Berlin

Zeitreise #1

WEST-BERLIN, ZIEMLICH GENAU VOR 40 JAHREN

… Eine sehr schöne Vorstellung war es. Vom Schiller-Theater huschen wir noch in die Paris-Bar rüber, einen Absacker trinken und auf unser neues Projekt anstoßen. Einige Gläser Champagner sind es dann doch in dieser schön gediegenen Atmosphäre, die wir beide immer wieder gern genießen. A. sieht heute wieder zauberhaft aus mit ihren blonden Haaren und in diesem schwarzen Kleid. Wir haben viel Spaß und sind mit jedem Glas etwas mehr beschwippst. Langsam siegt jedoch die Müdigkeit. Der Ober bringt mir die Rechnung. Ich runde großzügig auf und bitte ihn, uns ein Taxi zu rufen. Wenige Minuten kommt er erneut. Das Taxi sei da. Zügig helfe ich A. in den Mantel und reiche ihr den hellen Nerzschal.

Draußen schneit es leicht in der nasskalten Februarnacht. Ein schwarzer Mercedes – das neue Modell mit der Heckflosse – hält vor der Paris-Bar. Dieseltypisch nagelt der Motor. Ich gehe mit A. zum Auto, öffne ihr die hintere Tür und steige gegenüber ein. Mittlerweile ist es halb drei durch.

Der Taxichauffeur ist geschätzt Anfang 60, Typ Berliner Schnauze mit Herz. Er berlinert stark und trägt eine Schlägermütze. „Juten Morgn, wo sollet denn hinjehn?“ „Wir müssen zum Oberhaardter Weg.“ Routiniert stellt er den Taxameter auf Null. „Jerne, die Herrschaften.“ Er wendet auf der Kantstraße und biegt nach links in die Fasanenstraße ein. An der Kreuzung zum Kurfürstendamm halten wir etwas länger. Das mercedestypische Klicken des Blinkrelais wirkt entspannend. Ein schönes Geräusch. Weiter geht’s, den neonbeleuchteten Ku’damm hoch. Bunte Lichterpunkte in unscharfen Formationen sehe ich durch die nasse Scheibe der Autotür. A. beschäftigt sich mit mir, ich mich mit ihr. Wir knutschen verliebt. Wir sind es. In der westdeutschen Provinz wären wir jetzt Stadtgespräch. Hier ist es egal. In Halensee stoppt das Taxi noch einmal an einer Ampel, dann biegen wir in die Königsallee ein. Langsam geht es über die kurvige Straße. Wir haben noch etwas Zeit.

Zielsicher biegt der Taxichauffeur nach links in den Oberhaardter Weg und stoppt vor der Hausnummer, die ich genannt hatte. Er kassiert, schreibt kurz eine Quittung und wünscht uns in breitem Berlinerisch eine gute Nacht und einen schönen Tag. Ich geleite A. zur Haustür und schließe auf…

Gesellschaft · Reisen

Rosenhofstraße, im Arme-Leute-Viertel hinterm Schlachthof

Aus der Reihe: Wo ich schon mal wohnte

NACH HAMBURG

Anfang der 90er zog ich nach Hamburg. In Hannover habe ich studiert, die Liebe und erste längere Beziehung erlebt, und es war die erste Stadt überhaupt, in der ich lebte, aufgewachsen im Nirvana an einer Fernbundesstraße zwischen zwei Provinz-Städten. Das Studium war beendet, die Paarbeziehung mit gemeinsamer Wohnung ebenso. Einen festen Job hatte ich nicht, konnte jedoch ganz gut leben von meinen zwei bis drei freien Jobs und hatte zudem noch ein Aufbaustudium begonnen. Durch ein kurzes Intermezzo in Rom hatte ich erlebt, was wirklich eine ‚Stadt‘ ausmacht. Seitdem ziehen mich große Städte an.

Hannover, das war ein erweitertes Bielefeld, vielleicht sogar schlimmer. Dort, wo die Leute das sauberste Hochdeutsch sprechen und am spießigsten sind. Keine Perspektive für mich, hier zu leben, zumal es noch einige tiefgreifende Negativerfahrungen in dieser Stadt gab. Aufbruchsstimmung. Wohin? Andere zogen ihren ersten Jobs hinterher, ich zog nach Hamburg. 150 km von Hannover entfernt, 150 km weiterer gesunder Abstand zum Elternhaus. Das Tor zur Welt. Für mich. Da könnte ich doch erst mal meine Jobs in Hannover weiter machen, und ein- bis zweimal in der Woche hinfahren. Das Aufbaustudium könnte ich in Hamburg abschließen, dort wurde es auch angeboten. Nun, manches kam anders, aber immerhin ein guter Plan.

Von Hamburg bin ich heute nach vielen Jahren Berlin immer noch sehr angetan. Und wenn es nicht das zugegebenermaßen große Problem der Pendantfindung gegeben hätte, würde ich sicher heute noch meinen Lebensmittelpunkt dort haben. Darüber schrieb ich ja schon.

In Hamburg hatte ich genau zwei Kontakte. Eine Dozentin aus meinem Studium wohnte hier und von meiner Ex-Freundin eine Cousine. Mein Ziel war, unbedingt zentral zu wohnen, möglichst in einem Szene-Kiez, bloß nicht irgendwo außerhalb. Schanzenviertel, Eimsbüttel, Altona hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Das erschienen mir die idealen Stadtteile. Studentisch, links, alternativ, kritisch, antibürgerlich, eben damals zu meinem Lebensgefühl passend. Relativ schnell fand ich eine kleine und bezahlbare Wohnung in der Rosenhofstraße, ziemlich mittendrin im Schanzenviertel.

SCHANZE

Das Schanzenviertel, umgangssprachlich auch einfach ‚die Schanze‘ genannt, ist der Bereich rechts und links der Straße Schulterblatt. Einerseits begrenzt durch Neuen Pferdemarkt und Altonaer Straße, in anderer Richtung durch Schanzenstraße und Stresemannstraße. Vielleicht gehört die Sternstraße jenseits der Schanzenstraße auch noch dazu. Dieses Viertel gehört verwaltungsmäßig zu St.Pauli, ein offiziellerer Name ist St.Pauli-Nord. Die Bezeichnung Schanzenviertel ist durch die Sternschanze begründet und existiert eigentlich erst seit den 80ern. Früher war dieses Quartier als Arme-Leute-Viertel hinterm Schlachthof bekannt. Gründerzeitliche Bebauung, im Lauf der Jahrzehnte heruntergekommen. Dazwischen ein paar Bombenlücken mit 50er- und 60er-Jahre-Häusern aus dem Wiederaufbauprogramm. Rote Hartbrandziegel-Fassaden.

Arme Leute wohnten hier immer noch, Anfang der 90er. Jetzt eben Studenten, Alternative, Migranten. Dazwischen sozial schlechter situierte ohne Selbstverwirklichungs-Anspruch. Dann noch Rentner, meist klassische Arbeiterschicht, seit Kriegsende hier im Kiez. Mittendrin im Viertel die Rote Flora mit Punks, Linken, Aktivisten und ab und zu Konzerten.

ROSENHOFSTRASSE

Ich zog also in die Rosenhofstraße, eine kurze Kniestraße, mit schönem Namen und literarisch bereits bearbeitet. Sie biegt von der Susannenstraße ab, ziemlich genau in der Mitte zwischen Schulterblatt und Bartelsstraße, und kommt kurz vor der Bahnunterführung auf’s Schulterblatt raus.

Wenn Sie von der Susannenstraße in die Rosenhofstraße einbiegen, gibt es auf der rechten Seite einige Häuser aus der Nachkriegszeit mit roter Backsteinfassade. In einem davon lag meine Wohnung. Gründerzeit-Altbau wäre mir lieber gewesen, vielleicht eines der Häuser gegenüber, mit hohen Räumen, studentischem Umfeld, großen Zimmern. Statt dessen eine Wohnung in einem Wiederaufbauprogramm-Haus. 1953 gebaut, eines der frühen, schlechteren also. Schlichtes, enges Treppenhaus, kleine Zimmer, niedrige Decken, dünne Wände. Den ersten Nachbarn, Generation 75-plus, lernte ich schon am Tag der Wohnungsbesichtigung kennen. Herr M., der Geist vom Alter etwas mitgenommen. In besseren Zeiten war er Versicherungs-Vertreter gewesen. Wenn die alle so sind? Aber ich wollte diese Wohnung. Es gab im Moment keine bezahlbare Alternative. Im Viertel würde ich schon Leute kennen lernen, und außerdem war die Wohnung sehr schön zentral. Auch andere Bekanntschaften würden schnell vorbei kommen. Ich mietete diese Wohnung.

Eingezogen, stellte ich fest, dass außer einer jungen Frau mit ihrer kleinen Tochter alle Nachbarn der Generation von Herrn M. angehörten, Tendenz älter. Frau R., Frau Ch., Herr und Frau H., Herr und Frau S. und eben Herr M. Sie alle wohnten schon dort, seitdem das Haus gebaut war oder waren kurz danach eingezogen, so in den Jahren bis 1955. Herr M. war von dieser Belegschaft übrigens als letzter eingezogen, 1959. Ich war damals gut Mitte 20 und ein technisch versierter, schüchterner Nerd. Smalltalk und Nachbarn anzusprechen habe ich erst viel später gelernt. Was sollte ich mich mit dieser Rentner-Riege auch unterhalten? Ich war jung. Waren das nicht alles Erwachsene mit Wertvorstellungen von vorgestern, in denen ich junger Hüpfer eh nichts galt? Alt und unlustig und vom Leben gezeichnet? Noch schlimmer wie die 50-plus und 60-plus Nachbarn aus den zwei Hannoverschen Häusern, in denen ich mich nie richtig wohl gefühlt hatte. Schöne Aussichten.

HAUSGEMEINSCHAFT

Nun, der Kontakt kam zu mir. Frau R. aus dem Erdgeschoss lauerte mir auf, um mir zu sagen, dass die Frau K. hier die Treppe macht. Kostet 10 Mark im Monat, und da beteiligen sich alle. Aha. Etwas überrumpelt, stimme ich schüchtern-willig zu, und sie gibt mir die Kontonummer von Frau K. Am besten immer 30 Mark für’s Vierteljahr im voraus überweisen. Das machen alle so.

Ok, Treppenfrau, warum nicht. Das kannte ich aus Hannover nicht. Dort wurde die Treppe abwechselnd selbst gewienert, was dann mit Unterschriftenkärtchen oder einem anderem Kontrollsystem gesteuert wurde. Natürlich nicht, ohne anderen Bewohnern die eigenen Vorstellungen der Treppenreinigung geringschätzig kund zu tun. Gut, dieses gab es in Hamburg also nicht (in Berlin übrigens auch nicht). Frau K., die Treppenfrau, war schon kurz vor 70 und verdiente sich wohl etwas hinzu. Zudem hatte Sie Asthma und rückte ab und zu Samstag nachmittags heftig schnappatmend mit Wischeimer und Feudel an.

HAUSPARTIES

In den ersten Monaten wurde ich dann von den alten Herrschaften quasi in die Hausgemeinschaft adoptiert. Da sich alle ja schon seit Jahrzehnten kannten, wurde regelmäßig und ausgiebig gefeiert, meist Geburtstage, manchmal auch anderes. Genauso regelmäßig wurde der »junge Mann von oben« auch dazu eingeladen.

Das Szenario war immer ähnlich. Alle versammelten sich im kleinen Wohnzimmer der Gastgeberwohnung. Schnittchen, Zigaretten, und nicht gespart an Alkohol. Zwar krank und gebrechlich, aber lustig und lebensfroh, diese Rentner-Crew. So ganz anders als ich das aus meiner Familie und von den weit jüngeren Nachbarn aus den Hannoverschen Häusern kannte. Ganz ohne diese enge »Was denken die Nachbarn«-Attitüde und ohne geringschätzige »das tut man doch nicht«-Blicke. Immer schön waren sie, diese Feiern. Auch, wenn ich mal nach Hause kam und schon im Treppenhaus abgefangen wurde, weil in irgendeiner Wohnung gerade wieder Sekt getrunken wurde und auf etwas angestoßen wurde.

Manchmal gab es dann schon herrlich lustig-skurrile Situationen. Frau Ch. war die älteste im Haus, jedoch noch recht gut beisammen. Schlank und rank, immer mit dunkelblauem oder beigem Mantel unterwegs mit energisch-lautem Ton, der wohl nicht nur auf Schwerhörigkeit beruhte. Seit 1953 in der Rosenhofstraße, gleich nach dem Bau des Hauses eingezogen. Wir feierten ihren 95. Geburtstag. Das übliche Spektakel. Alle in der kleinen Wohnung, Nachbarn und Familie. Und damit denn auch wirklich alle dabei sind, wird mit der großen Video-Vorführung extra noch gewartet. Bei Sekt und Schnittchen schauen wir uns dann ein vollkommen verrauschtes Video mit altersgerechter Lautstärke an, in dem Klaus von Dohnanyi der Jubilarin zum 80. Geburtstag gratuliert. Das war 15 Jahre zuvor. Frau Ch. kommentiert derweil. Sie war früher politisch aktiv. Links, natürlich für die Arbeiter. Lassen Sie mal Maria Furtwängler 95, schmal, grau, dünnhaarig werden. Dann haben Sie ein Bild im Frau Ch.

Direkt unter mir wohnten Herr und Frau S., beide etwas jünger als Frau Ch. Sehr ruhige Menschen, im Gegensatz zu Frau Ch. nicht unbedingt kontaktfreudig. Altersgemäß immer langsam unterwegs, oft zusammen. Wahrscheinlich hatte Herr S seine regelmäßigen Einkaufsgänge, ich sah ihn oft die Rosenhofstraße einbiegen. Stets trug er einen Stoff-Einkaufsbeutel und eine schwarze Elbsegler-Mütze mit lackglänzendem Schirm. Diese Mützen trug man früher auch im Hafen, in den 90ern sah man sie hingegen nur noch selten, zumindest mit dem glänzenden Schirm. Vorm Krieg war Herr S. zur See gefahren, später dann als Arbeiter beschäftigt gewesen. An seinem 90. Geburtstag wieder das gleiche Schauspiel, diesesmal Sonntags ab 11. Alle im kleinen Wohnzimmer, dazu noch die Familie. Schnittchen, Zigraretten, Sekt. Der jüngste Sohn war noch in der Wohnung aufgewachsen. Und der Herr S., anfangs noch so schüchtern-verlegen, als ich ihm ein Geschenk überreichte, hatte einen Zug, das glaubt man nicht. Ein Sektchen und noch eins und noch eins und so weiter. Richtig gesprächig wurde der im Lauf des Nachmittags, erzählte aus alten Zeiten, von seinen Mädchen, etc. Leider starb er ein oder zwei Jahre nach seinem 90. Wenn ich alte Bilder aus dem Hafen mit Arbeitern betrachte, muss ich oft an Herrn S. denken, der Schirm-Mütze mit dem glänzenden Schirm wegen.

AUSZUG

Aufgegeben habe ich die Wohnung in der Rosenhofstraße, als mir der schlechte Zustand mehr und mehr zuwider wurde und die Miete stieg. Zudem war der Mietvertrag moderat formuliert etwas ungünstig und der Vermieter mir nicht so angenehm. Zu der Zeit war das Haus im Wandel. Die Gemeinschaft löste sich langsam auf. Herr M., der Ex-Versicherungsvertreter, war ein Jahr zuvor ausgezogen, stark dement, er konnte nicht bleiben. Frau S.‘ Umzug war nach dem Tod ihres Mannes in Vorbereitung, Frau Ch. ging langsam auf die 100 zu. Ich zog also aus.

Im Schanzenviertel war ich danach noch sehr oft. Nicht mehr jedoch im Haus in der Rosenhofstraße. Ungefähr drei Jahre später habe ich am Klingelschild geschaut. Ich wollte wissen, wer dort noch wohnt. Nur noch den Namen von Herrn und Frau H. fand ich. Beide hatten jedoch immer wieder erzählt, ihr Sohn möchte diese Wohnung unbedingt behalten, und deshalb gäben sie sie schon nicht auf. So wird dieser Name wohl noch lange auf dem Klingelschild bleiben.

Das war’s gewesen mit der Hausgemeinschaft an der Rosenhofstraße. Und mit meiner Wohnung in diesem Viertel. Der Kiez passte damals. Ich war glücklich dort. Müsste ich nach Hamburg ziehen, würde ich nicht wieder ins Schanzenviertel ziehen. Der Kiez hat sich spürbar verändert. Ich auch, noch mehr. Ich glaub‘, ich würd’s jetzt in Winterhude oder Eppendorf versuchen.

Gesellschaft · Reisen

Rosenhofstraße,
im Arme-Leute-Viertel hinterm Schlachthof

Aus der Reihe: Wo ich schon mal wohnte

NACH HAMBURG

Anfang der 90er zog ich nach Hamburg. In Hannover habe ich studiert, die Liebe und erste längere Beziehung erlebt, und es war die erste Stadt überhaupt, in der ich lebte, aufgewachsen im Nirvana an einer Fernbundesstraße zwischen zwei Provinz-Städten. Das Studium war beendet, die Paarbeziehung mit gemeinsamer Wohnung ebenso. Einen festen Job hatte ich nicht, konnte jedoch ganz gut leben von meinen zwei bis drei freien Jobs und hatte zudem noch ein Aufbaustudium begonnen. Durch ein kurzes Intermezzo in Rom hatte ich erlebt, was wirklich eine ‚Stadt‘ ausmacht. Seitdem ziehen mich große Städte an.

Hannover, das war ein erweitertes Bielefeld, vielleicht sogar schlimmer. Dort, wo die Leute das sauberste Hochdeutsch sprechen und am spießigsten sind. Keine Perspektive für mich, hier zu leben, zumal es noch einige tiefgreifende Negativerfahrungen in dieser Stadt gab. Aufbruchsstimmung. Wohin? Andere zogen ihren ersten Jobs hinterher, ich zog nach Hamburg. 150 km von Hannover entfernt, 150 km weiterer gesunder Abstand zum Elternhaus. Das Tor zur Welt. Für mich. Da könnte ich doch erst mal meine Jobs in Hannover weiter machen, und ein- bis zweimal in der Woche hinfahren. Das Aufbaustudium könnte ich in Hamburg abschließen, dort wurde es auch angeboten. Nun, manches kam anders, aber immerhin ein guter Plan.

Von Hamburg bin ich heute nach vielen Jahren Berlin immer noch sehr angetan. Und wenn es nicht das zugegebenermaßen große Problem der Pendantfindung gegeben hätte, würde ich sicher heute noch meinen Lebensmittelpunkt dort haben. Darüber schrieb ich ja schon.

In Hamburg hatte ich genau zwei Kontakte. Eine Dozentin aus meinem Studium wohnte hier und von meiner Ex-Freundin eine Cousine. Mein Ziel war, unbedingt zentral zu wohnen, möglichst in einem Szene-Kiez, bloß nicht irgendwo außerhalb. Schanzenviertel, Eimsbüttel, Altona hatte ich mir in den Kopf gesetzt. Das erschienen mir die idealen Stadtteile. Studentisch, links, alternativ, kritisch, antibürgerlich, eben damals zu meinem Lebensgefühl passend. Relativ schnell fand ich eine kleine und bezahlbare Wohnung in der Rosenhofstraße, ziemlich mittendrin im Schanzenviertel.

SCHANZE

Das Schanzenviertel, umgangssprachlich auch einfach ‚die Schanze‘ genannt, ist der Bereich rechts und links der Straße Schulterblatt. Einerseits begrenzt durch Neuen Pferdemarkt und Altonaer Straße, in anderer Richtung durch Schanzenstraße und Stresemannstraße. Vielleicht gehört die Sternstraße jenseits der Schanzenstraße auch noch dazu. Dieses Viertel gehört verwaltungsmäßig zu St.Pauli, ein offiziellerer Name ist St.Pauli-Nord. Die Bezeichnung Schanzenviertel ist durch die Sternschanze begründet und existiert eigentlich erst seit den 80ern. Früher war dieses Quartier als Arme-Leute-Viertel hinterm Schlachthof bekannt. Gründerzeitliche Bebauung, im Lauf der Jahrzehnte heruntergekommen. Dazwischen ein paar Bombenlücken mit 50er- und 60er-Jahre-Häusern aus dem Wiederaufbauprogramm. Rote Hartbrandziegel-Fassaden.

Arme Leute wohnten hier immer noch, Anfang der 90er. Jetzt eben Studenten, Alternative, Migranten. Dazwischen sozial schlechter situierte ohne Selbstverwirklichungs-Anspruch. Dann noch Rentner, meist klassische Arbeiterschicht, seit Kriegsende hier im Kiez. Mittendrin im Viertel die Rote Flora mit Punks, Linken, Aktivisten und ab und zu Konzerten.

ROSENHOFSTRASSE

Ich zog also in die Rosenhofstraße, eine kurze Kniestraße, mit schönem Namen und literarisch bereits bearbeitet. Sie biegt von der Susannenstraße ab, ziemlich genau in der Mitte zwischen Schulterblatt und Bartelsstraße, und kommt kurz vor der Bahnunterführung auf’s Schulterblatt raus.

Wenn Sie von der Susannenstraße in die Rosenhofstraße einbiegen, gibt es auf der rechten Seite einige Häuser aus der Nachkriegszeit mit roter Backsteinfassade. In einem davon lag meine Wohnung. Gründerzeit-Altbau wäre mir lieber gewesen, vielleicht eines der Häuser gegenüber, mit hohen Räumen, studentischem Umfeld, großen Zimmern. Statt dessen eine Wohnung in einem Wiederaufbauprogramm-Haus. 1953 gebaut, eines der frühen, schlechteren also. Schlichtes, enges Treppenhaus, kleine Zimmer, niedrige Decken, dünne Wände. Den ersten Nachbarn, Generation 75-plus, lernte ich schon am Tag der Wohnungsbesichtigung kennen. Herr M., der Geist vom Alter etwas mitgenommen. In besseren Zeiten war er Versicherungs-Vertreter gewesen. Wenn die alle so sind? Aber ich wollte diese Wohnung. Es gab im Moment keine bezahlbare Alternative. Im Viertel würde ich schon Leute kennen lernen, und außerdem war die Wohnung sehr schön zentral. Auch andere Bekanntschaften würden schnell vorbei kommen. Ich mietete diese Wohnung.

Eingezogen, stellte ich fest, dass außer einer jungen Frau mit ihrer kleinen Tochter alle Nachbarn der Generation von Herrn M. angehörten, Tendenz älter. Frau R., Frau Ch., Herr und Frau H., Herr und Frau S. und eben Herr M. Sie alle wohnten schon dort, seitdem das Haus gebaut war oder waren kurz danach eingezogen, so in den Jahren bis 1955. Herr M. war von dieser Belegschaft übrigens als letzter eingezogen, 1959. Ich war damals gut Mitte 20 und ein technisch versierter, schüchterner Nerd. Smalltalk und Nachbarn anzusprechen habe ich erst viel später gelernt. Was sollte ich mich mit dieser Rentner-Riege auch unterhalten? Ich war jung. Waren das nicht alles Erwachsene mit Wertvorstellungen von vorgestern, in denen ich junger Hüpfer eh nichts galt? Alt und unlustig und vom Leben gezeichnet? Noch schlimmer wie die 50-plus und 60-plus Nachbarn aus den zwei Hannoverschen Häusern, in denen ich mich nie richtig wohl gefühlt hatte. Schöne Aussichten.

HAUSGEMEINSCHAFT

Nun, der Kontakt kam zu mir. Frau R. aus dem Erdgeschoss lauerte mir auf, um mir zu sagen, dass die Frau K. hier die Treppe macht. Kostet 10 Mark im Monat, und da beteiligen sich alle. Aha. Etwas überrumpelt, stimme ich schüchtern-willig zu, und sie gibt mir die Kontonummer von Frau K. Am besten immer 30 Mark für’s Vierteljahr im voraus überweisen. Das machen alle so.

Ok, Treppenfrau, warum nicht. Das kannte ich aus Hannover nicht. Dort wurde die Treppe abwechselnd selbst gewienert, was dann mit Unterschriftenkärtchen oder einem anderem Kontrollsystem gesteuert wurde. Natürlich nicht, ohne anderen Bewohnern die eigenen Vorstellungen der Treppenreinigung geringschätzig kund zu tun. Gut, dieses gab es in Hamburg also nicht (in Berlin übrigens auch nicht). Frau K., die Treppenfrau, war schon kurz vor 70 und verdiente sich wohl etwas hinzu. Zudem hatte Sie Asthma und rückte ab und zu Samstag nachmittags heftig schnappatmend mit Wischeimer und Feudel an.

HAUSPARTIES

In den ersten Monaten wurde ich dann von den alten Herrschaften quasi in die Hausgemeinschaft adoptiert. Da sich alle ja schon seit Jahrzehnten kannten, wurde regelmäßig und ausgiebig gefeiert, meist Geburtstage, manchmal auch anderes. Genauso regelmäßig wurde der »junge Mann von oben« auch dazu eingeladen.

Das Szenario war immer ähnlich. Alle versammelten sich im kleinen Wohnzimmer der Gastgeberwohnung. Schnittchen, Zigaretten, und nicht gespart an Alkohol. Zwar krank und gebrechlich, aber lustig und lebensfroh, diese Rentner-Crew. So ganz anders als ich das aus meiner Familie und von den weit jüngeren Nachbarn aus den Hannoverschen Häusern kannte. Ganz ohne diese enge »Was denken die Nachbarn«-Attitüde und ohne geringschätzige »das tut man doch nicht«-Blicke. Immer schön waren sie, diese Feiern. Auch, wenn ich mal nach Hause kam und schon im Treppenhaus abgefangen wurde, weil in irgendeiner Wohnung gerade wieder Sekt getrunken wurde und auf etwas angestoßen wurde.

Manchmal gab es dann schon herrlich lustig-skurrile Situationen. Frau Ch. war die älteste im Haus, jedoch noch recht gut beisammen. Schlank und rank, immer mit dunkelblauem oder beigem Mantel unterwegs mit energisch-lautem Ton, der wohl nicht nur auf Schwerhörigkeit beruhte. Seit 1953 in der Rosenhofstraße, gleich nach dem Bau des Hauses eingezogen. Wir feierten ihren 95. Geburtstag. Das übliche Spektakel. Alle in der kleinen Wohnung, Nachbarn und Familie. Und damit denn auch wirklich alle dabei sind, wird mit der großen Video-Vorführung extra noch gewartet. Bei Sekt und Schnittchen schauen wir uns dann ein vollkommen verrauschtes Video mit altersgerechter Lautstärke an, in dem Klaus von Dohnanyi der Jubilarin zum 80. Geburtstag gratuliert. Das war 15 Jahre zuvor. Frau Ch. kommentiert derweil. Sie war früher politisch aktiv. Links, natürlich für die Arbeiter. Lassen Sie mal Maria Furtwängler 95, schmal, grau, dünnhaarig werden. Dann haben Sie ein Bild im Frau Ch.

Direkt unter mir wohnten Herr und Frau S., beide etwas jünger als Frau Ch. Sehr ruhige Menschen, im Gegensatz zu Frau Ch. nicht unbedingt kontaktfreudig. Altersgemäß immer langsam unterwegs, oft zusammen. Wahrscheinlich hatte Herr S seine regelmäßigen Einkaufsgänge, ich sah ihn oft die Rosenhofstraße einbiegen. Stets trug er einen Stoff-Einkaufsbeutel und eine schwarze Elbsegler-Mütze mit lackglänzendem Schirm. Diese Mützen trug man früher auch im Hafen, in den 90ern sah man sie hingegen nur noch selten, zumindest mit dem glänzenden Schirm. Vorm Krieg war Herr S. zur See gefahren, später dann als Arbeiter beschäftigt gewesen. An seinem 90. Geburtstag wieder das gleiche Schauspiel, diesesmal Sonntags ab 11. Alle im kleinen Wohnzimmer, dazu noch die Familie. Schnittchen, Zigraretten, Sekt. Der jüngste Sohn war noch in der Wohnung aufgewachsen. Und der Herr S., anfangs noch so schüchtern-verlegen, als ich ihm ein Geschenk überreichte, hatte einen Zug, das glaubt man nicht. Ein Sektchen und noch eins und noch eins und so weiter. Richtig gesprächig wurde der im Lauf des Nachmittags, erzählte aus alten Zeiten, von seinen Mädchen, etc. Leider starb er ein oder zwei Jahre nach seinem 90. Wenn ich alte Bilder aus dem Hafen mit Arbeitern betrachte, muss ich oft an Herrn S. denken, der Schirm-Mütze mit dem glänzenden Schirm wegen.

AUSZUG

Aufgegeben habe ich die Wohnung in der Rosenhofstraße, als mir der schlechte Zustand mehr und mehr zuwider wurde und die Miete stieg. Zudem war der Mietvertrag moderat formuliert etwas ungünstig und der Vermieter mir nicht so angenehm. Zu der Zeit war das Haus im Wandel. Die Gemeinschaft löste sich langsam auf. Herr M., der Ex-Versicherungsvertreter, war ein Jahr zuvor ausgezogen, stark dement, er konnte nicht bleiben. Frau S.‘ Umzug war nach dem Tod ihres Mannes in Vorbereitung, Frau Ch. ging langsam auf die 100 zu. Ich zog also aus.

Im Schanzenviertel war ich danach noch sehr oft. Nicht mehr jedoch im Haus in der Rosenhofstraße. Ungefähr drei Jahre später habe ich am Klingelschild geschaut. Ich wollte wissen, wer dort noch wohnt. Nur noch den Namen von Herrn und Frau H. fand ich. Beide hatten jedoch immer wieder erzählt, ihr Sohn möchte diese Wohnung unbedingt behalten, und deshalb gäben sie sie schon nicht auf. So wird dieser Name wohl noch lange auf dem Klingelschild bleiben.

Das war’s gewesen mit der Hausgemeinschaft an der Rosenhofstraße. Und mit meiner Wohnung in diesem Viertel. Der Kiez passte damals. Ich war glücklich dort. Müsste ich nach Hamburg ziehen, würde ich nicht wieder ins Schanzenviertel ziehen. Der Kiez hat sich spürbar verändert. Ich auch, noch mehr. Ich glaub‘, ich würd’s jetzt in Winterhude oder Eppendorf versuchen.

Gesellschaft

Fische, die ich nicht mehr esse

Ich bin ja von Hause aus Fisch-Esser, vielleicht bedingt durch die Zeit in Norddeutschland. In Berlin kommt das mit Sicherheit zu kurz. Es gibt jedoch zwei Fische, die ich nun gar nicht mehr esse:

1. VIKTORIA-BARSCH
Dass die Viktoria-Barsche durch die toten Hutus und Tutsis im See so fett geworden sind, mag ja eine interessante Legende sein. Trotzdem oder außerdem gib es genug Gründe, den Viktoria-Barsch zu meiden. Google hilft garantiert mit vielen Infos weiter.

2. PANGASIUS
Ein Billig-Zuchtfisch aus zweifelhaften Aquakulturen, den nun wirklich keiner braucht. Ich erst recht nicht. Es gibt genug Gründe, diesen Billig-Fisch zu meiden. Google weiß sehr viel dazu.

Also, fast alles andere gerne, die beiden nicht
(falls Ihr mich mal zum Fischessen einladet ;)

Gesellschaft

Sage mir, wie Dein WLAN heißt

und ich sage Dir, wer Du bist.

Gerade sitze ich wieder in der Kaffee- und Weinbar gegenüber von meinem Büro, sozusagen mein Stammcafé. Dieses Lokal ist so gelegen, dass ich dort das (eher wenig peformante) WLAN des Cafés nutzen kann, aber auch noch mein eigenes WLAN dort empfangen kann, in der Entfernung manchmal ebenso wenig performant, oft jedoch deutlich schneller. Manchmal muss ich jedoch zwischen Café-Netz und eigenem Büronetz hin- und herswitchen, je nachdem welches gerade besser zu empfangen ist.

Bei dieser Gelegenheit wird immer angezeigt, welche Netze sich gerade in Sendebereitschaft befinden. Die Auswahlliste ist stets lang, der Scrollbalken im Auswahlfenster stets klein. Die Grenze zwischen Prenzl’berg und Mitte ist nämlich ein hoch verdichtetes WLAN-Areal. Kaum noch eine Wohnung gibt es hier, in der nicht ein Drahtlos-Router die Bits in die Luft schießt. In der Netzliste erscheinen dann zwischen anonym nichtssagenden Bezeichnungen wie “WLAN-4321-5678-9786-3210″ oder einfach “O2DSL” Namen wie “Schnulli” (gleich an erster Stelle), “Rakete”, “NoName24″ oder “Subject”. Letztere Netznamen mit gleicher Aussagekraft wie erstere, aber zumindest größerem Unterhaltungswert.

Bitte, wer nennt sein WLAN Schnulli oder NoName24?

Ok, „Schnulli ist mal wieder abgestürzt” durch die Agentur oder WG gerufen, ist ja ganz lustig. Vermutlich nette, nicht so lebensschwere Besitzer. Rakete, NoName24 oder Subject lassen eher Hang zu pseudo-originellen und trotzdem anonymen Namen vermuten. Warum aber NoName24 und nicht NoName259? die Endung 24 steht doch weithin für ’24 Stunden‘. Was für die Funktion dieses WLAN sicher auch zutreffen mag, und diesem Netz ein minimales Gesicht gibt. Legt der Besitzer allgemein also auf 24 Stunden Erreichbarkeit Wert? Ist er zu faul, es auszuschalten und lässt es dauernd eingeschaltet? Braucht er es gar als Workoholic 24 Stunden? Oder – ganz falsch spekuliert – befindet sich das Netz in der Hausnummer 24? Die gibt es hier tatsächlich. Spekulationen. Aber etwas davon ist immer richtig!

Schnulli. Das Wort kennen wir alle, aber wer gebraucht es aktiv? Ich nicht. Ist das so ein Berliner Begriff, launig in so Phrasen wie Ist mir jetzt auch Schnulli! verwendet? Ich kenne zumindest nur eine Person, die dieses Wort aktiv gebraucht, meist in dem zitierten Satz. Wer sein WLAN Schnulli nennt, der müsste doch zumindest dieses Wort aktiv gebrauchen?

Hat der Besitzer von Rakete noch ein zweites Netz, das vielleicht älter, langsamer ist. Heißt dieses dann Schnecke? Welche Vermutungen kann man nicht alle anstellen. Natürlich sagt es ziemlich viel über jemanden aus, wie er sein Netz nennt. Schnulli-lustig, Raketen-, Subject-, NoName24-mäßig, oder wie Famile Klein – die es in tatsächlich gibt, sie wohnt im Nebenhaus – deren Netz nach dem selbstbewussten Motto ‚Wir haben nichts zu verbergen‘ tatsächlich mit dem Namen Familie Klein in der Netzauswahlliste erscheint.

Daneben gibt es dann noch die Netze, deren Besitzer die Voreinstellungen vom Provider übernommen haben und den Netznamen gar nicht eigens eingestellt oder geändert haben. Schlichtweg egal für sie, soll ja funktionieren. Und in die Verlegenheit, ihr Netz aus der Auswahlliste aus mehreren ähnlich kryptisch benannten raussuchen zu müssen, kommen sie auch nicht. Wieso auch, alle Compuuter haben ihre einmal eingestellte bevorzugte Verbindung gespeichert. Netzname? Reissack, Schall und Rauch.

Mein WLAN? Verrate ich nicht. Sucht einfach, ob ihr Schnulli und Rakete findet, dann ist meins auch in der Auswahlliste. Spekuliert euch etwas zusammen, welches es ist…

Ach ja, mindestens genauso interessant: Wie heißt Euer Computer? Sagt mir Euren Computer-/Benutzer-Namen, und ich sage Euch, wer Ihr seid! (von Eurem Privatcomputer natürlich, unspektakulär durchnummerierte Firmencomputer lassen wir mal außen vor). Meine Notebooks heißen NN, und Brain’s girl. Letzteres im Damenformat. Brain war der Vorgänger von NN und starb leider den Notebook-Überhitzungs-Tod :( Damit gehöre ich also nicht zur Klarnamenfraktion, die ihren Computer mit vollem Vor- und Zunamen oder persönlicher Anbindung benennt.

Die Fragen bleiben: Wie heißt Euer Computer? Wie heißt euer Netz? Ok. Vielleicht ist Euch dieses Thema auch echt Schnulli.

Berlin

Heute und besseres Wetter

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Nur mal so zum Vergleich. Blick von der Barnimkante. Wir wohnen ja etwas erhöht am Ende der Veteranenstraße, so dass wir gut über die Stadt schauen können. Geologisch ist dieses die Kante des niederen Barnims, die ins Spreetal abfällt, die Barnimkante.