Gesellschaft · Schreibgeräte & Kontor

Die Lesezeichen der Juristin

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Schräg knicken – schnell finden.

Wie man ganz ohne eingelegte Papierschnipsel oder Post-it-Zettel schnell zu einem Lesezeichen kommt. Einfach ein Blatt schräg nach innen falten, so dass eine Ecke gut über den Rand hinaus ragt, zuklappen, fertig. Das nächste Lesezeichen macht man dann etwas versetzt. Die Ecke am Buchrand ergibt sich dann ebenfalls etwas versetzt. Ein simples Verfahren, das man jedoch selten sieht.

Bevor ich diesen Beitrag schrieb, habe ich einige Personen gefragt, ob und wo ihnen diese Art des Lesezeichens zuerst begegnet ist. Nirgendwo, war unisono die Antwort, bzw. man würde es nur durch mich kennen. Jemand bemerkte, ein Blatt würde er auch nie so komplett falten. Das Buch würde dadurch ja beschädigt. Genau das dachte ich auch, als ich dieses Lesezeichen zum ersten Mal bei einer Hamburger Juristin sah, der Hausanwältin meiner früheren Geschäftspartnerin. Sie hatte allerlei Akten dabei, in denen sie sich wichtige Stellen so markiert hatte. Genial fand ich das damals, weil es ganz ohne eingelegtes Lesezeichen oder Post-it funktioniert. Seitdem markiere ich mir wichtige Stellen so. Dort, wo eine Beschädigung nicht so wichtig ist, z.B. im Tageskalender, in Notizbüchern oder in Aktenordnern.

Irgendwie passt es, dass ich diese Art des Lesezeichens zuerst bei einer Juristin sah. Juristerei ist schließlich ein Arbeitsbereich, wo eben nur Content zählt. Völlig egal, ob da ein Aktenblatt einen Knick mittendurch hat. Keinerlei Rechtsbeziehung beeinflusst sich dadurch. Einem guten Buch würde ich diesen Knick mittendurch freilich niemals antun. Für Magazine, Kataloge, Handbücher und Verzeichnisse aller Art, die im nächsten Jahr im Austausch gegen ein neues Exemplar im Altpapier verschwunden sind, möchte ich diese Lesezeichen jedoch nicht missen.

Knicken Sie schräg, finden Sie schnell.

 

Ich möchte von Ihnen gerne wissen, wo Sie diese Art Lesezeichen zuerst gesehen haben? Schreiben Sie mir bitte kurz auf.

 

Berlin · Gesellschaft

Berliner Adressbücher

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Für Spurensucher, Ahnenforscher, Historiker und Zeitreisende. 

Von Steuergeldern werden viele Sachen finanziert, bei denen ich manchmal denke »schade um mein schönes Geld«, zum Beispiel dieses Berliner Flughafenprojekt. Dafür gibt es andere Bereiche, wo etwas sehr inspirierendes geschaffen wird, das man freilich nicht unbedingt braucht, aber das doch sehr interessant und bereichernd ist. Manchmal gehören dazu auch Angebote aus dem Bibliotheksbereich.

Für alle Spurensucher, Genealogen oder einfach nur Berlin-Neugierige gehört das Projekt der digitalisierten Berliner Adressbücher zu diesen interessanten Dingen. Seit einiger Zeit können per Internet ganz bequem die Seiten der gescannten Berliner Adressbücher aus dem Zeitraum von 1799-1943 aufgerufen werden und ab circa 1870 fehlt kein einziger Jahrgang. →Hier kommen Sie zu der Seite der ZLB, über die Sie zu den einzelnen Adressbüchern gelangen.

Gestern wollte ich etwas mehr wissen über den Herausgeber des Grundstücks-Kontobuch, über das ich in meinem →letzten Beitrag schrieb. Ich suchte mit Google etwas erfolglos hin und her und fand dann den Link zu den digitalisierten Berliner Adressbüchern. Diese Entdeckung freute mich sehr, hatte ich doch schon einmal daran gedacht, dass man Bücher doch gesammelt in Bibliotheken vorliegen und digitalisiert werden müssten. So kann man etwas besser recherchieren, über vor Jahrzehnten in Berlin ansässige Verwandtschaft oder mindestens doch das eigene Haus und die eigene Straße erforschen. Ein tolles Projekt, auch und vor allem, weil es Berliner Adressbücher sind – nicht von irgendwelchen Städten aus dem ehemals deutschen Osten, die schon seit vielen Jahren akribisch gesammelt und digitalisiert wurden, im Bewusstsein dass es diese Städte nicht mehr gibt und jede Information rar und kostbar ist. Das ist anders bei Städten, von denen trotz Bombenkrieg noch ziemlich viel Historisches vorhanden ist. Warum sollte man Adressbücher digitalisieren, geh‘ doch ins Stadtarchiv und schau nach…

Für Familienforscher und alle, die Berlin-Bezug haben und an Geschichte die Geschichten interessiert sind die Altberliner Adressbücher sicher eine gute Fundgrube – und sei es nur für den genauen Bestuhlungsplan eines Theaters in den dreißiger Jahren oder für die Postleitzahl des Protagonisten eines Krimis. Für den Fall, dass Sie den nächsten mit Kommissar →Kappe schreiben.

Adressbücher in dieser Form gibt es meines Wissens nach heute nicht mehr, zumindest nicht von Berlin (vielleicht irre mich ich mich jedoch, dann belehren Sie mich eines Besseren). Ich kenne sie aus meiner westdeutschen Geburtsstadt und früher gab es sie regelmäßig von fast allen Städten, in der Zeit vor Internet, Facebook und SocialMedia. Sie waren eine wichtige Informationsquelle, wenn man nach Personen suchte. In den Adressbüchern sind nämlich nicht nur alle Personen aus dem amtlichen Melderegister in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet, sondern auch alle Straßen und Häuser, jeweils mit Angabe der Eigentümer und Haushalts-Vorstände der Bewohner. Man konnte also nicht nur schnell ermitteln, wer in der Stadt wo wohnt, sondern auch wer in einem bestimmten Haus wohnt und wer der Eigentümer dieses Hauses ist.

Natürlich habe ich in den Alt-Berliner Adressbüchern etwas gestöbert und mich auf die Suche nach der entfernten und seit Jahrzehnten verstorbenen Spandauer Verwandtschaft gemacht. Prompt habe ich sie in einem Adressbuch der Zwischenkriegszeit gefunden. Weiter habe ich nach den Bewohnern des Hauses am Berliner Zionskirchplatz gesucht, in dem ich jetzt wohne. Schon lange weiß ich, dass es um 1874 / 1875 erbaut ist. Also suchte ich zuerst das Berliner Adressbuch von 1875, in dem das Haus auf der anderen Straßenseite der Veteranenstraße schon gelistet ist, unseres jedoch noch nicht. Baustelle, steht dort, auch für die weiteren Hausnummern bis zur Anklamer Straße. Als Grundeigentümer ist von Griebenow genannt, verwitwete Rittergutsbesitzerin. Also die Witwe von Griebenow. Ihnen gehörte das ganze Areal rund um den Zionskirchplatz und noch einiges mehr, weswegen schon lange eine →Straße nach ihnen benannt ist, auf der anderen Seite des Zionskirchplatzes.

Also im Buch von 1876 suchen. Schön, hier ist das Haus gelistet, offensichtlich in 1875 fertig gestellt und neu bezogen. Und da in den alten Adressbüchern alle Haushaltsvorstände mit ihren Berufen gelistet sind, weiß ich jetzt auch, was die Bewohner arbeiteten. Das Buch von 1877 gibt dann Aufschluss darüber, dass Haus und Grundstück – man spricht auch immer von Grundstück mit aufstehendem Wohngebäude – einem Leutnant a.D. Quasebarth gehören. Bewohnerschaft und Eigentümerwechsel könnte ich jetzt Jahr für Jahr verfolgen, was jedoch etwas zuviel Aufwand ist. Einige Stichproben habe ich dennoch gemacht: 1890, 1910, 1925, 1935 und 1943, der letzte Jahrgang, der digital vorhanden ist.

Die einzelnen Seiten der Adressbücher kann man auf der Internetseite recht komfortabel anschauen und vergrößern, so dass man gut zur gesuchten Information kommt. Oder man speichert sich gleich die komplette Seite als PDF und schaut sie dann in Ruhe durch. Besser wäre nur noch, das komplette Adressbuch als PDF zu haben. Das würde allerdings wahrscheinlich die Datenübertragungskapazität sprengen – außerdem, was soll man mit kompletten uralten Adressbüchern, aus denen man dann doch ab und zu nur eine Seite braucht. Da kann man sie doch gleich in Internet aufrufen. Soweit muss der digitale Sammeltrieb auf Terabyte-Festplatten dann doch nicht gehen.

Eines ist unbedingte Voraussetzung für Recherche und Stöbern: Man muss die Fraktur lesen können. Für mich als typografisch Vorgebildeten ist das nun gar kein Problem, für manch einen wird das mit Sicherheit die Hürde schlechthin sein. Denn man muss sie schon ziemlich gut lesen können, die Fraktur. Die Scans haben keine besondere technische Qualität und liegen nur in einfachem schwarz-weiß (ohne Graustufen) vor. Warum auch immer, ein moderner Kamerascanner könnte das sicher besser. Diese etwas maue Qualität ist letztlich egal, da das Adressbuch konsultieret wird, um wenige Informationen aus tausenden von Seiten herauszulesen. In der Praxis haben die Scans manchmal dann doch ihre Tücken, auch wenn man die Fraktur flüssig und sicher lesen kann (ich kann sie sogar ohne Vorlage schreiben, mag sie dennoch nicht besonders). Wenn Buchstaben sehr ungenau reproduziert sind oder zusammenlaufen, dass man sie kaum noch erkennen kann, dann wird das Lesen von Eigennamen problematisch. Mit zwei- und notfalls dreimal lesen und etwas Kombination klappt es trotzdem ganz gut. Warum gerade Adressbücher mit den vielen Eigennamen über die Jahrzehnte hinweg komplett in Fraktur gesetzt wurden, erschließt sich mir freilich nicht. Ok, es war die übliche Schrift damals, es gab jedoch die ungeschriebene Konvention, Eigennamen oft in der leichter erfassbaren Antiqua zu setzen, während Beruf, Ort und allgemeine Worte dann wieder direkt daneben in Fraktur gesetzt wurden. Diese Konvention gab es übrigens sowohl bei gesetzten Texten (sehen Sie in alten Büchern nach) als auch in handschriftlichen Dokumenten (Namen in lateinischer Schreibschrift, alles andere in deutscher Kurrent).

Die undeutlichen Scans bedingen auch, das die →OCR, also die Texterkennung und Umwandlung in durchsuchbaren Text, ziemlich fehlerhaft ist. Wohl deshalb gibt es von der ZLB das Angebot, die Einträge selbst zu korrigieren. Hier wird Crowdsourcing sinnvoll. Natürlich ist eine durchsuchbare Version immer schön, für mich jedoch kein Muss bei über 100 Jahre alten Adressbüchern.

Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich Ihnen natürlich die Bewohner des Hauses am Zionskirchplatz im Jahr 1876 vorstellen. →Hier die Seite des Adressbuches als PDF. Es geht um die Nummer 25.

Berlin · Gesellschaft

Berlin 1927

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Zeitreisen

Lassen Sie uns eine Zeitreise machen in die →deutsche Metropole im Jahr 1927. Fast 10 Jahre ist der erste Weltkrieg vorbei und es hat sich viel getan in Berlin. Es gibt sie hier und besonders hier, die goldenen 20er. Zumindest für alle, die es irgendwie geschafft haben, nicht zu den Kriegsverlierern zu gehören und im Berliner Tempo ganz gut mithalten können. Die Kaiserzeit mit ihren Militärparaden, Kasernen und →Exerzierfeldern hat die Hauptstadt hinter sich gelassen – und vermisst werden die alten Zeiten keineswegs. In Tempelhof gibt es schon seit 1923 einen Linienflugbetrieb und es gibt jetzt Radiosendungen vom zuvor eigens dafür gebauten →Funkturm. →Hier spricht Berlin.

Jeder, der es sich leisten kann, ist schon vor dem Weltkrieg aus den Stadtbezirken der Mitte in die westlichen gezogen. Es ist das Berlin dieser 20er Jahre, in das ich manchmal gern eine kurze Zeit eintauchen möchte. Das Berlin der →Brüder Sass und des →Karl Siebrecht. Das Berlin, in dem Kommissar →Kappe ermittelt. Mit Berliner Tempo, Doppeldeckerbussen und großflächiger Werbung für Chlorodont-Zahnpasta und für Schuhhaus Leiser. Das ungeteilte und nicht zerbombte Berlin, das sich zur Metropole entwickelt, mit deutlich mehr kultureller Vielfalt und Sexiness als jemals unter den Wilhelms und Friedrichs. Siemens, die AEG und Osram haben sich längst als führende Massenarbeitgeber etabliert und stehen technologisch an der Weltspitze. Siemens prägt einen neuen →Stadtteil nicht nur mit seinem Namen. Die Berliner S-Bahn hat gerade die →große Elektrisierung bekommen und man kann in den beige-roten Zügen stundenlang die Ringbahn-Strecke fahren, was verliebte Pärchen oder Studenten im Winter immer wieder gern nutzen.

Wer ohne Blessuren über Krieg und Inflation gekommen ist und mit welchen Geschäften auch immer ganz gut verdient, lässt sich ein Häuschen im Grunewald bauen. Wenn nicht vom berühmten Architekten, so doch vom einem Baumeister, der sich dort ein paar Stilelemente der neuen Sachlichkeit abschaut. Wer es nicht so gut machen kann, profitiert vielleicht gerade von den ehrgeizigen →Architektenprojekten der 20er oder wohnt wie eh und je in einer der zahlreichen Mietshäuser, bürgerlicher in Kreuzberg oder Schöneberg, ärmer im Wedding oder im heute gentrifizierten Altbaugürtel von Prenzlauer Berg bis Friedrichshain. In einem dieser Altbauten, die so charmant Mietskasernen genannt werden, mit Toilette im Treppenhaus oder im Hof.

Viel investiert wird nicht in diese Mietshäuser, sind sie doch in der Regel Anlageobjekte für die Haus- und Grundstückseigentümer, die oft längst woanders, manchmal aber auch selbst in einem der besseren von ihren Mietshäusern wohnen. Ehrliche Sparer haben es ohnehin nicht zu diesen Mietskasernen der Gründerzeit und Jahrhundertwende gebracht. Und mit ehrlicher – sagen wir besser bodenständiger – Arbeit wird man in den 20ern auch nicht wohlhabend, nach Inflation und Kriegszusammenbruch. Dafür muss man schon etwas spekulieren, zocken, in Aktien und Geldgeschäften machen. Manchem gelingt das oft und gut, und dann eben auch zuweilen nicht mehr gut. So wechseln sie immer mal wieder die Eigentümer, diese Mietshäuser in den viele Jahrzehnte später gentrifizierten Stadtteilen. Auch das Haus, in dem ich in 2013 – fast 90 Jahre später – lebe, hat viele Eigentümerwechsel hinter sich. Pleite, verkaufen. Dabei noch gut aussehen den Arbeitern gegenüber, zu denen man nicht gehört, den Sinnesfreuden der 20er aufgeschlossen, neu spekulieren, neues kaufen. Das funktioniert in diesen Jahren. Bis 1929. Was der schwarze Freitag und die Weltwirtschaftskrise auslöst und was danach kommt, wissen Sie selbst.

Natürlich, wer nicht (nur) in Immobilien macht, hat andere, kreative Ideen. So wie ein Herr Waldemar Keiser, Vorsitzender der Bezirksgruppe Wedding des Bundes der Berliner Haus- und Grundbesitzer. Er gibt ab 1925 Keiser’s Grundstück-Kontobuch heraus. Wie in einem Geschäftsbuch kann damit die Buchführung und, wie es im Vorwort heißt, die Übersicht über den Ertrag eines Mietshauses schnell erfolgen. Die eigentliche Idee Keisers ist wohl nicht, dafür eine Art Geschäftsbuch zu entwickeln, sondern dieses Buch in 10.000 Exemplaren kostenlos an die Mitglieder des Haus- und Grundbesitzer-Vereins zu verteilen. Dafür enthält das Buch jede Menge Werbeanzeigen von Berliner Gewerbetreibenden, auf die ein Hauseigentümer oder Eigenheimer immer mal wieder zurückgreifen muss. Wahrscheinlich ist das Buch komplett über diese Werbeanzeigen finanziert.

Nun, ein Exemplar von Keiser’s Grundstück-Kontobuch – warum der →Deppenapostroph hier verwendet wird und warum das →Fugen-s in Grundstücks-Kontobuch fehlt, erschließt sich mir nicht – ist irgendwie vor Jahren in meinen Fundus geraten. Ich hatte einiges an alten Geschäftsbüchern und -papieren gesammelt, der Gestaltung und Handschriften und manchmal auch der zeitgenössischen Anzeigen wegen. Vieles habe ich inzwischen leider weggeworfen, Keiser’s Kontobuch hingegen habe ich behalten.

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Das Buch hat ein Format von 20 mal 32 cm, also ein schlankes Hochformat, etwas größer als DIN A4. Es hat 38 Inhaltsseiten. Besonders dick ist es also nicht, aber die Idee ist ja auch, dass der Grundeigentümer jedes Jahr ein neues Buch mit neuen Werbeanzeigen verwendet. Zwischen den Inhaltsseiten ist immer (mindestens) ein rosa Blatt mit zum Teil großformatigen Werbeanzeigen eingefügt. Diese bedruckten rosa Zwischenblätter bestehen aus einem Löschpapier, so wie man es aus Schulheften kennt, zum Aufsaugen von noch nicht auf dem Papier getrockneter Tinte. Eine clevere Idee, kann man das Buch doch einfach zuklappen, sofern – wie damals üblich – mit Tinte und Stahlfeder oder mit einem der frühen Füllfederhalter geschrieben wird und die Tinte noch nicht trocken ist.

Ich finde diese alten Anzeigen nicht nur vom Inhalt, sondern auch mit Blick auf Typografie und Gestaltung interessant. Mit wenigen Ausnahmen ist das Buch komplett in Antiqua-Schrift gesetzt. Die allseitige Verwendung von Fraktur kommt erst viel später und ist in den 20er Jahren unter Geschäftemachern sowieso nur selten anzutreffen. Sie gilt, schwerer lesbar, als unmodern. Gedruckt ist das Buch ausschließlich im Hochdruck bzw. Bleisatz, was man sieht und fühlt, wenn man mit dem Finger über das Papier streicht. Allerlei zeitgenössische Schriften, Rahmen und Vignetten werden verwendet und im Beisatz kombiniert. →Aurora-Grotesk, die breite Bernhard Antiqua in mager und fett oder die fette Block. Eben das, was Buchdruckerei und Verlag Franz Dietzler in der Weddinger Gerichtsstraße 39 so an Schriften vorrätig hatte oder für dieses Buchprojekt angeschafft hatte.

Inspirierend, die Namen, die Orte, die Berufe und Gewerke. Für eine Zeitreise in das Berlin vor 86 Jahren. Bestimmungsgemäß wurde dieses Exemplar jedoch nicht verwendet. Eher so, wie man ein Werbe-Notizbuch eben verwendet. Man schreibt anfangs etwas hinein, das dem Zweck sehr wohl entspricht und notiert später irgendetwas darin, z.B. weil das Buch gerade passende Spalten oder einfach nur leere Seiten hat. Mietzahlungen sind einzig auf Seite 6 eingetragen, mit Kopierstift und darunter mit Tinte. Hier heißt es allerdings: ab 1.4.32. Aha, das Buch wurde also Jahre später verwendet. Auf den folgenden Seiten finden sich – ja, Wahlergebnisse von der →Reichspräsidentenwahl 1932. Handschriftlich notiert und wie es scheint, ungeordnet von Provinzen und Städten aus ganz Deutschland gesammelt. Die Spaltenköpfe mit D (für Düsterberg), H (für Hindenburg) sowie mit Hitler und Thälmann beschriftet. Alles scheint schnell aufgeschrieben worden zu sein, zu welchem Zweck auch immer… Spekulationen, die mir und Ihnen Stoff für eine weitere Zeitreise geben, wobei ich lieber nicht in diese Zeit reisen möchte.

Ich möchte Ihnen mein Exemplar von Keiser’s Grundstück-Kontobuch, Ausgabe 1927, nicht vorenthalten. Gescannt habe ich es, und ein PDF daraus erzeugt. Für Ihre Zeitweise ins Berlin von 1927. Einige Seiten fehlen. Vermutlich sind sie schon vor Jahrzehnten herausgerissen worden. Egal, so wie es ist, ist es Zeitreise genug.

▶ Hier geht es zum PDF

Anmerkung:

Das PDF ist ca. 20 MB groß und kann sehr gut auf dem iPad oder Tablet angesehen werden. Um ein eventuell vorhandenes Datenkontingent nicht zu belasten, empfiehlt es sich, das PDF bei WiFi-Verbindung zu laden und nicht per 3G oder LTE-Mobilfunk-Verbindung.

Gesellschaft · Schreibgeräte & Kontor

Bücher entmangeln

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Remittenden gesellschaftsfähig machen

Bei der täglichen Blogschau stolperte ich über den Artikel zur →Gentrifizierung von Hardcover-Remittenden mit einem Lesebändchen. Eines der dort abgebildeten Bücher hat den Stempel Mängelexemplar – diesen Stempel, der aus tadellosen Büchern Bücher mit einem Mangel macht. Nur damit kann in Deutschland die Buchpreisbindung umgangen werden. Beschädigte Bücher dürfen nämlich nach den Regeln zur Buchpreisbindung zum Sonderpreis verkauft werden. Also werden neue Bücher, die aus welchen Gründen auch immer nicht verkauft wurden, zu Büchern mit einem Mangel, in dem man ihnen einfach diesen hässlichen Stempel mit dem Wort Mängelexemplar aufdrückt oder einmal mit einem dicken Filzstift über den Rand zieht. Damit outet sich das Buch dann als Kauf aus der Remittenden-Kiste und ist nicht mehr wirklich gesellschaftsfähig. Klar, gut für zu Hause zu Lesen, aber möchten Sie ein Buch verschenken mit Mängelexemplar-Stempel? Wohl kaum.

Beim Anblick des Fotos im erwähnten Blogbeitrag dachte ich spontan: Mmh, da war doch was. Richtig, mein Angebot damals, Taschenbücher (Softcover, Paperbacks) von diesem hässlichen Stempel zu befreien. Dafür hatte ich extra dieses animierte GIF-Bild erstellt.

Zu den Hintergründen kurz folgendes: Ich habe hier früher mit einer →Xerox DC12 so allerlei Kleinst- und Kleinauflagen gedruckt. Praktisch ein Nebenbeigeschäft zu Grafik, Layout und Mediengestaltung. Das funtionierte ganz gut, denn Einzelstücke waren oft Türöffner für größere Aufträge. Es wurde halt anders wahrgenommen, wenn man mit einem fertigen Prototyp einer Broschüre zum Kunden kam als mit zusammengeschusterten Farblaserausdrucken, die damals farblich noch recht gruselig waren. Damit es diese Klein- und Kleinstauflagen geben konnte, war natürlich eine kleine Buchbindereiausstattung erforderlich. So kam ich zu einem Stapelschneider (ein älteres Modell wie →dieses, in vielen Copy-Shops anzutreffen), einem Rillgerät, einer eisernen Buchpresse (Stockpresse) und einer Holzpresse gleich dazu. Nicht zu vergessen noch ein Eckenrunder, manchmal auch Eckenrundstoßer genannt. Und natürlich kleinere Gerätschaften, vom stabilen Heftgerät bis zum Falzbein.

Ich war damals ziemlich paper addicted und produzierte nicht nur meine Kleinauflagen, sondern auch außergewöhnliche, meist minimalistisch simple Notizbücher, aber durchaus professionell und der Gegenentwurf zum Scrapbooking. Da der Stapelschneider nun mal da war, habe ich damals ich so manchem Buch aus der Remittendenkiste oder aus dem Antiquariat wieder zu ansehnlichen Rändern verholfen. Einfach in den Stapelschneider legen und an allen drei Seiten einen halben Millimeter abschneiden.

Auf meiner uralten Website hatte ich dann unter buchbinderische Leistungen unter anderem die kleine Hilfeleistung vorgestellt, wie so ein etwas angegrabbeltes Buch oder ein Buch, das erst durch diesen Stempel zum Mängelexemplar gemacht wurde, wieder schön wird und dafür diese kleine Animation im GIF-Format erstellt. Für Freunde, Nachbarn und Bekannte wurde dann das ein oder andere Buch beschnitten, aber das war’s dann aber auch mit dem Bescheiden von Büchern. Mangels anderer, lukrativerer Aktivitäten habe ich nie richtig Werbung dafür gemacht oder gar Kontakte zu Antiquariaten geknüpft um ganze Büchersammlungen zu entmangeln und wieder fein zu machen. Freunde und Bekannte können ihre Mängelexemplare natürlich nach wie vor unter meine Fittiche – also unter meinen Stapelschneider – geben um sie von hässlichen Stempeln zu befreien damit sie wieder gesellschaftsfähig d.h. auch verschenkfähig zu machen. Unter den Remittenden und Mängelexemplaren gibt es ja zuweilen vergriffene Kleinode, die man ergattert hat und gerne verschenken möchte.

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Ein alter Reiseführer. Entmangelt und wieder fein. Daneben der Stapelschneider.

DIY – Entmangeln Sie selbst

Dieses Entmangeln können Sie selbst relativ einfach durchführen. Im Copyshop Ihres Vertrauens gibt es mit Sicherheit einen Stapelscheider. Wenn Sie nett fragen, dürfen Sie dort bestimmt auch dreimal an ihrem Buch einen Millimeter abschneiden. Dazu gebe ich unten ein paar Hinweise, damit dieses auch gut gelingt. Ok, vielleicht möchte der Copyshop-Man dafür zwei Euro sehen – aber so what, wenn Sie das Buch für einen Euro gekauft haben, sind Sie mit drei Euro immer noch gut dabei.

Stapelschneider in Selbstbedienungs-Copyshops sind jedoch ein kleines Vabanquespiel. Da schneidet oft jeder alles und jedes, was sich dann in stumpfen Messern und unsauberen Schnittkanten niederschlägt. Oder ein für diese Tätigkeit sichtlich unbegabter Mensch hat vor Ihnen gleich Metallklammern geschnitten, weswegen das Messer jetzt eine so große Macke hat, dass es nie wieder einen sauberen Schnitt macht, bevor es neu geschliffen wird. Treffen Sie auf so einen Stapelschneider und müssen eine Seite Ihres Buches ein zweites Mal beschneiden – nun, das geht, Ihr Buch wird nur immer kürzer, der Text rückt näher an den Rand, etc. Prüfen Sie den Stapelschneider in so einem Selbstbedienungs-Copyshop immer vorher, z.B. indem Sie eine altes mitgebrachtes Buch oder einen Katalog probeschneiden.

Auf der sicheren Seite, was Qualität anbetrifft, sind Sie natürlich, wenn Sie eine Buchbinderei aufsuchen. Gehen Sie zu einer handwerklichen Buchbinderei, die auch Einzelstücke herstellt und Bücher neu bindet. Mit Sicherheit kann man Ihr Taschenbuch dort gut an allen drei Seiten beschneiden. Und mit etwas Glück freut sich der Buchbinder, dass jemand auf ein gepflegtes Buch Wert legt, auch wenn es nur ein Taschenbuch ist, und macht die drei Schritte gratis, dem Buchenthusiasten zuliebe. Mit etwas Pech weist man Sie jedoch zurück, weil man keine Lust und Motivation hat zu solchen Mini-Aufträgen und Hilfeleistungen. Dann bleibt noch die nächste Buchbinderei oder der gute Copyshop…

Eine kleine Anleitung für’s DIY im Copyshop

( 1 ) Mit einem funktionierenden Stapelschneider kann man durchaus (nur) einen halben Millimeter vom Buchblock abschneiden. Weniger ist meist problematisch, und das Ergebnis ist kein sauberer Schnitt. Bei stärker vergammelten Buchrändern empfiehlt es sich, gleich 1 mm von jeder Seite zu schneiden, da sich sonst oft keine sauberen Buchecken ergeben (es reichen 0,5 mm oft nicht, damit die Ecken wieder schön und scharf rechtwinklig werden).

( 2 ) Das Messer des Stapelschneiders bewegt sich leicht schräg nach unten, so ähnlich wie ein Brotmesser beim Brotschneiden. Damit der Buchrücken des Taschenbuchs nicht ausreist, muss das Buch so unter dem Messer platziert werden, dass die offene Seite in Bewegungsrichtung des Messers liegt (vgl. Skizze). Bei manchen – schlecht – industriell hergestellten Büchern sieht man diese kleinen Macken an einer Seite des Rückens. Man kann diesen Effekt vermeiden, in dem das Buch richtig herum unters Messer kommt.

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( 3 ) Stapelschneider, die Sie in Selbstbedienung benutzen, sollten vorher unbedingt einmal getestet werden (z.B. mit einem altem Taschenbuch, Katalog, o.ä.). Man erkennt schnell, ob die Schnittqualität ok ist.

( 4 ) Bitte niemals den Stapelschneider mit der Papierschere bzw. Pappschere verwechseln. Diese findet man oft auch im Copyshop, ist aber zum Schneiden von Büchern absolut ungeeignet. Brot schneiden Sie ja auch nicht mit einer großen Schere.

Hardcover, also Bücher mit festem Einband, können natürlich auch entmangelt werden. Mit etwas Geschick trennt man den Buchblock vorsichtig zwischen den Buchdeckeln heraus. →Kapitalband, sofern vorhanden, an der Seite, an der Mängelexemplar- Stempel ist, vorsichtig ablösen. Nur diese Seite wird dann um 0,5 bis 1 mm beschnitten. Denn wenn das Buch oben und unten beschnitten wird, ist der Buchblock für die vorhandenen Buchdeckel sichtlich etwas zu klein. Kapitalband wieder anleimen. Buchblock wieder zwischen die Buchdeckel einhängen (einkleben). Fertig. Ok, das ist vielleicht nichts für Leute mit zwei linken Händen und so ganz ohne Bastel-Erfahrung.

Der Stapelschneider steht natürlich immer noch da…

Auch wenn hier nichts mehr gedruckt wird und der Focus auf digitale Medien gerichtet ist. Buchbindereiausstattung nutzt sich nicht ab (mal vom Messernachschleifen abgesehen) und deswegen behält man diese Dinge. Vor allem, wenn man doch etwas paper addicted ist. Für die Berliner Freunde und Bekannte, Bloggeria, etc. werden Einzelstücke immer gern bei einem Kaffee gegen einen netten Smalltalk entmangelt – und wieder gibt’s ein Buch mehr, dass dem Medium eine Ehre macht und wieder gesellschaftsfähig ist.

Gesellschaft

Gedruckte Internet-Kurzweil

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Internet-Themen – in einer Zeitschrift.

Langsam aber sicher arbeite ich die Post ab, die sich im Herbsturlaub angesammelt hat. Genauer gesagt, die unwichtigeren Sachen, die anderen sind bereits erledigt. Einladungen zu irgendetwas, zu ziemlich teuren Messen und Konferenzen und außerdem einige Freiexemplare von Zeitschriften, die ich mit regelmäßiger Unregelmäßigkeit bekomme. Meist mit Themen rund um mein altes Metier, der Produktion von Printmedien, sprich Druckprodukten.

Dieses Mal ist noch eine in Folie eingeschweißte Zeitschrift im Papierstapel, die →Internet World Business. Auf der Titelseite sind die Begriffe Internet und Business gut zu erkennen und im begehrten →above the fold-Bereich, der bei einer gefalteten Zeitung oben ist, ist das farbige eBay-Logo ein deutlicher Eye-Catcher. Es geht also um Deals.

Nun, eine Zeitschrift? Ein Printmedium, das Themen rund ums Internet enthält. Schon etwas komisch, diese Mischung. Soll hier Entscheidern und Führungskräften die neue Technik beziehungsweise die neue Zeit näher gebracht werden. Mit dem Medium einer Zeitschrift im Tabloid-Format, hälftig gefaltet und in Folie eingeschweißt. Mindestens diese unwirklich anmutende Kombination macht mich neugierig.

Soweit ich mich erinnere, habe ich diese Zeitschrift schon mehrfach in den Händen gehalten. Irgendwo als Freiexemplar im Flugzeug oder in einer Lounge. Dort, wo diese Big-Business-Titel eben so rumliegen. Dem Exemplar, das ich jetzt in in der eingeschweißten Klarsicht-Verpackung erhielt, war übrigens noch ein Anschreiben beigefügt, in dem mir die Internet World Business als Abo angeboten wird. Ok, wäre ich Friseur oder Zahlarzt mit digitaler Nerdkundschaft, wäre es eine Option.

Was steht nun drin in so einer Zeitschrift, die sich mit dem Internet beschäftigt, sogar mit dem Internet Business? Es gibt auf jeden Fall Köpfe zu sehen. Köpfe, und nochmal Köpfe. Sehen und gesehen werden im Big Business, das ist wohl wichtig. Mmh, und ich nicht dabei, wo ich doch nicht nur diese @netznotizen schreibe, sondern als Gründer von Stories & Places quasi Betreiber einer Social-Media-Plattform bin. Dazu noch der Generalförderer von @aktuell-im-Netz. Wie komme ich da hinein, in diese Lounge-und-Flugzeug-Zeitung? Gut, das gelingt schon noch… Ideen gibt es ja hier noch genug, das eine oder andere StartUp vielleicht demnächst auch.

Zu den Themen der Internet Business World. Wie das prägnante eBay-Logo auf Seite 1 schon vermuten lässt, ist das ganze Blatt etwas E-Commerce-lastig. Natürlich, es geht nur um das Internet – Business-Machen ist hier im Focus. Dazu gibt es leicht Erfassbares zu lesen. Der Reihe nach einfach aufgelistet:

eBay – Targeting – Banken – ABC kauft XYZ – Mobile Commerce – Statements der Köpfe – online und stationärer Handel – online Marketing – App-Nutzer zurückgewinnen – Deutsche Telekom und digitale Werbenetze – nochmal Targeting – Hornbach – Facebook – SocialMedia-Marketing – E-Mail-Newsletter für Mobile Devices – online verkaufen – nochmal online verkaufen – E-Commerce-Messe und -Konferenz – Bildrechte und Bildkauf – Lastschrifteneinzug – eigener Shop – Tools- und Technik-Tabelle – Klimaschutz in E-Commerce – Business-Partys. Außerdem noch Dienstleister in Classifieds, Köpfe, Köpfe, Köpfe – und natürlich im Impressum das
ivw-Logo, wodurch sich die Zeitschrift schon etwas als Streumaterial outet.

Weitgehend also Modethemen rund ums Internet, vieles nur kurz angerissen. Und vor allem irgendwie austauschbar. Inzwischen ist längst eine neue Ausgabe der im Abstand von 14 Tagen erscheinen Zeitschrift herausgekommen. Mangels Flug, Hotel- oder Lounge-Aufenthalt habe ich sie nicht bekommen. Wetten, es gibt ähnliche Themen rund um das Big Business Internet?

Gesellschaft

Knipser

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Knips an

Hätten Sie sich einen Lichtschalter unter dem Begriff »Knipser« vorgestellt, ohne das Bild gesehen zu haben? Vermutlich nicht. Wie meine Google-Recherche ergab, und was mich schon etwas erstaunt. Tante H., eine entfernt Verwandte, hatte in ihrer Wohnung diese schwarzen Lichtschalter, Kippschalter aus →Bakelit. »Knipser« sagte sie immer dazu, ebenso wie »Licht anknipsen« und »Licht ausknipsen«. Dieses Anknipsen und Ausknipsen verwendeten in meiner Kindheit übrigens viele ältere Menschen. Nur bei Tante H. fiel es mir besonders auf, sagte sie es doch auch, wenn sie bei uns zu Besuch war. Wir hatten nämlich damals schon moderne Schalter, keine Kippschalter mehr, sondern →Wippschalter, bei denen gar nichts knipste.

Die Google-Recherche nach →Knipser oder →Knippser liefert hauptsächlich Bilder von Accessoires zum Nägelschneiden, vom gleichnamigen Weingut, von ein paar Zangen zum (Fahr-)Kartenknipsen und von Fotoartikeln. Ok, ein Fotograf ist ja auch ein Knipser. Von Lichtschaltern jedoch keine Spur. Dabei ist die Bezeichnung Knipser für den schwarzen Kippschalter doch sehr treffend. Schaltet man, macht es wirklich knips. Also ein Knipser.

Der abgebildete schwarze Bakelit-Knipser leistet in unserer Wohnung seit Jahrzehnten klaglos seinen Dienst. Knips an, knips aus. Als ich vor acht Jahren einzog, gab es hier nur wenig geschmackvolle Schalter und Steckdosen aus Ost-Produktion, dazu zumeist austauschbedürftig. Der Knipser war der älteste und einzige seiner Art und im übrigen der einzige schwarze Schalter. Die anderen tauschte ich schnell gegen unauffällige, moderne aus. Den Knipser ließ ich jedoch weiter knipsen, passt das schwarze Modell doch ganz gut in eine Altbauwohnung. Er ist genauso wie der →Sicherheitsschlüssel, über den ich vor ein paar Tagen schrieb, ein kleines Stück Denkmalpflege. Wobei ich von Denkmalschutz ja sonst nicht so viel halte, und diese Art, Dinge zu erhalten, unterstütze ich nur, wenn es gerade passt. Beim Schlüssel und beim Knipser passt es.

Wer ebenfalls eine Altbauwohnung oder ein Haus besitzt und sich in Knipser und allerlei anachronistischen Schnickschnack verguckt hat, kann neue alte Knipser bei →Manufaktum oder bei →Replicata bestellen und findet auch →hier weitere Informationen. Immerhin hat der schwarze Bakelit-Knipser auf die Titelseite des →Manufaktum-Schalterkataloges gebracht. Muss also was dran sein, am Knipser mit seinem Schaltgeräusch.

Knips aus.

Tools & Technik

Es ist da, mein iPhone 5S

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Eigentlich ist es nicht der Rede wert, ein neues iPhone zu haben. Normal ist es ja inzwischen, mindestens alle zwei Jahre ein neues Gerät zu bekommen, laufen die Mobilfunk-Verträge doch über 24 Monate. Danach gibt es dann mit mehr oder weniger kräftiger Zuzahlung ein neues Smartphone. Ich habe jetzt jedoch nicht nur ein neues Gerät, sondern gleichzeitig den Provider gewechselt und eine Handy-Nummer von einer Prepaid-Karte eines dritten Providers portieren lassen. Also alles etwas komplexer also sonst. Hier jetzt der Reihe nach.

Ein Mobiltelefon habe ich schon seit Mitte der Neunziger. Nett und wenig selbstbewusst, wie ich war habe ich es damals in der Schreibtischschublade verschwinden lassen, wenn bestimmte ökologisch-alternativ angehauchte Freunde zu Besuch kamen. Handys waren in dieser Szene gleichbedeutend mit Kapitalismus, Verfall der Kommunikations- und Arbeitskultur – der ständigen Erreichbarkeit wegen –, Elektro-Smog und hohen Kosten, weswegen diese Menschen auch niemals eine Handy-Nummer anrufen würden. Nun, Sie wissen, was aus denen geworden ist…

Damals gab es das D1-Netz der Ex-Bundespost Telekom und das D2-Netz von Mannesmann Mobilfunk als ernstzunehmende Netze mit ganz guter Erreichbarkeit. Ich entschied mich für D1-Netz und Telekom. Diese Wahl hielt gute 10 Jahre und ich war ziemlich zufrieden damit. Die Netz- und Erreichbarkeitsprobleme der eplus-Sparfüche aus dem Bekanntenkreis ließen mich kalt. Auf das D1-Netz war Verlass. Mobil Telefonieren wurde immer billiger, das neue Handy kam regelmäßig nach zwei Jahren, manchmal zwecks Kundenbindung schon drei Monate vor Ablauf der Vertragsdauer. Inzwischen besaß ich auch einen ISDN-Festnetzanschluss mit DSL, zahlreichen Telefonnummern und war damit recht zufrieden. Mit den ständig wechselnden Mitarbeitern in den inzwischen als  T-Punkt bezeichneten Telekom-Shops jedoch nicht, erhielt ich hier doch mehr als einmal eine komplette Falsch-Auskunft.

Vodafone machte mir dann ein sehr günstiges Angebot. Ich wechselte als Geschäftskunde ins D2-Netz, mit von Vodafone gesponsorter ‚Nokia-Klappstulle‘ für Email und Internet unterwegs. 2009 hatte ich mir dann ein iPhone 3GS mit 32 GB aus Italien besorgt, da in Deutschland ja anfangs die Telekom den Exklusivvertrieb für das iPhone hatte. Mit dem simlock-freien Apfel-Telefon war ich gut im Vodafone-Netz unterwegs und gut damit zufrieden. Die Kommunikation mit der Geschäftskunden-Abteilung und -Hotline war immer ok und bemüht, besser als ich es vom Magenta-Riesen kannte. Auch wenn ich dort  mal via Hotline einen Telefonbuch-Eintrag unter meinem alten Namen ‚Grafikkontor‘ veranlasste, den ein dialektsprechender Call-Center-Agent trotz Buchstabierens mit ‚Grafik-Kondor‘ eintrug. Na ja, der Grafik-Vogel sorgte für Lacher und Humor, und so schnell wie er angeflogen kam, hat Vodafone den Eintrag auch korrigiert. Netzprobleme im D2-Netz gab es eigentlich nie, im Vergleich zum D1-Netz ist es auf dem Land etwas schlechter, richtige Ausfälle gab es jedoch nie.

Meine Probleme mit dem Vodafone-Netz begannen in diesem Frühjahr. In Berlin-Mitte gab es zunehmend Orte, in denen manchmal keine Verbindung mehr mit 3G-Datengeschwindigkeit funktionierte, machmal auch nicht einmal mehr mit EDGE-Datenrate. Ok, das Telefon geht ja, Anrufe kommen an, aber ärgerlich, wenn man im Café sitzt, Social-Media-affin ist, twittern oder die Emails abrufen möchte. Richtig ärgerlich wurde es, als ich einige Male das Datenkontingent überschritten hatte und die Internetverbindung des Handys danach auch nicht mehr mit der reduzierten ISDN-64kb/s-Geschwindigkeit funktionierte, sondern gar nicht mehr bzw. so langsam, dass jede Social-Media-App oder Email-App sich weigerte, über diese langsame Verbindung zu kommunizieren. Abgekoppelt, schönen Dank auch. Die Sache mit der immer öfter fehlenden schnellen Verbindung bei Vodafone bestätigten einige Freunde und Bekannte. Mein 3GS war altersmäßig inzwischen auch am Limit und das D1-Netz hat im Moment die bessere Netzabdeckung mit LTE-Datenrate, gerade auch an einem der Orte in Berlin, an dem ich mich öfter aufhalte. Also entschloss ich mich (nach Jahren wieder) ins D1-Netz zu wechseln. Schlechter als bei Vodafone kann die Verbindung nach Überschreiten des Datenkontingentes auch hier nicht sein.

Wenn schon Wechsel, dann bitte richtig. Eine neue Mobilfunknummer sollte es geben, die ich schon seit einiger Zeit mit einem alten Smartphone und Prepaid-Karte benutze. Diese Nummer – deren Vorteil es ist, dass man sie sich ziemlich gut merken kann – solltte also zum neuen Vertrag von Fonic zu T-mobile portiert werden. Also lief ich in der ersten Septemberwoche im relativ neuen Telekom-Shop an der Brunnenstraße auf, bestellte ein neues iPhone 5 und erteilte den Auftrag. Digital bin ich Apfelkind und daher kam nur das iPhone 5 in Frage. Fonic bereitete zuerst einige Schwierigkeiten bei der Portierung der Handy-Nummer und lehnte diese zweimal ab. Das ließ sich jedoch lösen und diese Verzögerung hatte den sehr positiven Nebeneffekt, dass der T-mobile-Vertrag noch nicht zustande gekommen war und ich noch auf das inzwischen veröffentlichte neue iPhone 5s umswitchen konnte.

Ursprünlich sollte es ein schwarzes 5er werden. Als das 5S vorgestellt wurde, ich habe mir alle drei Varianten (gold, silber, grau) im Apple-Store angesehen und mich für das graue entschieden. Leider sieht das goldene, zwischenzeitlich mein Favorit, in der Werbung deutlich dezenter und wie ich finde schöner aus als real. Welche Farbe soll mein neues iPhone haben? Luxusprobleme. Probleme, die ich mag.

Wie fast immer bei Apfel-Gerätschaften das ist iPhone 5S keine Enttäuschung. Für mich jedoch kein wirklich merkbarer Unterschied zum 5er feststellbar, das ich vor einigen Wochen im Apple-Store recht intensiv testete – wobei das sicher nur ein oberflächlicher Eindruck ist. Den Fingerabdruck-Sensor werde ich vermutlich nicht verwenden. Es reicht, wenn Apple und die NSA meine Emails via iCloud und meine biometrischen Daten via iCloud-Foto-Backup kennen.

Bis jetzt bin ich mit LTE und D1-Netz sehr zufrieden, auch in der brandenburgischen Provinz. Ebenso zufrieden bin ich mit dem Telekom-Shop an der Brunnenstraße. Hier arbeiten wechselweise drei Mitarbeiter. Die müssen sich zwar manchmal auch erst selbst über Vertragseinzelheiten und Optionen schlau machen, aber das ist mir aber allemal lieber als die Verkäufer, die auf jede Frage ständig bekunden, alles sei kein Problem – mit dem Ergebnis, dass nachher die versprochene Option natürlich nicht möglich ist. Bleibt nur zu hoffen, dass die Beratung in der Brunnenstraße so gut bleibt und sich dort nicht das Personalwechsel- und Keiner-weiß-Bescheid-Karussell dreht. Im Moment ist der Telekom-Shop in der Brunnenstraße mein Tip, falls jemand einen Telekom-Vertrag braucht, Festnetz oder Handy.

Apfelkind. Natürlich werde ich ab und zu gefragt, warum iPhone und nicht Samsung Galaxy, warum iPad und nicht Android oder Windows-Tablet? Erstens bin ich durch vorhandene, lieb gewonnene Apps etwas mehr mit dem Apfel verbunden und zweitens hat sich bei mir in den letzten Jahren gezeigt, dass die Nutzungsdauer von Apfel-Geräten länger ist. Vermutlich auch, weil Budgetkäufe mit Apfel ja sowieso nicht möglich sind. Zugegeben habe ich am Ende vielleicht doch etwas mehr ausgegeben, als wenn ich in der gleichen Zeit zwei Budget-Geräte kaufe, erspare mir aber ziemlich viel Elektronik-Ärger mit halbgaren Geräten, Datensicherung, Datenrekonstruktion, etc. Nach wie vor finde ich jedoch die fest eingebauten Akkus bei iPhone und iPad nicht gut.

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Gesellschaft

Der letzte seiner Art

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Sicherheitsschlüssel Ost

In jedem Haushalt gibt es einige kleine Dinge, die einem irgendwie »zugelaufen« sind und die man gerne erhalten möchte, frisst die Erhaltung doch kein Brot und stehen diese Dinge doch symbolisch für vergangene Zeiten und manchmal auch für Teile unserer Geschichte. Bei mir gehört dieser für moderne Verhältnisse etwas skurril anmutende Sicherheitsschlüssel dazu, der ein – inzwischen nur zusätzlich genutztes – Schloss an unserer Wohnungstür schließt.

Mit Schlössern kenne ich mich ganz gut aus, ein Satz guter Schlüsselfeilen ziert meine Werkzeugkiste und ich übertreibe nicht, wenn ich sage, ich habe schon einige Rohlinge in Handarbeit zu wohlschießenden Schlüsseln gemacht. Das war jedoch früher™, so vor 27 oder 28 Jahren.

Umso überraschter war ich, als ich vor acht Jahren die Wohnung am Berliner Zionskirchplatz übernahm und neben einem anderen den hier abgebildeten Schlüssel für die Wohnungstür erhielt. Was war denn das? Ein Schlüssel. Simpel, platt, so ganz ohne Profil, nur seitlich ein paar Zacken. Im Prinzip aus 2 mm dickem Stahlblech hergestellt. Nicht wirklich sicher und aus jedem Stück Blech oder Bandstahl leicht nachzufeilen. Ostig eben, ein DDR-Relikt. Profillos wie er ist, kann er auch um 180 Grad verdreht reingesteckt werden und schließt dann natürlich nicht. Also wieder rausziehen, drehen, schließen, alles fein. Für Kenner ist ein winziger Punkt über dem Schlitz. Damit wird klar ist, wie rum der Schlüssel eingesteckt werden muss. Und da eine komplette Schließung nur einer halben Umdrehung entspricht, wechselt eben dieser Punkt zwischen unten und oben – je nachdem, ob aufgeschlossen oder abgeschlossen ist. Weder schön noch sicher, aber dieser Punkt hilft mir eben ungemein, schnell zu erkennen, ob abgeschlossen ist oder nicht, d.h. ob jemand da ist oder nicht, wenn ich nach Hause komme. Für die Sicherheit gibt’s ja noch ein anderes Schloss mit moderner Technik.

Der mittlere abgebildete Schlüssel ist einer der beiden, die ich 2005 bekam, Blechstück-schlicht und ohne jegliche Aufschrift. Einen dritten besorgte ich, als ich zufällig in einem Schlüssel-Geschäft an der Torstraße einen passenden Rohling hängen sah. Wohlbemerkt ein original →Silca-Rohling, made in Italy. Wer weiß, vielleicht nach der Wende für den Ost-Export hergestellt. Ich freute mich damals jedenfalls, diesen Schlüssel noch zu bekommen. Jetzt gab es drei davon, zwei für die Bewohner und einen Gastschlüssel.

Im Sommer gaben wir den dritten in vertrauliche Hände, des Blumengießens während der Urlaubszeit wegen. Dort sollte er auch bleiben. Blöd nur, den Gastschlüssel jetzt bei Bedarf abholen zu müssen. Vielleicht gibt es ja irgendwo im tiefen Osten Berlins noch ein Schlüsselgeschäft, wo man diesen Schlüssel noch bekommen kann? Denn das Geschäft in der Torstraße gibt es schon lange nicht mehr. Also auf die Merkliste, Ausschau danach halten.

Am letzten Freitag waren wir im Oderkaff unterwegs und holten uns die komplette →Frankfurt-Inspiration. Längst hatte ich den Schlüssel vergessen. Wir schlenderten durch eine gesichtslose Passage und fragten bei einem Schlüsseldienst nach dem Exoten-Schlüssel. Na klar, hatte er und betonte mit Frankfurt-Oder’scher Freundlichkeit, dass es der letzte sei und er aber 12,80 Euro koste. Vermutlich ein Ausländerpreis oder besser gesagt, der Preis für die Berliner, als die wir uns vorschnell geoutet hatten. Egal, gekauft. Kein Silca-Rohling, sondern wohl original Ost-Ware, ohne alles, ohne Aufschrift, gestanztes Metall. Pure. Darin schnell die Zacken meines Originals kopiert. Passt.

Auf dem Foto habe ich die Zacken abgedeckt, denn die letzten Details meines Schlüssels möchte ich Ihnen doch vorenthalten. Links der Silca-Markenschlüssel, in der Mitte das Original, rechts die Frankfurter Kopie. Das Schloss haben wir übrigens als zweite Sicherung auch aus dem Grund in Betrieb, weil es für heutige Verhältnisse so exotisch ist, dass man es mangels genauer Kenntnis nicht in wenigen Minuten picken kann und es dafür garantiert keine Anleitung im Internet gibt.