Zweimal kurz bergauf, um dann runter in die Reinhardstraße zu laufen. Da es leicht runter geht, sieht man den Läuferstream von oben. Tolles Bild, und selbst dort mittendrin, in diesem Strom.

Vorbei am Friedrichstadtpalast über die Torstraße kommt jetzt der Kilometer 10. Das Laufen im Stream ist nicht mehr störend eng, wenngleich es sich an den Verpflegungspunkten natürlich immer drängelt. Ein Viertel ist jetzt geschafft, und jetzt gibt es eine sichere Prognose, wie denn die noch verbleibenden 32 km sein werden.

Die Torstraße ist publikumsmäßig nicht soo frequentiert, so dass man sich hier gut mit seinem persönlichen Supportern verabreden kann. »Ich laufe links, Torstraße, Ecke Bergstraße, Richtung Rosenthaler Platz« sollte also gut machbar sein.

Weiter geht es via Mollstraße, Alexanderplatz, Strausberger Platz an Mainstream-Publikum, am Alex natürlich besonders dicht, Richtung Kreuzberg. Zwischenzeitlich immer mal wieder weniger Publikum, gut zum Verabreden, um die persönlichen Supporter nicht zu verfehlen.

Spätestens am Kottbusser Tor stellt sich Multikulti ein, Musikband inklusive. Meist nichts für mich, nicht mein Geschmack. Zu laut, es bringt mich aus dem Lauftakt. Ok, ich bin eh nicht so ein Kreuzberg-Neukölln-Fan. Weiter im Stream Richtung Hermannplatz mit Verpflegungsstand und Remmidemmi. Via Südstern nach Kreuzberg61, mit Zuschauern und Supportern, die bei gutem Wetter auf dem Bürgersteig frühstücken. Dann vorbei am Yorckschlösschen, wo ich wie oben beschrieben vor drei Jahren meine zum Schwamm nassgeregnete Jacke abgab, Richtung Schöneberg.

In der Grunewaldstraße ist die Halbmarathon-Marke erreicht. Wie siehts aus mit den Energiereserven und mit der Zeit? Jetzt »nur« noch einmal soweit wie bis hier. Alles gut, bzw. im grünen Bereich? Dann weiter am Rathaus Schöneberg vorbei – Sie wissen schon, vor 31 Jahren sagte Präsident Kennedy in der Reststadt hier seinen Satz auf dem Balkon. In der Unterführung Innbrucker Platz wie jedes Jahr die viel zu laute Samba-Band, in der ein Kollege die ersten Jahre mit trommelte. Nicht meins. Links dran vorbei und schnell weg aus der Lärmkulisse. Jetzt durch Friedenau mit eher bürgerlichem Publikum, schön und erholsam. Und nach 25 oder 26 Kilometern immer schön auf Flughöhe bleiben, d.h. die Laufgeschwindigkeit halten und sich nicht verausgaben. Am Breitenbachplatz dann wieder eng gestelltes Westberliner Publikum und weiter ganz entspannt durch die Lenzeallee. Idyllisch, Kinderfest-Publikum, private Verpflegungsstände, vor Jahren auch mal ein SPD-Stand dazwischen, der die Läufer supportete. Den wird es heute vermutlich nicht geben, die Wahl war dieses Jahr schon. Das Stück Lenzeallee habe ich immer sehr genossen. Kurzweil, eben so, wie es mir gefällt. Dann direkt zum Halligalli am Wilden Eber. Publikums-Pulk, Fernseh-Übertragung, Bühne und Band wie beim Großevent – es ist Großevent, der Berlin-Marathon.

Wilder Eber, das bedeutet auch Zwei-Drittel-Marke, also 28 Kilometer. Jetzt noch ein Drittel, also Tempo und Kondition halten und ein paar Kilometer weiter entweder durchstarten oder langsam ins Ziel.

Das letzte Drittel beginnt mit unspektakulären Westberliner Hauptstraßen, einem schon deutlich entzerrten Läuferstream und für mich nicht so vielen Sightsseeing-Impulsen. Hohenzollerndammm, Fehrbelliner Platz, schnell durch, aber nicht zu schnell. Erreichtes halten, ist die Maxime. Hier sieht man schon immer wieder einige Läufer nicht mehr laufen, sondern gehen, von ihren Unterstützern gepampert, oder einfach nur schlecht aussehend. Nun, wenn sie einfach gleichmäßig weitergehen, schaffen sie es ja auch so ins Ziel.

Über die Konstanzer Straße dann den Kurfürstendamm runter, an im Spalier stehenden Publikumsmassen vorbei. Am Anfang der Konstanzer Straße eine Bühne mit Kamera und Sprecher. Mit Glück wird man persönlich genannt. Also immer schön lächeln, auch wenn bei 32,5 Kilometern der Akku langsam leer sein sollte. »Konstanzer, Ecke Zähringer Straße, Laufrichtung rechts« war immer mein persönlicher Support-Treffpunkt. Es sind von hier noch 10 Kilometer, so wie zwei große Runden um den Tiergarten, also nicht besonders. Mein persönlicher Durchhaltespruch. Durchaus weiterzuempfehlen, der Treffpunkt hier, findet man sich doch ziemlich schnell.

Ku-Damm runter, Wittenbergplatz, Potsdamer Platz, Publikum galore. Schweiß auf den Straßen, Mittagssonne. Und noch immer im Läuferstream, begleitet von einigen an der Seite gehenden und Menschen, die am Tag danach hoffentlich wieder besser aussehen. Tolles Publikum, man motiviert sich gegenseitig. Potsdamer Platz wieder Spalier-Publikum, aber sehr gut für die Motivation.

Jetzt heißt es nicht mehr Tempo halten, sondern sicher ankommen. Also gut motiviert den Akku leeren und nicht zu schnell durch die historische Berliner Mitte laufend Sightseeing über abgesperrte Straßen. Auch wenn ich hier wohne, und diese Straßen jeden Tag fußläufig erreichen kann, motiviert mich diese Berliner historische Mitte, Gendarmenmarkt, etc. immer wieder. Dazu das überragende Gefühl, körperlich und mental etwas geschafft zu haben, mindestens beim Abbiegen nach Unter den Linden stellt es sich ein. Nun nur noch auf das Brandenburger Tor zu. Das Tor in Sichtweite und immer näher kommend. Mindestens direkt vorm Tor heißt es gut aussehen und lächeln. Hier verjüngt sich die Strecke, das Publikum hinter einer Absperrung. Zügig durchs Tor, das Ziel im Blick. Jetzt entweder ganz schneller Endspurt, vorbei noch an anderen Läufern. Oder gemächlich der Zeitmess-Matte im Ziel entgegen. Moderat stoppen, nicht zu abrupt. Geschafft. Die Medaille umgehängt bekommen. Langsam im Strom Tee, Äpfel, Bananen, Verpflegungstüte und Kleiderbeutel abholen – und sich den Rest des Tages und die nächste feiern lassen.

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