Gesellschaft · Reisen

Friedhofsschwimmen

in der Lübecker Bucht.

Schwimmen über einem Kleinstadt-Friedhof, knappe 20 Meter unter Wasser. Deutsche Geschichte, sie holt einen ein, wtf. Ganz euphorisch hatte ich am letzten Wochenende eine meiner Lieblingsbadestellen in der Nähe von Groß Schwansee, unweit der Lübecker Bucht vorgestellt. Was ich bis dahin nicht so genau wusste: Gar nicht weit von diesen Ort ereignete sich eine der größten und traurigsten Schiffskatastrophen des zweiten Weltkriegs, die Versenkung des mit KZ-Häftlingen vollbesetzten Ex-Luxusdampfers →Cap Arcona durch britisches Bombardement am 3. Mai 1945.

Nimmt man die ebenfalls in der Lübecker Bucht versenkten kleineren Schiffe →Thielbek und →Athen hinzu, so sind ca. 7000 Menschen auf diesen Schiffen gewesen. 6400 von ihnen kamen um. Etwa die Hälfte der Toten wurde in den Sommermonaten 1945 und auch noch danach an Land gespült. Sie sind in Massengräbern beigesetzt. So auch in der Nähe der Badestelle, die mir so gefällt – oder gefiel? 407 Leichen trieb es in Richtung Groß Schwansee. Sie sind hier in einem Massengrab beigesetzt. Es gibt eine →Gedenkstätte.

Von ca. 3000 Opfern dieser Katastrophe fehlt jedoch jede Spur. Sie haben ihr Grab in der Ostsee gefunden. 3000 Menschen, eine Kleinstadt. Und viele davon vermutlich in knapp 20 Meter Tiefe auf dem Meeresgrund rund um die bekannte Stelle, an der die Cap Arcona noch bis 1950 aus dem Wasser ragte. Versenkt wurde das 25 m breite Schiff nämlich nicht wirklich. Es lag auf der Seite auf dem Grund und ein Teil schaute aus dem Wasser. 1950 wurde das Wrack dann abgebaut und man fand zahlreiche Leichen darin. Was auch immer mit denen passiert ist, die Recherche gibt wenig her. Ich denke, 1950 war man froh, dass Wrack dort los zu sein, der Rest liegt auf dem Meeresgrund. Tauchen wird wohl an dieser Position nicht gerne gesehen bzw. erfordert Mut. Es gibt zumindest Andeutungen dazu im Internet.

Die westdeutschen Urlaubsorte der Lübecker Bucht, Sierksdorf, Scharbeutz und Timmendorfer Strand, präsentieren sich heute gerne als Wohlfühl-, Entspannungs- und Familienparadies und scheinen alle Konfrontationsflächen, die Touristen mit der Schiffskatastrophe haben könnten, strikt zu vermeiden bzw. auf singuläre Orte zu fokussieren. Freilich, der Badegast kann ja zum →Ehrenfriedhof Cap Arkona nach Neustadt fahren, wenn er politisch interessiert ist. Dass er als guter Schwimmer locker das Zentrum des Ostseefriedhofs erreicht, sagt man ihm besser nicht. Fröhliches Friedhofs-Schwimmen.

Etwa 15 km sind es vom Strand von Groß Schwansee bis zur Position der Schiffskatastrophe. 15 km sind keine große Entfernung – und 3000 Menschen sind eine Kleinstadt. Hier, irgendwo auf dem Meeresgrund, zumindest ihre Reste. Irgendwie gruselt es mich, im Sommer dort wieder zu schwimmen. Und noch vielmehr gruselt es mich, wenn ich die Selbstdarstellungen der schleswig-holsteinischen Ostseeorte mit ihren bunten Familienparadies-Bildern sehe. In Nebensätzen heißt es in Internetquellen, dort seien bis in die sechziger oder oder achtziger Jahre noch vereinzelt menschliche Knochenteile an den Strand gespült worden. Das mag vorbei sein, da Natur und Meeresgetier ihren Dienst zuverlässig tun. Trotzdem sehr merkwürdig, Massenbaden neben dem Wasserfriedhof. Kann man tun – muss ich nicht. Ich zelte auch nicht auf einem Friedhof.

Im letzen Sommer habe ich am Strand von Groß Schwansee am Sonntagnachmittag schön und erholsam geschwommen. Links die Lübecker Bucht, rechts der Blick auf die offene Ostsee. Warmes, seichtes Wasser, Fähren kreuzen. Meer-Schwimmen. Anders und eindrucksvoller als Wannsee oder Havel. Weit sind wir dafür gefahren. Ich wußte, dass in der Ostsee so einiges an Müll liegt. Kriegsgerärt, Munition, Giftgas, Hinterlassenschaften von Seeschiffen und Fähren. Dinge, die wir heute Sondermüll nennen. So what, egal, dachte ich mir, das richten Natur und Meerestiere schon, und es beeinträchtigt weder Erholung noch Ostseefreuden. Natürlich, die Schiffskatastropen des Weltkrieges kannte ich. Gustloff, Goya, Cap Arcona, tausende Tote, irgendwo in der Ostsee. Dass die Cap-Arcona-Katastrophe sich jedoch direkt in der Lübecker Bucht ereignete, so nah, dass man locker hinschwimmen kann, das war mir nicht präsent. Jetzt weiß ich es, durch Zufall, durch einen Wegweiser, der neugierig machte.
Und ich finde, die Urlauber auf der schleswig-holsteinischen Seite der Lübecker Bucht sollten es auch wissen. Sie sind ganz nah dran, sie können hinschwimmen zum Ort der Schiffskatastrophe.

Geschichte, sie holt einen ein. Nicht nur die individuelle, auch die kollektive Geschichte. Jetzt hat sie mich eingeholt. Mir ist die Lust am Schwimmen hier in der Nähe der Lübecker Bucht etwas vergangen. Ich muss mir für den Sommer eine andere Badestelle suchen. Nur, wo? An der Nordsee, viel zu weit weg? Ratlos bin ich gerade.

Sagen Sie mal etwas dazu. Geben Sie mir einen Tipp.

Gesellschaft · Reisen

Ostseefreuden

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Strandspaziergang – Februarfotos

Kitty weilt ja zur Zeit in Nordwestmecklenburg bei ihrer Freundin, hütet dort Haus und Hof und hat sich einiges an Nähprojekten mitgenommen. Also bin im Moment von Freitag bis Sonntag in der Gegend um Alt Meteln. Von hier sind es nur knappe 30 Kilometer bis zur Ostsee – bis »zum Meer«. Da ist natürlich dann am Samstag nachmittag ein Stranspaziergang angesagt.

Von hier aus gibt es sicher nähere Ostseestrände als dervon Groß Schwansee. Bevor wir jedoch lange suchen müssen, Kurtaxe zahlen oder im Schwarm der Alt-Westdeutschen oder Alt-Ostdeutschen mitspazieren müssen, fahren wir lieber an die Orte, die wir kennen, auch wenn die etwas weiter entfernt sind. Also nach Groß Schwansee. Wie? Sie möchten jetzt wissen, wo das ist? Hier, ich schrieb es bereits in diesem Blog.

Nun, was macht man, wenn man an einem schönen Februartag um 15 Uhr am Ostseestrand ankommt? Spazieren gehen, tändeln, fotografieren. Bis zum Sonnenuntergang, bis die Speicherkarte voll und der Smartphone-Akku leer ist. Viele Fotos habe ich gemacht. Eine Auswahl habe ich zu einer Fotostrecke zusammengestellt.

▸ Zu den Fotos – Bitte ansehen.

Auf dem Rückweg lockte es mich dann, im Dunklen von Groß Schwansee noch einige Kilometer Richtung Travemünde auf die Halbinsel →Priwall an der Travemündung zu fahren. Zwar kenne ich Travemünde aus meinen Hamburger Zeiten, war aber noch nie auf »dem« Priwall. Ferienhäuser im Stil West – der Priwall gehörte ja zum großen Teil zum Westen. Dazu einige schöne Jugendstilhäuser, die Seemannschule, die Landesberufsschule für Bootsbauer, an der ein Bekannter aus Studienzeiten heute unterrichtet und eine Seniorenresidenz für Besserberentete direkt am Fähranleger.

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Herzchen, die 2te

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Herzchen senden mit iOS-Bordmitteln. – Benutzen Sie die »Welt-Taste«

Mehrfach wurde ich heute darauf hingewiesen, ich hätte etwas in meinem letzten Beitrag vergessen. Nämlich, dass man Herzchen und allerlei kleine Symbol-Bildchen – auch →Emojis oder korrekt Bildschriftzeichen genannt – ganz einfach mit dem iPhone oder dem iPad senden kann, ohne dass eine App dafür erforderlich ist.

Das funktioniert, indem man sich einfach ein zweites Tastatur-Layout anlegt. Letzteres wiederum funktioniert über Einstellungen → Allgemein → Tastatur → Tastaturen → Tastatur hinzufügen → Emoji-Symbole. Verlässt man die Einstellungen wieder, so erscheint die Display-Tastatur mit einer zusätzlichen Taste, links unten im Screenshot markiert. Über diese Globus-Taste kann jetzt ganz einfach zwischen dem normalen Tastatur-Layout und einer Auswahl Emojis gewechselt werden. Die einfachste Art, auf dem iPhone oder iPad kleine Herzen oder Smilies in die SMS, E-Mail oder Direct Message einzugeben.

Alle Unicode-Symbole, die das Gerät darstellen kann, bekommt man mit dieser Lösung freilich nicht. Dafür braucht man dann doch die Unicode-Pad-App. Für Herzchen-Sender jedoch die schnellste und einfachste Lösung und besonders zu empfehlen, wenn man zwischen Apple-Geräten Nachrichten austauscht. Ob alle Symbole auf dem Android-Gerät richtig angezeigt werden, weiß man jedoch nicht. Die Auswahl der Emojis ist zum Teil sehr umfangreich, zum anderen Teil mau. Bombe, Messer und Pistole sind vorhanden. Den Totenkopf (☠), einen rechten Winkel für einen Galgen (⎾ ), das Zeichen für Biogefährdung (☣) oder Radioaktivität (☢) bekommt man jedoch nicht über die Globus-Taste. Da hilft dann die externe App oder man kopiert sich das Zeichen aus einer Internetquelle.

Viel Spaß beim beim Schreiben Ihrer Nachrichten und SMS.

Tools & Technik

Herzchen zum Valentinstag

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Kleiner drei war gestern. Jetzt gibt’s rote Herzchen.

Morgen ist Valentinstag und viele Verliebte werden sich neben Blumen, Pralinen und anderem Schnickschnack ganz einfach wie jeden Morgen eine SMS oder ein Message via Facebook, Twitter oder einem anderen Social-Media-Kanal schreiben – oft mit Herzchen oder Smileys. Das Herzchen wird üblicherweise durch »kleiner drei« bzw. <3 geschrieben. Kleiner drei ist sicher die richtige Abkürzung, wenn man ein Handy der ersten Generation verwendet oder eine SMS vom einem Computer aus dem Museum für Verkehr und Technik sendet.

gutenmorgen

Jedes moderne Smartphone bietet jedoch eine Auswahl von zahlreichen – tausenden – Sonderzeichen und Symbolen, die in Texten verwendet werden können. Vom Fußball über den Totenkopf und dem Symbol für Radioaktivität bis zum Herzchen. Bei Apple Geräten – iPhone, iPad, MacBook oder iMac lassen grüßen – gibt es diese Herzchen sogar in verschiedenen Farben. Also warum noch Smileys mit Doppelpunkt, Semikolon und Klammer senden oder Herzchen mit kleiner drei? Vermutlich, weil kaum jemand weiß, wie man diese Symbole in den Text beziehungsweise in eine Nachricht hinein bekommt. Das ist in der Tat etwas tricky. Einfach jedoch, wenn man einmal weiß, wie es genau funktioniert und die richtigen Hilfsmittel dazu hat. Zwei komfortable Möglichkeiten dazu möchte ich hier vorstellen, die keine umständliche Eingabe von Hexadezimal- oder Zahlencodes erfordern. Kompliziertere Möglichkeiten werden ausführlich in der Wikipedia beschrieben.

Am PC oder Mac

Möchte man ein Herz oder Symbole am PC oder am Mac in Texte, E-Mails, etc. einfügen, dann ist die Internetseite des Londoner Web-Entwicklers Tim Whitlock empfehlenswert. Seite aufrufen, Symbol auswählen, anklicken. Ein neues Fenster mit dem Symbol öffnet sich. Dort markieren, kopieren. Wechsel zum Text, einfügen, fertig. Ein schöner und sehr praktischer Service.

Bei etwas genauerer Betrachtung der Tabellen, aus denen man die Symbole bzw. Sonderzeichen auswählen kann, fällt auf, dass jedes Symbol dort mehrfach nebeneinander gelistet ist. Einmal als »natives« Symbol und zudem im Stil, wie es auf Apple- und Android-Geräten angezeigt wird. Kopieren sollten Sie auf jeden Fall das native Symbol, auf einem Apple-Gerät wird es dann automatisch so angezeigt, wie in der Tabelle abgebildet. Man erkennt schnell: iPhone, iPad und MacBook können farbig. PCs nur schwarz-weiß. Hat man die Möglichkeit, den Text, in den das Symbol eingefügt wird, zu formatieren, so kann man es selbstverständlich wie jeden anderen Buchstaben farbig gestalten.

Auf Smartphone und Tablet

Mit iPhone, iPad oder einem Android-Gerät wird das Versenden von Kurznachrichten und Direct Messages erst richtig interessant. Viele Social-Media-Dienste ermöglichen diese Direkt-Nachrichten, allen voran Facebook und Twitter. Warum hier Purist sein und mit kleiner drei die Herzchen senden? Im Prinzip kann man diese Symbole und Sonderzeichen genauso wie bereits beschrienen von der Seite von Tim Whitlock oder von ähnlichen Internetquellen kopieren und in die Nachricht einsetzen. Viel komfortabler geht es freilich mit einer passenden App. Zeichen aussuchen, Copy, Wechsel zum Text, den man gerade schreibt, einfügen, fertig.

Ich verwende dazu die App Unicode Pad entwickelt von Ziga Kranjec. Unicode Pad gibt es in einer iPhone und iPad Version. Im iOS Store kostet die App 1,79 €. Eine ähnliche App gibt es für Android-Geräte: Unicode Map.

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Im Unicode Pad sind die Symbole und Sonderzeichen, die iPhone und iPad darstellen können, übersichtlich in Bereichen zusammengefasst. Weiter können sie in der App nacheinander in eine Zwischenablage kopiert werden. So können mehrere Symbole bzw. Sonderzeichen mit einem Kopiervorgang in den Text eingefügt werden. Man kann so schnell ganze Geschichten mit Sonderzeichen und Symbolen bildhaft nach dem Schema von Hieroglyphen erzählen. Storytelling à la Unicode.

Wer den Preis für einen halben Latte Macchiato nicht investieren möchte, kann auf eine abgespeckte Gratis-Version der App zurückgreifen. Diese heißt »Unicode Maps free« und ist offensichtlich gratis, weil dort Werbung eingeblendet wird – allerdings dezent, nur am unteren Rand. Und, man muss ja nicht auf die Werbung draufklicken.

Im Gegensatz zu kostenpflichtigen Version kann hier nur ein Symbol oder Sonderzeichen in einem Vorgang kopiert werden. Oft reicht das jedoch aus. Zeichen auswählen, Touch auf das vergrößerte Symbol, Copy to clipboard, wechseln zum Text und einfügen. Genauso einfach wie bei der Kaufversion, nur dass eben jedes Zeichen separat kopiert werden muss – und dafür jedes Mal zwischen zwei Apps gewechselt werden muss.

Mit Unicode Pad und Unicode Maps free flutschen die Herzchen schnell und komfortabel in jede SMS, Direct Message oder Email. Und nicht nur Herzchen, sondern noch eine Menge mehr an Symbolen, Formen, Sonderzeichen, Pfeilen, etc.

Kleiner drei war gestern. Heute gibt’s Unicode. Pimp up your message.

Ach, Sie wollen gar keine Herzchen zum Valentinstag versenden? Nun, dann versenden Sie doch einfach den Totenkopf oder ein anderes giftiges Zeichen.

 

Design & Typo · Gesellschaft · Reisen

Polnische Buchstaben

Typografisches und Schriften im Nachbarland

Im Moment bin ich wieder einmal in Polen, um mich im Riesengebirge zu erholen. Ein Grund, etwas zu polnischer Typografie bzw. genauer zu polnischen Schriften zu schreiben.

Fährt man ins östliche Nachbarland, so fällt dem typografisch Interessierten zuerst einmal die Schrift der polnischen Verkehrsschilder auf. Mit dem charakteristischen, abgeschnittenen e und dem individuellen runden a.

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Ein komplettes Schriftmuster findet man im Internet und →Hier, für die Schriftenjäger und Sammler.


Schriften für Mengentext und Display

Nun, Verkehrsschilder sind eines, interessanter sind für mich Satzschriften. Also habe ich etwas über polnische Schriften recherchiert. Gibt es die tatsächlich, typisch polnische Typo und Schrift? Und wenn ja, wie heißen diese Schriften und was sind ihre Eigenheiten? Da in Zeiten von Windows-PCs die Arial auf manchem neuen polnischen Straßenschild Verwendung findet und die Schriften der Corel-Draw-Bibliothek inzwischen auf der letzten Mülltonne an der ukrainischen Grenze angekommen sind, muss ich früher ansetzen, um typisch polnische Schriften aufzuspüren. Nicht sehr einfach für jemanden, der weder der polnischen Sprache mächtig ist, noch irgend einen familiären Bezug zu diesem Land hat. Und da Schriften ähnlich wie Türklinken sind – man liest, d.h. benutzt sie jeden Tag oft, aber kaum jemand erinnert sich an die konkrete Form – kann man vor Ort auch nicht schnell fragen, welche Schrift früher oft verwendet wurde.

Ein paar sehr individuelle polnische Eigenheiten habe ich zumindest herausgefunden und hier zusammengetragen. Polen gab es als eigenen Staat erst wieder nach dem ersten Weltkrieg, und so habe ich keine alten Schriften gefunden, die irgendwie den Eindruck vermitteln, sie hätten etwas typisch polnisches. Die große Diversifizierung im Schriftbereich und der Boom der →Schriftgießereien setzte erst im 19. Jahrhundert in der deutschen Gründerzeit ein. Im gesamten 19. Jahrhundert gab es Polen nicht als eigenen Staat und daher gibt es auch keine nennenswerten nationalen Einflüsse im Bereich der Gestaltung von Druckschriften.

Das änderte sich in der Zeit der polnischen Nationalbewegung in den 1920er Jahren. So gibt es eine Schrift, die ziemlich eigentümlich ist. Mit Formen der Buchstaben, wie sie eben nicht in Deutschland oder Amerika üblich waren. Es ist die →Półtawski-Antiqua von Adam Półtawski. Mit dem ganz charakteristischen g. Ein rundes w und y ergeben zudem ein gefälligeres Schriftbild mit den für polnische Texte typischen Buchstabenabfolgen. Besser, als wenn die üblichen spitzen Formen von w und y verwendet werden. Nirgendwo außerhalb Polens ist mir diese Schrift bisher über den Weg gelaufen. Und selbst dort erscheint sie ausgestorben zu sein. Außer als Schriftmuster habe ich sie zuletzt auf meinen ersten Polen-Reisen gesehen. In Formularen, Überbleibsel aus der kommunistischen Zeit, schlecht gedruckt auf holzhaltigem Papier. Schon lange sind diese Druckerzeugnisse durch Laser-Ausdrucke ersetzt und damit auch die Poltawski-Antiqua mit ihrem charakteristischen g durch TimesNewRoman mit dem für uns gewöhnlichen g.

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In der Zwischenkriegszeit und in der kommunistischen Ära wurde diese Schrift gut verwendet, oft so lange, bis jede Bleiletter in den 70ern oder 80ern derart abgetragen war, dass kaum noch damit gedruckt werden konnte. Danach gab es oft direkt den Quantensprung zu DTP mit Windows-PC und den bekannten, internationalen Standardschriften. Arial läßt grüßen. Die Poltawski-Antiqua mit dem charakteristischen g hat es nicht in diese digitale Zeit geschafft. Jedenfalls nicht wirklich. Zwar gibt es eine digitale Version von →Janusz Marian Nowacki, der sich zum Ziel gesetzt hat, historische polnische Schriften zu digitalisieren und so zu erhalten, jedoch scheint sie in Polen keiner mehr zu brauchen bzw. zu mögen. Offensichtlich als rückwärtsgewandt angesehen, dieses g –warum sollte man solche nationalen Eigenarten aus schlechteren Zeiten erhalten?  Jedenfalls habe ich die Poltawski-Antiqua nie wieder im Einsatz gesehen. Und genauso wenig ähnliche Formen, wie die Serifenlose zur Poltawski-Antiqua, digital entstanden unter dem Namen Grotesk Polski. Wenn Sie testen mögen, die digitale Poltawski-Antiqua gibt es gratis in drei Schnitten auf den Internetseiten von Janusz Marian Nowatzki.

Grotesk-Polski

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Nowacki hat sich um zwei weitere Schriften gekümmert, die ich durchaus als typisch polnisch bezeichnen würde. Die →Antykwa Toruńska von →Zygfryd Gardzielewski, entworfen 1960. Sie wirkt etwas wie eine mit Tilden und Wellenbewegungen aufgehübschte →Candida. Für Mengentext ist sie nicht wirklich geeignet, der beste Verwendungszweck ist wohl für leicht edel-etabliert anmutende Wortmarken, vielleicht mit polnischem Touch, erinnern die leichten Wellen in den Waagerechten doch an polnische Handschrift (s.u.). Ich selbst habe sie vor einigen Jahren für das Wort Urkunde gebraucht, in Versalien gesetzt, etwas gesperrt, klassische Anmutung. Dafür funktioniert sie gut. In Polen habe ich sie außer für ein wenig gelungenes Logo eines Café noch nicht im Einsatz gesehen.

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Cyklop ist eine Display-Schrift, aus der Zwischenkriegszeit. Man könnte diese Schrift als einen etwas eigenwilligen Klon der bekannten Broadway halten. Man sieht sie immer noch mal ab und zu in oft individualisierten Varianten auf alten Schildern etc. Auf jeden Fall eine interessante Alternative zur Broadway.

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Was bleibt noch zu sagen über polnische Schriften? Erwähnenswert ist auf jeden Fall die Schrift Blanke, die in den polnischen Telefonbüchern verwendet wird. Entworfen 1993 von Felix Tymcik. An traditionelle Elemente polnischer Beschriftungen anknüpfend, mutet die Blanke individuell und zu Polen passend an. Zudem ist sie so entworfen, dass die Punzen (Öffnungen) beim Druck auf schlechtes, saugfähiges Papier nicht zulaufen. Sehr interessant auch hier die Form des g. Weiter möchte ich Łukasz Dziedzic erwähnen, der heute fester Bestandteil der polnischen Schriftgestalter-Szene ist und einige bekannte Schriftfamilien entworfen hat, unter anderem den Google-Font Lato. Allerdings, international und modern anmutende Glyphen, ohne an Formen anzuknüpfen, die man als typisch polnisch empfinden könnte – sieht man einmal von durchaus vorhandenen Alternativglyphen ab. Etwas von diesen polnischen Eigenheiten sind vielleicht in den Fonts Achimow und Helga vorhanden.

/portfolio/?Family=Achimov
http://alfabety.pl/portfolio/?Family=Helga Versalien

http://www.myfonts.com/country/pl/

http://luc.devroye.org/poland.html

http://www.twardoch.com/download/poltype/

Łukasz Dziedzic

Blanke

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Apollonia ist eine Schrift mit dem Anspruch, dass darin gut Texte in polnischer Sprache mit ihren Konsonantenfolgen gesetzt werden können. Die Stärke liegt sicher in den speziellen Ligaturen und dem runden w und y. Wie bei der Poltawski Antiqua liefern beide bei polnischen Texten ein besseres Satzbild. Die Schrift gibt es in mehreren Schnitten zum Download (Link unten).

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Handschriften

Richtet man jetzt die Betrachtung vom gedruckten Text weg hin zur geschriebenen Schrift, so fallen schneller nationale Eigenheiten auf, die typisch polnisch sind. Die Buchstabenformen der Handschrift sind ja einerseits individuell durch den Schreiber bedingt, andererseits werden sie jedoch auch durch die dem Schreiber zuerst vermittelte Schulschrift bedingt. In fast jedem Staat wird die Schrift mit anderen Ausgangsformen gelehrt und dementsprechend entwickeln sich die Handschriften erfahrener Schreiber unterschiedlich. Schnell vermittelt eine handgeschriebene Weihnachtskarte, dass sie aus Polen kommt. Oft reichen die Ziffern der Postleitzahl, das zu erkennen. Was macht die Handschrift also typisch polnisch? Es sind die tildenartigen, kleinen, horizontalen Wellen. Zum Beispiel im z oder Z, in der 7, der 2 oder der 5. Wo sonst ein wagerechter Strich ist, geht’s in Polen mit tildenförmig geschwungen zur Sache. Außerdem wird gerne aufrecht und Buchstabe an Buchstabe geschrieben. Das W zudem oft mit zwei äußeren Senkrechten.

Einen kleinen Eindruck dieser kleinen Wellen gibt die Schrift Cookie von Ania Kruk wieder, ein Google-Font. Schauen Sie sich die Ziffern an, das Z, z und J. Einen anderen Eindruck gibt die Schrift Konstytucyja, hier vor allem die Kleinbuchstaben. Diese typische Form des Z mit tildenförmigen Waagerechten sieht man auch sehr oft, wenn handschriftlich Druckbuchstaben geschrieben werden. Praktisch ist dieses Z in jedem größeren Büro schnell in den Beschriftungen der Ordner zu entdecken oder an der Tür des Lebensmittelladens. Zapraszamy (=kommen Sie herein), natürlich mit dem geschwungenen Z – wie sonst in Polen?

Cookie

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Konstytucyja

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Schilder und Lettering

In meiner kleinen Sammlung über polnische typographische Eigenheiten fehlen noch Schilder und Beschriftungen. Heute mag man in Polen Schilder und Schriften in allen bunten Farben. Das ist nicht verwunderlich, wenn man 40 Jahre im grauen Sozialismus und Mangelwirtschaft gelebt hat. Mainstream-Typo, Schriften und Hintergrund oft in der Kombination gelb-orange, rot, blau. Meist in Abwesenheit eines Typografen produziert. Mit den Schriften, wie es auch das Corel-Draw-Paket in Auswahl und Qualität hergibt. Werbetafeln gibt es zur Zeit in hoher Buntheit und Sättigung, wie es die modernen Large-Format-Printer hergeben. Nationale Eigenheiten – gibt es. Je größer, je besser und gerne mit Foto. Aber nichts Spezifisches, was nicht ein internationaler Corel-Draw-Baukasten schon mitliefert.

Bleibt also zu schauen, ob es speziell polnische Eigenarten aus der Zeit vor Folienplot und DTP gibt. Als charakteristisch fielen mir auf meinen ersten Polen-Reisen die serifenlosen Schriften mit unterschiedlicher Strichstärke auf. Oft condensed und immer etwas starr anmutend. Im Schilder- und Beschriftungsbereich hat man in Deutschland serifenlose mit unterschiedlicher Strichstärke nur selten. Rot sahen die typischen Hinweisschilder aus, in polnischen Nationalfarben, mit weißen Versalien, schmale, serifenlose Buchstaben. Etwas streng, aber nicht wahrnehmbar konstruiert. Es gibt sie noch, diese Schilder mit diesen charakteristischen Schriften, allerdings immer seltener. Die Schrift im →Zywiec-Logo ist übrigens in diesem Stil, nur dass es eine Serifenschrift ist, wodurch die Wortmarke freundlicher wirkt.

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  •  Einfahrt für Lastautos und Pferdewagen verboten

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  • Schablonenvariante. Ach hier die betont unterschiedlichen Strichstärken.

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  • Gleicher Stil, nur mit leichten Serien

Inspiriert von diesen schmalen, strengen serifenlosen Condensed-Schriften mit unterschiedlichen Strichstärken – die mir bis dahin ziemlich fremd waren – habe ich vor mehr als 20 Jahren mit einem rudimentären Font-Editor eine digitale Version der Schrift Schadow Bold Condensed von ihren Serifen befreit und etwas umgearbeitet. AnetaK heißt die Schrift und schlummert seitdem in den Fontwelten der Backup-Festplatte. Experiment, privat, außer für einen Gummistempel nie eingesetzt.

AnetaK

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Kfz-Nummernschilder

Wahrscheinlich sind sie wie die Nummernschilder in anderen Staaten fälschungssicher, maschinenlesbar aus dem mitgeschnittenen Video oder sonstwie. Typografisch sind sie genauso wenig wie in Deutschland oder andernorts, machen in der Gesamtwirkung jedoch noch eine halbwegs gute Figur.

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  • Typo der polnischen Kfz-Nummernschilder
Reisen

Nach Diktat verreist

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Der Januar war so etwas wie ein Stress-Monat. Das liegt auch daran, dass wir Weihnachten energiemäßig über unsere Verhältnisse gelebt haben – und ich im speziellen meine Korrektivfunktion als Bremser nicht genug wahrgenommen habe. Rund um Weihnachten zu viel gearbeitet, Wohnung und Weihnachtsbaum, Family, Essen. Alles super entspannt und alle super zufrieden. Nur die Entspannung kommt nicht bei einem selbst an. Miz Kitty nach den Weihnachtstagen erst mal eine Woche krank und ich auf dem Zahnfleisch kriechend. Dann ohne Pause weitergearbeitet und dann gab’s ja auch noch Tschingelingeling, der 31.

So hatten wir uns fest vorgenommen, nach diesem doch stressigen Jahreswechsel jetzt unbedingt ein paar Tage auszuspannen und Urlaub zu machen. Vier Stunden Flug nach Fuerteventura – hin und zurück sind das dann acht Stunden – waren uns zu lang. Dazu brauchen wir eine Unterkunft, wo wir uns dann tatsächlich erholen können, möglichst ohne Urlaubsschwarm oder Pauschaltouristen. Also fahren wir dort hin, wo wir schon öfter waren und →wo wir uns ganz gut erholen können. Vielleicht wieder für ein paar Tage in eine neue Zeitschleife eintauchen. Also Richtung Hirschberg, Niederschlesien, Polen.

Das erste blogfähige Urlaubserlebnis hatten wir gestern gleich auf der Hinfahrt. Einmal im Schlamm stecken bleiben mit dem 25 Jahre alten, aber sehr robusten Automobil aus Sindelfinger Produktion. Ok, wenn man Sonnabends um fünf nichts besseres zu tun hat, als über sumpfige, polnische Feldwege zum Urlaubsdomizil zu fahren… Miz Kitty ließ ihren Charme spielen und fand mit ihren Russisch-Kenntnissen in der Nachbarschaft schnell jemand, der uns mit einem Mitsubishi Pajero wieder aus dem Schlamm rauszog. Eine Stunde Verzögerung und Schuhe, wie zu Zeiten, als Bundeswehr und NVA noch Wehrübungen im Schlamm abhielten, denn wir hatten ja zuerst versucht, das Auto selbst los zu bekommen. Die Schuhe sind inzwischen wieder sauber und brauchen nur noch etwas Schuhcreme und eine kräftige Bürste.

Ansonsten in der Mini-Zeitschleife angekommen. Wechsel zwischen der Badewanne mitten im Zimmer, Pool, Bibliothek, Restaurant. Lassen Sie es sich auch gut gehen. Kaufen Sie weniger Autos und trinken Sie mehr Champagner.

Gesellschaft

Tschingelingeling

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Nun, Miz Kitty und ich, wir sind beide an einem 31. geboren. Zwei Monate gibt es also im Jahr, in denen etwas zu feiern ist. Am letzten Freitag war eines dieser Daten, der 31. Dieses Mal war der Anlass ein besonderer. Deswegen ließen wir es uns am Freitag Abend gut gehen lassen, zu zweit, ohne Besuch und Party. Schwarzer Anzug, schwarzes Abendkleid, schwarze Limousine, Charlottenburg, Schlüterstraße, Lutter & Wegner. Danach zu fortgeschrittener Stunde noch Tschingelingeling – und natürlich mit der schwarzen Limousine zurück zum Zionskirchplatz.

Tschingelingeling.

Tools & Technik

Reflector

Apps live und in Echtzeit präsentieren

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Wer näher mit mobile Computing und der Entwicklung von Apps oder Web-Apps zu tun hat, kennt dieses nützliche Tool bestimmt. Für alle anderen möchte ich es hier kurz vorstellen. Mit der →Reflector-Software des Herstellers →airsquirrel kann das Display eines iPhones oder iPads in Echtzeit auf dem Monitor eines Desktop-Computers oder Notebooks angezeigt werden. Das ist zum Beispiel sinnvoll, um das Handling und die Funktionsweise einer App vorzuführen. Ist an den Computer oder an das Notebook ein Beamer angeschlossen – was ja in jedem Präsentationsraum Standard ist – kann eine App oder eine mobile Website schnell live und in Echtzeit einem großen Publikum vorgestellt werden.

Auch wenn man nichts mit App-Entwicklung zu tun hat, ist Reflector nützlich. Zum Beispiel, wenn man Bilder vom iPad schnell auf einem großen Desktop-Monitor oder via Notebook und Beamer zeigen möchte und gerade keinen iPad—Monitor- bzw. iPad—Beamer-Adapter zur Hand hat. Alles, was man dazu braucht: die Reflector-Software und ein WLAN, über das iPhone bzw. iPad und Computer verbunden sind. Reflector wird auf dem Mac oder PC installiert, auf dessen Monitor das iPhone oder iPad dargestellt werden soll. Mit dem Preis von 12,99$ ist Reflector übrigens deutlich preiswerter als ein Monitor- oder Beamer-Adapter. Reflector gibt es in einer Version für Mac und für Windows-PC. Auf dem iPhone oder iPad ist keine Software-Installation erforderlich. Die Verbindung funktioniert via →Airplay. Man muss sie nur auf dem iPhone oder iPad aktivieren.

Da Airplay ein WLAN voraussetzt, funktioniert Reflector nur, wenn dieses vorhanden ist. Genau das war meine Herausforderung beim ersten Einsatz von Reflector. Was bei mir im Büro gut und schnell funktionierte, klappte im Seminarraum erstmal nicht. Ich bekam einen Netzwerkzugang per Kabel, Bandbreite galore, nur eben kein WLAN. Airplay Fehlanzeige. Die simple und erfolgreiche Lösung: das MacBook zum WLAN-Accesspoint machen und iPhone bzw. iPad über dieses WLAN mit dem MacBook verbinden. Easy, wenn man diese Möglichkeit im Kopf hat. Falls Sie die Reflector-Software einsetzen möchten, ist es also wichtig zu wissen, wie Sie ggf. ein funktionierendes WLAN herbeizaubern können. Mit meinem MacBook einfach – wie das genau bei einem Windows-PC funktioniert, weiß ich jedoch ad hoc nicht, und bestimmt nicht unter Zeitdruck kurz vor einer Präsentation. Hat man das im Griff und kann ggf. ein funktionierendes WLAN schnell herstellen, dann ist die App-Präsentation auf großer Bühne easy going – und vor allem für das Publikum wirkungsvoll. Sie bedienen Ihre App, und das Auditorium erlebt auf großer Leinwand alles live und in Echtzeit mit. Reflector machts möglich.

Zusätzlich kann man ein Screen-Recording vom gezeigten iPhone oder iPad machen. Das ist nicht nur für Video-Tutorials zu einer App sinnvoll, sondern vor allem, um das Nutzerverhalten von Apps zu analysieren. Während verschiedene Nutzer die App testen, wird einfach unbemerkt aufgezeichnet und nachher ausgewertet. Eine schöne Nebenfunktion, dieses Screen-Recording.

Gemessen am Preis bin ich sehr zufrieden mit der Reflector-Software. Ich habe sie auf meinem MacBook installiert. Interessant wäre weiterhin freilich eine Software zur Echtzeit-Visualisierung von Android-Geräten. Meine – zugegeben kurze – Internetrecherche ergab leider kein Ergebnis. Ok, es gibt gute Android-Emulatoren, z.B. →Genymotion.

Prädikat: Sehr empfehlenswert.