Gesellschaft

Ost-West-Deutsche Paare

Ost-West-Paare

25 Jahre sind seit der Grenzöffnung durch die DDR vergangen. Seitdem hat sich viel getan in Deutschland. Manche Menschen hätten sich ohne dieses Ereignis und die Deutsch-deutsche Vereinigung nie kennengelernt. Andere wären nie ein Ehepaar geworden. So z.B. Miz Kitty und ich. Miz Kitty ist in der DDR aufgewachsen, ich in der alten BRD. Aus diesem Grund sind wir seit gestern Bestandteil einer Kunstaktion. Sabine Welz von Art Domino hat 25 Ehepaare im Pop-Art-Stil auf Leinwand gebracht, von denen jeweils der eine Partner aus dem Osten und der andere Partner aus dem Westen kommt. Aneinandergereiht wie Dominosteine ergibt sich ein großes Kunstwerk von 5 mal 2,5 Meter. Die Kunstinstallation ist noch bis zum 11. November im Berliner Europa-Center neben der Uhr der fließenden Zeit zu sehen.

Und jetzt möchten Sie wissen, wo unsere Portraits in dem Geamtwerk sind? Nun, schauen Sie sich meinen Twitter-Avatar an, dann finden Sie mich, auch ohne Propeller.

 

Gesellschaft

Die DDR, der Mauerfall und ich

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Vor 25 Jahren

Heute ist der 9. November 2014. Vor 25 Jahren öffnete die DDR nach einigem hin und her die Grenze zu West-Berlin und zur alten Bundesrepublik. Ein historischer Tag.

Ganz Berlin scheint in diesen Tagen auf den Beinen zu sein. Auf einem Teil des ehemaligen Verlaufs der Berliner Mauer sind gasgefüllte Ballons dicht an dicht aneinander gereiht, eine Lichtinstallation, die Lichtgrenze. Heute, am Jahrestag der Grenzöffnung werden sie nach und nach in den Himmel fliegen. Die Grenze löst sich auf und verschwindet. Gestern und vorgestern Abend waren viele Berliner an dieser Lichtgrenze unterwegs, mit Kind und Kegel. In der historischen Mitte der Hauptstadt, an der Bernauer Straße, im Mauerpark und natürlich an der Bornholmer Straße, dort an der Bösebrücke, wo die Grenze zuerst geöffnet wurde. Die Berliner zieht es immer schnell zu Events und zu diesem erst recht. Manchem steht das Déjà-vu ins Gesicht geschrieben.

Seit 1998 lebe ich in Berlin, und schon fast zehn Jahre hier in Berlin-Mitte, am Zionskirchplatz. Die Bernauer Straße, dort wo ich dieses Foto gestern machte, ist von unserer Wohnung fußläufig schnell zu erreichen. Es ist die Straße, die Mitte bzw. Prenzlauer Berg vom Wedding trennt, die ehemalgige Sektorengrenze. Dort, wo die Straße zum französischen Sektor gehörte, die anliegenden Häuser jedoch zum sowjetischen. Dort, wo im August 1961 Menschen aus den Häusern in den Westen sprangen, in die Sprungtücher der Westberliner Feuerwehr. Jeder, der in Westdeutschland aufgewachsen ist, kennt die Bilder aus dem Geschichtsbuch.

Viele erinnern sich heute, was sie am 9. November 1989 gemacht haben. Ich studierte damals in Hannover. Der 10. November, also der Morgen danach, war dort ein trüber Herbsttag. Natürlich gab es in den Tagen und Wochen vorher immer wieder Berichte über die DDR, über Montagsdemonstrationen, die Prager Botschaft, die Ausreise über Ungarn, etc. Das alles interessierte mich schon, nur eben mit dem Stellenwert wie so viele andere Dinge auch. Einen wirklichen Bezug zur DDR, dem ostdeutschen Staat, hatte ich nämlich nicht. So lief ich am 10. November 1989 vom Hauptgebäude der Uni Hannover durch den kleinen Park zu den Institutsgebäuden am Schneiderberg. Ein Kommilitone kam mir entgegen und wir wechselten ein paar Worte. Er fragte dann: »Haste schon gehört, die Mauer ist offen in Berlin.« Ich hatte es noch nicht gehört und hatte freilich nichts von der Nacht auf der Brücke der Bornhomer Straße mitbekommen. Ok, jetzt war die DDR-Grenze offen. Eine Bedeutung hatte das damals für mich nicht. Nicht im Traum hätte ich mir ausmalen können, dass ich Jahre später ziemlich nah an Bernauer und Bornholmer Straße leben würde. In Berlin. Und noch weniger hätte ich mir ausmalen können, dass ich 25 Jahre später in meiner Wohnung stehe, mit einer Frau aus der Ex-DDR verheiratet sein würde und vom Ende der Veteranenstraße über die historische Mitte bis zu Funkstation Tempelhof schaue – vom alten Osten in den alten Westen. Dorthin, wo die Menschen in die alte BRD ausgeflogen wurden, die Berlin nicht auf dem Landweg verlassen konnten.

Berlin war für mich als westdeutsches Mittelstandskind weit weg, und die DDR, die war noch viel weiter weg. Meine Familie hatte keine Verwandten in der DDR. Daher war dieser zweite deutsche Staat auch für ein meine Eltern außerhalb ihres Fokus. Das war Ausland, weit beschwerlicher zu erreichen als Österreich. Warum sollte man sich dafür interessieren? So war meine Kenntnis als Schulkind über Orte in der DDR und in den deutschen, heute meist polnischen, Ostgebieten schnell besser als die meiner Eltern. Es gab mehrere Lehrer, die selbst aus der DDR und aus den deutschen Ostgebieten kamen. Sie erzählten uns viel über die deutsche Teilung, die DDR, ihre Erfahrungen dort (mit Ausreise, Flucht, etc.) und auch über die deutschen Ostgebiete in Polen. Freilich, immer mit dem Tenor, dort seien ungerechte Menschenunterdrücker am Werk, die Land und Leute drangsalierten, aber wir müssten gerüstet sein, das Land und seine Städte zu kennen, für den Fall, dass mit Amerika-Hilfe die Wiedervereinigung kommt und wir dann unseren deutschen Brüdern die Freiheit bringen – woran diese Lehrer Anfang der 70er Jahre wohl ernsthaft glaubten, dass es eintritt. Ich war ein neugieriges Kind und mich begeisterten diese Erzählungen über den Osten schon. Wie schön alles gewesen sei, dass wir uns an Amerika hängen müssten, damit die Menschen in der DDR – die Verwandten der Lehrer und Mitschüler – endlich nicht mehr eingesperrt wären, uns besuchen könnten, wann sie wollten und zu dem gleichen Wohlstand kämen wie wir. Seit dieser Zeit kenne ich – freilich nur vom Hörensagen – den Unterschied zwischen Thüringen und Sachsen und seitdem weiß ich, wo Schlesien, Pommern und das Wartheland liegt, dass Breslau in Schlesien ist und Königsberg in Ostpreußen. Kurze Zeit später kamen die 68er-Lehrer, die die DDR und die polnische Westgrenze sowieso als manifestiert ansahen und uns mitteilten, wie schlecht und ungerecht die Bundesrepublik mit ihrer RAF-Rasterfahndung sei und dass die Kommunisten im Osten nicht unsympathisch seien und gute, soziale Dinge täten. Nun, mit diesen Lehrern kam ich als angepasstes Schulkind sowieso nicht klar, aber das ist ein anderes Kapitel. Ihre Wirkung war jedoch begrenzt.

Herr Bergner kommt aus der Niederlausitz. Das sagte meine Großmutter einmal über einen Nachbarn. Niederlausitz, das klingt für ein Schulkind schon merkwürdig exotisch, zumindest wenn die Landschaften drumherum Westfalen, Weserbergland, Münsterland, Niedersachsen oder Sauerland heißen. Ich fragte also, wo das genau ist und bekam zunächst die Standard-Antwort: »Im Osten.« Wo denn da, in Polen oder in Russland? Mit ziemlich viel Aufwand fanden wir dann heraus, dass die Niederlausitz ganz im Osten der DDR, rund um Cottbus und Guben liegt. So habe ich es mir damals jedenfalls gemerkt.

Bei meinen Schulfreunden sah das anders aus. Einige hatten Verwandtschaft in der DDR, in Gera, in Leipzig oder in Dresden. Da war es in den 70ern ein Thema, Pakete an die Cousins und Cousinen zu schicken, diese zu besuchen oder zur Beerdigung Verwandter zu fahren – und natürlich nachher zu erzählen, wie viel schlechter und ärmlicher es denen geht, dass man sich aber gefreut habe, sie zu sehen und man jetzt dies und jenes kaufen werde, um Ihnen das zu schicken, weil es das dort nicht gäbe. Von einem Mitschüler bekam ich einmal hochwertige Spulen-Tonbänder geschenkt. Die Familie musste sie bei der Einreise in die DDR zurückschicken, sie waren für die Verwandten bestimmt und durften nicht eingeführt werden. Nun waren sie übrig und ich bekam sie geschenkt, da die Familie selbst kein Tonbandgerät hatte. Es waren wohl die (relativ) teuersten und hochwertigsten Tonbänder, die ich jemals besaß. Gut kann ich mich daran erinnern, dass Dinge, wie Pakete nach drüben zu schicken, zu meiner Grundschulzeit auf den Kindergeburtstagen ein Thema waren. Ich habe den Eindruck, dass dieses in den späten 70ern und 80ern nachließ. Mag sein, dass ich andere Schulfreunde hatte, die eben auch keinen oder nur wenig Bezug zur DDR hatten, es kann aber auch sein, dass in den späten 70ern die deutsche Teilung als gegeben hingenommen wurde und alle sich mehr im Westen etabliert hatten, die nahen Verwandten auch ausgereist oder schon gestorben waren und die Besuche seltener wurden. Ich weiß nicht, ob es wirklich so ist, oder ob es subjektive Wahrnehmung ist. DDR, Osten, Herkunft der Eltern, Verwandte dort, das waren zumindest auch für meine Schulfreunde in den 80ern keine relevanten Themen mehr, und für mich sowieso nicht.

Mein Interesse an der DDR, dem deutschen Osten, etc. war jedenfalls in den 80ern erloschen. Ohnehin wurde die DDR nur als graue, ungerechte Diktatur mit Mangelwirtschaft beschrieben, als ein Ort, wo man besser nicht hinfahren sollte, vielleicht ins Gefängnis kommt, etc. Als Teenager macht man sich dann schon seine Gedanken und kann auch schon einiges bewerten. »Das müssen komische Menschen dort sein, die ihre Mitmenschen einsperren und ihnen nicht erlauben, ihre Verwandten in der Bundesrepublik zu besuchen. Die es nicht mal zulassen, dass man ein unbespielttes Tonband mitnehmen darf. Ehrlich, was will man da?« So dachte ich.

Während einer von der Bundesrepublik finanziell geförderten Schülerreise war ich in West-Berlin und im trostlos-grauen Ost-Berlin. Mit diesem Berlin konnte ich wenig anfangen. Ich war kein Abenteurer. Ich wollte es am Liebsten so, wie zu Hause. Einige aus meinem Gymnasium zog es nach dem Abitur nach West-Berlin. Dorthin, wo man nicht zur Bundeswehr musste, wo alles alternativer, unkomplizierter und weniger bürgerlich war. Das interessierte mich nicht. Ich wäre dort hoffnungslos untergegangen. Zudem wurde mir von meinen Eltern vermittelt, bloß nicht in Berlin zu studieren, da man ja ständig über diese Transit-Strecke fahren müsse und man nie wisse was dort passiert. Was hätte passieren können, vielleicht waren da Menschenfresser hinterm Busch? Da mag auch noch die Erzählung des Vaters einer früheren Mitschülerin bei mir einen Eindruck hinterlassen haben, der nach West-Berlin nur noch per Flugzeug reiste, weil er unter problematischen Umständen die DDR verlassen hatte und das Risiko nicht eingehen wollte, bei einem Transit auf dem Landwege festgenommen zu werden.

Ich habe dann in Hannover studiert. Sie wissen schon, dort wo Deutschland am saubersten spricht, die Leute ordentlich sind, in den Mietshäusern die Menschen ihre Treppe abwechselnd selber putzen, mit Putzplan und Unterschriftenliste zum Abzeichnen und an den nächsten Nachbarn weiterzugeben. Und wehe, Sie haben die Liste einmal vergessen und einfach weggepackt. Hannover, ordentlich, korrekt, unprätentiös, nich auffallender Durchschnitt. Als die Grenze geöffnet wurde, waren auch in Hannover einige meiner Kommilitonen gespannt wie der Flitzebogen, was nun kommen würde und neugierig auf die DDR, auch auf die DDR-Mädchen und -Jungs. Diese Neugier war mir abhanden gekommen. Vielleicht lag es an Hannover, der Stadt mit meinen bittersten Zeiten, mit der ich immer noch keinen richtigen Frieden geschlossen habe.

Ich hatte jedenfalls kein Interesse, mir die DDR anzuschauen. Ich kannte dort keinen und hatte genug mit mir selbst zu tun. Mir reichte diese verstopfte A2-Autobahn, über die ich fahren musste, wenn ich meinen Heimatort besuchte. Komisch aussehende Menschen gedrängt in komischen Autos. Die komplette A2 war benebelt von den blauen Zweitakt-Abgasfahnen. Klar, da könnte man selbst auch mal rüberfahren, ein bisschen genauer schauen, irgendwann einmal.

Als die D-Mark längst eingeführt und die Grenze schon lange offen war, fuhr ich ein paar mal mit dem überfüllten Regionalzug Richtung Sachsen-Anhalt. Morgens hin, abends zurück. Mich triggerte da nichts, ich fand das nicht interessant. Der kleinbürgerliche hannoversche Kosmos, ein Abbild meines Elternhauses, hatte mich gefangen. Die allseitigen Klagen, es gäbe jetzt keine günstgen Gebrauchtwagen mehr, weil die Ostdeutschen alles weg kauften, die Klagen, dass man in Geschäften manches gar nicht mehr bekomme und die Klagen meiner Hildesheimer Auftraggeber, die Kunden und Lieferanten würden jetzt im Osten investieren und eigene Betriebe aufbauen, wodurch man als kleiner Mittelständler ins Gras beiße. Und was das alles koste. Die Ost-Familien wären jetzt mit der D-Mark alle reicher als man selbst, weil beide Partner berufstätig seien, beide Rente bekämen, usw., usw. Ich muss mir zugute halten, diese Weltsichten aus der Hannoverschen Kartoffelgalaxie nie geteilt zu haben. Ein Interesse am neuen deutschen Osten ergab sich dadurch jedoch erst recht nicht.

In diesem Kosmos war ich dann einer der wenigen, die sich dafür aussprachen, die Wiedervereinigung schnell zu vollziehen, wenn die Ostdeutschen das selbst wollten. Nicht aus deutsch-deutschem Zusammengehörigkeitsgefühl, sondern ich hielt die Russen für unberechenbar und dachte, man müsse sofort Nägel mit Köpfen machen und eine große Bundesrepublik schneidern, bevor diesen Russen noch etwas anderes einfällt. Dass es 25 Jahre – und mancherorts länger – dauern würde, bis Landschaften blühen, das war mir klar und vielen anderen sicher auch.

Erhellend, erschreckend, ermutigend: Den ersten richtigen Ost-Kontakt hatte ich, als ich nach der Vereinigung Facharbeiter mit Berufsbezeichnung Ost zu Facharbeitern der gleichen Branche mit Berufsbezeichnung West umschulte. Von vorher arbeitslos zu nachher arbeitslos. Genauer gesagt habe ich einzelne Kurse im Rahmen dieser Umschulungen in Brandenburg gegeben. Das war erhellend, aber auch erschreckend. Und auch ermutigend.

Erhellend, wie die Situation zwei Jahre nach der Grenzöffnung wirklich aussah. Erhellend über westdeutsche Interessen und die Mechanismen des Kapitalismus. Und erhellend über die ostdeutsche Verhaltensweisen. Erschreckend, wie viel Westprodukte dort in den Regalen lagen. Es sah so aus, als ob dieser untergegangene Staat keine Waren- und Marken-Vergangenheit hatte. Stellen Sie sich vor, Sie tauschen jetzt Ihre Euro-Scheine gegen eine andere Währung und sämtliche Waren und Dienstleistungen werden in relativ kurzer Zeit durch andere, manchmal nur vermeintlich, oft aber tatsächlich bessere, in der Regel aber buntere, ausgetauscht. Das Ganze natürlich im alten, nicht so schnell änderbaren Ambiente der bröckelnden Fassade und mit den alten Akteuren. Erschreckend, diese Kombination aus tradierten Ost-Verhaltensweisen, einer Orientierungslosigkeit, Frühkapitalistischen Gegebenheiten und bunter Markenwelt. Zum Besserwessi taugte ich damals nicht. Dazu bin ich zu zurückhaltend. Es mag sein, dass dieses die Ursache war, warum ich bei meinen Einsätzen in der brandenburgischen Provinz immer sehr herzlich und freundlich empfangen wurde. Das war ermutigend für mich. Ermutigend, mich mit der DDR zu befassen. Mir die Gegend anzuschauen, was dort so möglich ist. Und mitzuerleben, was sich dort entwickelt. Kontakte zu netten Menschen zu knüpfen und vielleicht dort einmal dauerhaft zu arbeiten.

Kurze Zeit später hatte ich mein Studium beendet und zog nach Hamburg. Hamburg, dieses Tor zur Welt mit Elbe und Alster, großen Schiffen, den mir mental nicht fremden Menschen, ein Ort, an dem vieles etwas gediegener und ästhetischer ist als im Rest der Republik, egal ob in Ost oder in West. Diese Stadt rockte für mich und Norddeutschland sowieso. Ich fand schnell Anschluss und eine nette Hausgemeinschaft. In dieser Stadt, dachte ich, bleibe ich den Rest des Lebens. Nur, es gab dort ein anderes Problem. Zufällig verschlug es mich nach Berlin, die Ereignisse überschlugen sich im Positiven und ich blieb hier.

Ein paar Jahre nach dem Mauerfall gab es hier in Berlin im Osten noch den Osten und im Westen noch den Westen und die Mitte war eine Kombination von Aufbruch und Gammel. Vieles gab es hier zu entdecken und mit meiner damaligen Freundin entdeckte ich, ziemlich viel und immer mehr. Schön, wie sich hier alles entwickelte. Und ich mittendrin, glücklich. Ich machte einen Quantensprung, und Berlin machte auch einen Quantensprung, hin zum Internationalen. Und dann noch einen, hin zur Ästhetik. Leider ist letzteres oft mit Gentrifizierung verbunden. Erst und moderat fand ich sie gut. Alles wurde so schön, nobel, und edel, mit internationalem Flair. Inzwischen kommen mir ernsthafte Zweifel.

Freilich, es gibt sie noch, die Ost-Stadtteile, die man eindeutig als Osten wahrnimmt und die West-Stadtteile, die man als Westen wahrnimmt. Die Metropole hat jedoch längst andere Kategorien: Berliner, Schwaben, deutschsprachig, englischsprachig, international, mit Migrationshintergrund oder ohne.

In 25 Jahren, am 9. November 2039. Wer weiß, wo wir dann leben? Wenn alles so gut wird, wie es wurde, dann ist es gut.

Berlin · Gesellschaft

Geschwommen

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Längs durch den Schlachtensee.

Schwimmen sie mehr, das tut Ihnen gut! Gestern bin ich längs durch den Berliner →Schlachtensee geschwommen, 2,6 km Entspannung geradeaus. Eigentlich waren Miz Kitty und ich verabredet, um etwas raus zu fahren und dabei vielleicht schwimmen zu gehen. Nun, die Miz hatte eine anstrengende Woche und war am Freitag Abend schon auswärts, in Brandenburg, schwimmen. Sie wollte nicht schon wieder ins Wasser. Also nutzte ich die Gelegenheit. Ich wollte wieder einmal richtig lang schwimmen (für meine Verhältnisse zumindest) und bevorzuge es, durch Seen komplett hindurch zu schwimmen. Dann habe ich ein Ziel, kann mir nachher auf der Landkarte schön die Strecke anschauen, habe das Gefühl, etwas geschafft zu haben und kann abends damit glänzen, indem ich erzähle, ich wäre durch den und den See ganz hindurch geschwommen, längs, versteht sich, die längere Strecke. Irgendwie schafft mir dieses Durchqueren ganzer Gewässer ein klein wenig mehr Glücksgefühl als einfach in die Mitte zu schwimmen und zurück.

So eine Seequerung ist jedoch immer etwas mit logistischen Problemen verbunden. Man kommt an anderer Stelle aus dem Wasser, als dort, wo man eingestiegen ist und muss irgendwie zum Auto zurück. Da Kitty gestern nicht schwimmen wollte, hat sie mich am westlichen Ende des Berliner Schlachtensees rausgelassen und ist mit dem Auto zum östlichen Ende gefahren, dort wo sich das Restaurant Fischerhütte befindet. Ich habe derweil die 2,6 km längs durch den See geschwommen. Herrlich.

Jetzt werden Sie sagen, der will auch noch im blog damit glänzen, dass er längs durch den See schwimmen kann. Ja, mag sein, ein nein wäre vielleicht gelogen. Vor allem möchte ich jedoch eines: Sie motivieren, es mir gleich zu tun. Wenn Sie längs nicht schaffen, schwimmen Sie quer durch, aber schwimmen Sie mal richtig lang am Stück geradeaus. Das wird Ihnen gut tun.

Und ich, ich wiederhole das bei nächster Gelegenheit – und freue mich außerdem riesig auf das →Elbschwimmen in Dresden, im August.

Wir sehen uns, schwimmend, ok?

Berlin

Kauperts Straßenführer durch Berlin

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War das nun Osten oder Westen?

Miz Kitty hat das Stricken wiederentdeckt und so kam es, dass sie vorgestern in einem Handarbeitsgeschäft in der Karl-Kunger-Straße war. Im →Liljedal Werkhus, im Dreieck zwischen Kreuzberg, Neukölln und Alt-Treptow. Wir sprachen gestern Abend über diese Gegend und die →Karl-Kunger-Straße. Ich schaute mir die Straße auf dem iPad an und meinte, dass das früher Osten war. Nicht, weil ich damals schon mal dort gewesen wäre, sondern eher aus dem ungefähren Wissen des Grenzverlaufes. Kitty hingegen meinte, die Karl-Kunger-Straße sei geteilt gewesen und ein Teil hätte im Westen gelegen.

Nun, Fragen, die eigentlich keiner braucht, 25 Jahre post Deutsch-deutscher-Vereinigung. Trotzdem natürlich interessant. Sicher, den genauen Grenzverlauf findet man im Netz, nur eben nicht so einfach, wie man diese Straße auf jeder Karten-App oder bei Google-Maps findet. Jedenfalls konnten wir den genauen Grenzverlauf in der Nähe der Karl-Kunger-Straße nicht sofort im Netz finden. Ein alter Stadtplan aus den fünfziger Jahren, auf dem die Sektorengrenze und Ost- wie auch West-Teil der Hauptstadt zusammen abgebildet sind, half nicht weiter. Wir fanden die Karl-Kunger-Straße nicht. Ok, wenn das Netz nicht hilft, dann helfen die Fundstücke, die ich immer mal wieder aufgesammelt habe, z.B. ein alter Band von →Kauperts Straßenführer durch Berlin, in dem früher auch vermerkt war, ob eine Straße im Ost-Teil oder West-Teil Berlins war.

Also zum Regal und gleich beide Ausgaben von Kauperts Straßenführer herausgezogen, die in meinem Besitz sind. Und natürlich die Karl-Kunger-Straße gesucht. Die eine Ausgabe ist von 1961 und die andere von 1985. Im ersten Kauperts, dem von 1961, ist die Karl-Kunger-Straße nicht gelistet. Mmh, also in der Ausgabe von 1985 nachgeschaut. Sie enthält alle Straßen in Ost- und West-Berlin, jeweils mit dem Zusatz O oder W. Schnell habe ich sie hier gefunden, die die Karl-Kunger-Straße. Der Zusatz O verrät, dass sie früher im Osten lag. Weiter gibt es die Information, dass die Straße bis 1962 den Namen »Graetzstraße« hatte. Eine typische Straßenumbenennung im Ostteil der Hauptstadt, wie so oft nach einem →Widerstandskämpfer. Die Karl-Kunger-Straße ist also die Ex-Graetzstraße, deswegen konnten wir sie auf dem alten Stadtplan und im Kauperts von 1961 nicht finden. Die Graetzstraße freilich gibt es dort, im Ost-Sektor eingezeichnet.

Für genau solche Fragen, »War diese und jene Straße nun damals im Osten oder Westen?« oder auch »Welche Postleitzahl hatten die denn damals dort?« hebe ich manchmal diese alten Verzeichnisse auf. Nicht, dass ich sie regelrecht sammle, wohl aber werfe ich sie nicht weg und nehme sie mit, bevor sie jemand wegwirft. Beide Kauperts-Straßenführer sind mir auf diese Art »zugeflogen« Hier liegen sie im Regal, zusammen mit Reiseführern und Büchern, die nice-to-have, aber weniger wichtig sind und von denen ich mich nicht trennen mag.

Dem Kauperts von 1961 kommt noch eine besondere Bedeutung zu. Das war das Jahr des Mauerbaus. Und als ich dieses ca. DIN A6 große Handbuch gestern aus dem Regal zog und aufklappte, fand ich in der hinteren Umschlagtasche einige geviertelte, mit Schreibmaschine beschriebene Blätter eingesteckt. Da hat tatsächlich jemand das Straßenverzeichnis ergänzt und Straßenumbenennungen sowie neue Straßen auf gelbliche Blätter aufgeschrieben. Zum Teil sind sie aus sehr dünnem Papier, auf das man mit dazwischen gelegtem →Kohlepapier mit der Schreibmaschine Durchschläge, ähnlich Kopien, schreiben konnte (richtig angestellt, waren durchaus sechs Durchschläge möglich, bis die Schreibmaschinenschrift auf dem hintersten Blatt kaum noch lesbar war). Dieses dünne Papier kennen Sie bestimmt noch, wenn Sie in der Zeit aufgewachsen sind, als nicht jedes Büro einen Scanner oder Fotokopierer hatte.

Bitte, wer macht so etwas? Wer ergänzt ein als Buch gebundenes Straßenverzeichnis per Schreibmaschine, dazu noch mit Durchschlägen. Die Antwort ist sicher, dass dieses Exemplar des Straßenführers, das heute in meinem Besitz ist, in einer Polizeidienststelle verwendet wurde. Das verrät der Stempel auf dem Titelblatt. Polizisten haben damit also gearbeitet, Straßen gesucht, Auskunft erteilt, Menschen den Weg gezeigt, etc. Und vermutlich hat man in der Dienststelle mehrere dieser Kauperts-Handbücher gehabt. Da macht die Ergänzung mit Schreibmaschine und Kohlepapier durchaus Sinn, Anfang der sechziger Jahre, damals, als Stadtpläne noch nicht überall herumlagen und man diese verlässlichen Verzeichnisse brauchte, pflegte und ergänzte.

Der taschenbuchgroße, erst graue, später blaue, Kauperts-Straßenführer gehörte lange Zeit in jeder Verwaltungsdienststelle und in jedem größeren Büro mit zum Inventar und auch die Polizei hat anscheinend damit gearbeitet. Schnell konnte man die Postleitzahl einer Straße herausfinden, in welchem Stadtteil sie liegt und wo man sie im Stadtplan finden konnte. Infos, die wir heute ganz simpel via Google oder mit den Landkarten- und Stadtplan-Apps der Smartphones ermitteln können. Damals war man darauf angewiesen, dafür ein Verzeichnis zu haben. Genauso, wie man ein Telefonbuch brauchte und das vom Nachbarbezirk und vielleicht auch noch vom übernächsten Bezirk aufhob, um die Informationen im Haus zu haben.

Wer diese Verzeichnisse nicht hatte und auch keinen Zugang dazu (weil z.B. nicht im Büro arbeitend oder nicht so aufgestellt, sich so ein Verzeichnis zu kaufen), der hatte eben z.B. im konkreten Fall nicht den Zugang zum Wissen über die Berliner Straßen. Noch gut erinnere ich mich an die achtziger und auch frühen neunziger Jahre. Viele Handbücher, Verzeichnisse, Kataloge, Presseinformationen, etc. habe ich gesammelt, um möglichst viele Informationen, Adressen von Ansprechpartnern, etc. parat zu haben. Das ist mit iPhon, iPad und Internet-Flatrate endgültig Vergangenheit. Sehr froh bin ich darüber. Fast alle Infos lassen sich heute schnell auf den Bildschirm zaubern. Auch eben diese banalen Infos, ob irgendeine Straße im Osten oder im Westen lag, seit wann es sie gibt und wie sie früher hieß – auch wenn das im Einzelfall mit dem alten Straßenführer in Buchform noch schneller geht.

Kauperts Straßenführer gibt es selbstverständlich immer noch. Heute zeitgemäß als Website (Link s.o.), optimiert für Smartphones und Tablets. Ganz unkompliziert und gratis kann man hier über jeder Berliner Straße eine Menge mehr Informationen erfahren, als die alten Handbücher enthielten. Von allgemeinen Infos bis hin zu den für diese Straße geltenden Zuständigkeiten, sei es nun Jobcenter, Familiengericht, Polizeiabschnitt oder Grundbuchamt. Außerdem erfährt man hier interessantes über die Geschichte jeder Berliner Straße, seit wann es sie gibt, nach wem sie benannt wurde und manchmal einiges mehr. Sehr schön, dieses Wissen schnell und gratis zur Verfügung zu haben. Und freilich, für Menschen, die noch nicht im Internet angekommen sind, gibt es den Kauperts Straßenführer durch Berlin auch in 2014 noch als →gebundenes Buch. Eindrücke der Umschläge des Kauperts im Wandel der Zeit finden gibt es auf den →Internetseiten des Herausgebers. →Hier, leider nur als Flash-Dokument und nicht am iPad anzuschauen.

Nicht vorenthalten möchte ich Ihnen einige Fotos meiner beiden Ausgaben des Berliner Straßenführers. Außerdem habe ich einige der mit Schreibmaschine geschriebenen Einlagen fotografiert, die ich im älteren Handbuch fand. Unter anderem ist hier ein Merkblatt dabei, das Hinweise zur Einreise in den Sowjetsektor enthält, dazu Adressen, wo West-Berliner einen Passierschein beantragen können. Ein Zeitdokument, vermutlich aus irgendeiner Polizeidienststelle, vielleicht zusammengestellt zur Auskunft. Ich schätze, das Dokument stammt aus den Jahren 1964 oder 1965, denn die Grenze war nach dem Mauerbau erst einmal ziemlich lange dicht und das →Passierscheinabkommen wurde im Dezember 1963 vereinbart.


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Auf der Suche nach der Karl-Kunger-Straße in Kauperts Straßenführer von 1961.


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…und hier in der Ausgabe von 1985.


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Gesellschaft

Ironblogger-Treffen

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Am Montag hatten wir das erste feucht-fröhliches Treffen der →Ironblogger Berlin in diesem Jahr. Jeder, der es nicht schafft, einen Blogpost pro Woche zu schreiben, zahlt 5 Euro in die Kasse ein. Alle paar Monate treffen wir uns dann face-to-face und das Bier oder natürlich auch andere Getränke werden aus der Kasse bezahlt. Eine schöne Idee, die sich inzwischen in mehreren Städten durchgesetzt hat. Man lernt andere Blogger persönlich kennen und deren interessante Blogs. Mehr zu den Regeln und die Links zu den einzelnen Chapters gibt es auf der →Ironblogger-Website. Mit meinem Blog @netznotizen gehöre ich zu den Berliner Ironbloggern. Zwei Vorteile bringt mir die Mitgliedschaft dort: Einerseits ist es schön, andere Blogger face-to-face kennen zu lernen, die man bisher nur gelesen hat oder neue Blogger, die man noch gar nicht kennt, kennen zu lernen. Andererseits hilft es mir, die @netznotizen auch in Zeiten, in denen ich viel zu tun und eigentlich keine Energie zum Schreiben habe, regelmäßig weiter zu pflegen.

Jedem, der den Anspruch hat, regelmäßig zu bloggen, andere Blogger kennen lernen möchte und ein wenig Druck braucht, dann tatsächlich regelmäßig zu schreiben, kann ich nur empfehlen, sich den Ironbloggern anzuschließen. Inzwischen gelingt es mir gut, in den @netznotizen mindestens einen Blogpost in der Woche zu schreiben. So musste ich am Montag nichts in die Kasse einzahlen. Diese war jedoch recht gut gefüllt ist, und wir sind – naja, einige zumindest – etwas abgestürzt. Aber, schön war’s. Wie schon zuvor trafen wir uns wieder im →Hops & Barley in Friedrichshain. Für die Organisation der Berliner Ironblogger hier einen herzlichen Dank an Nicole, die unter →antischokke.de bloggt.

Berlin · Gesellschaft

Berliner Adressbücher

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Für Spurensucher, Ahnenforscher, Historiker und Zeitreisende. 

Von Steuergeldern werden viele Sachen finanziert, bei denen ich manchmal denke »schade um mein schönes Geld«, zum Beispiel dieses Berliner Flughafenprojekt. Dafür gibt es andere Bereiche, wo etwas sehr inspirierendes geschaffen wird, das man freilich nicht unbedingt braucht, aber das doch sehr interessant und bereichernd ist. Manchmal gehören dazu auch Angebote aus dem Bibliotheksbereich.

Für alle Spurensucher, Genealogen oder einfach nur Berlin-Neugierige gehört das Projekt der digitalisierten Berliner Adressbücher zu diesen interessanten Dingen. Seit einiger Zeit können per Internet ganz bequem die Seiten der gescannten Berliner Adressbücher aus dem Zeitraum von 1799-1943 aufgerufen werden und ab circa 1870 fehlt kein einziger Jahrgang. →Hier kommen Sie zu der Seite der ZLB, über die Sie zu den einzelnen Adressbüchern gelangen.

Gestern wollte ich etwas mehr wissen über den Herausgeber des Grundstücks-Kontobuch, über das ich in meinem →letzten Beitrag schrieb. Ich suchte mit Google etwas erfolglos hin und her und fand dann den Link zu den digitalisierten Berliner Adressbüchern. Diese Entdeckung freute mich sehr, hatte ich doch schon einmal daran gedacht, dass man Bücher doch gesammelt in Bibliotheken vorliegen und digitalisiert werden müssten. So kann man etwas besser recherchieren, über vor Jahrzehnten in Berlin ansässige Verwandtschaft oder mindestens doch das eigene Haus und die eigene Straße erforschen. Ein tolles Projekt, auch und vor allem, weil es Berliner Adressbücher sind – nicht von irgendwelchen Städten aus dem ehemals deutschen Osten, die schon seit vielen Jahren akribisch gesammelt und digitalisiert wurden, im Bewusstsein dass es diese Städte nicht mehr gibt und jede Information rar und kostbar ist. Das ist anders bei Städten, von denen trotz Bombenkrieg noch ziemlich viel Historisches vorhanden ist. Warum sollte man Adressbücher digitalisieren, geh‘ doch ins Stadtarchiv und schau nach…

Für Familienforscher und alle, die Berlin-Bezug haben und an Geschichte die Geschichten interessiert sind die Altberliner Adressbücher sicher eine gute Fundgrube – und sei es nur für den genauen Bestuhlungsplan eines Theaters in den dreißiger Jahren oder für die Postleitzahl des Protagonisten eines Krimis. Für den Fall, dass Sie den nächsten mit Kommissar →Kappe schreiben.

Adressbücher in dieser Form gibt es meines Wissens nach heute nicht mehr, zumindest nicht von Berlin (vielleicht irre mich ich mich jedoch, dann belehren Sie mich eines Besseren). Ich kenne sie aus meiner westdeutschen Geburtsstadt und früher gab es sie regelmäßig von fast allen Städten, in der Zeit vor Internet, Facebook und SocialMedia. Sie waren eine wichtige Informationsquelle, wenn man nach Personen suchte. In den Adressbüchern sind nämlich nicht nur alle Personen aus dem amtlichen Melderegister in alphabetischer Reihenfolge aufgelistet, sondern auch alle Straßen und Häuser, jeweils mit Angabe der Eigentümer und Haushalts-Vorstände der Bewohner. Man konnte also nicht nur schnell ermitteln, wer in der Stadt wo wohnt, sondern auch wer in einem bestimmten Haus wohnt und wer der Eigentümer dieses Hauses ist.

Natürlich habe ich in den Alt-Berliner Adressbüchern etwas gestöbert und mich auf die Suche nach der entfernten und seit Jahrzehnten verstorbenen Spandauer Verwandtschaft gemacht. Prompt habe ich sie in einem Adressbuch der Zwischenkriegszeit gefunden. Weiter habe ich nach den Bewohnern des Hauses am Berliner Zionskirchplatz gesucht, in dem ich jetzt wohne. Schon lange weiß ich, dass es um 1874 / 1875 erbaut ist. Also suchte ich zuerst das Berliner Adressbuch von 1875, in dem das Haus auf der anderen Straßenseite der Veteranenstraße schon gelistet ist, unseres jedoch noch nicht. Baustelle, steht dort, auch für die weiteren Hausnummern bis zur Anklamer Straße. Als Grundeigentümer ist von Griebenow genannt, verwitwete Rittergutsbesitzerin. Also die Witwe von Griebenow. Ihnen gehörte das ganze Areal rund um den Zionskirchplatz und noch einiges mehr, weswegen schon lange eine →Straße nach ihnen benannt ist, auf der anderen Seite des Zionskirchplatzes.

Also im Buch von 1876 suchen. Schön, hier ist das Haus gelistet, offensichtlich in 1875 fertig gestellt und neu bezogen. Und da in den alten Adressbüchern alle Haushaltsvorstände mit ihren Berufen gelistet sind, weiß ich jetzt auch, was die Bewohner arbeiteten. Das Buch von 1877 gibt dann Aufschluss darüber, dass Haus und Grundstück – man spricht auch immer von Grundstück mit aufstehendem Wohngebäude – einem Leutnant a.D. Quasebarth gehören. Bewohnerschaft und Eigentümerwechsel könnte ich jetzt Jahr für Jahr verfolgen, was jedoch etwas zuviel Aufwand ist. Einige Stichproben habe ich dennoch gemacht: 1890, 1910, 1925, 1935 und 1943, der letzte Jahrgang, der digital vorhanden ist.

Die einzelnen Seiten der Adressbücher kann man auf der Internetseite recht komfortabel anschauen und vergrößern, so dass man gut zur gesuchten Information kommt. Oder man speichert sich gleich die komplette Seite als PDF und schaut sie dann in Ruhe durch. Besser wäre nur noch, das komplette Adressbuch als PDF zu haben. Das würde allerdings wahrscheinlich die Datenübertragungskapazität sprengen – außerdem, was soll man mit kompletten uralten Adressbüchern, aus denen man dann doch ab und zu nur eine Seite braucht. Da kann man sie doch gleich in Internet aufrufen. Soweit muss der digitale Sammeltrieb auf Terabyte-Festplatten dann doch nicht gehen.

Eines ist unbedingte Voraussetzung für Recherche und Stöbern: Man muss die Fraktur lesen können. Für mich als typografisch Vorgebildeten ist das nun gar kein Problem, für manch einen wird das mit Sicherheit die Hürde schlechthin sein. Denn man muss sie schon ziemlich gut lesen können, die Fraktur. Die Scans haben keine besondere technische Qualität und liegen nur in einfachem schwarz-weiß (ohne Graustufen) vor. Warum auch immer, ein moderner Kamerascanner könnte das sicher besser. Diese etwas maue Qualität ist letztlich egal, da das Adressbuch konsultieret wird, um wenige Informationen aus tausenden von Seiten herauszulesen. In der Praxis haben die Scans manchmal dann doch ihre Tücken, auch wenn man die Fraktur flüssig und sicher lesen kann (ich kann sie sogar ohne Vorlage schreiben, mag sie dennoch nicht besonders). Wenn Buchstaben sehr ungenau reproduziert sind oder zusammenlaufen, dass man sie kaum noch erkennen kann, dann wird das Lesen von Eigennamen problematisch. Mit zwei- und notfalls dreimal lesen und etwas Kombination klappt es trotzdem ganz gut. Warum gerade Adressbücher mit den vielen Eigennamen über die Jahrzehnte hinweg komplett in Fraktur gesetzt wurden, erschließt sich mir freilich nicht. Ok, es war die übliche Schrift damals, es gab jedoch die ungeschriebene Konvention, Eigennamen oft in der leichter erfassbaren Antiqua zu setzen, während Beruf, Ort und allgemeine Worte dann wieder direkt daneben in Fraktur gesetzt wurden. Diese Konvention gab es übrigens sowohl bei gesetzten Texten (sehen Sie in alten Büchern nach) als auch in handschriftlichen Dokumenten (Namen in lateinischer Schreibschrift, alles andere in deutscher Kurrent).

Die undeutlichen Scans bedingen auch, das die →OCR, also die Texterkennung und Umwandlung in durchsuchbaren Text, ziemlich fehlerhaft ist. Wohl deshalb gibt es von der ZLB das Angebot, die Einträge selbst zu korrigieren. Hier wird Crowdsourcing sinnvoll. Natürlich ist eine durchsuchbare Version immer schön, für mich jedoch kein Muss bei über 100 Jahre alten Adressbüchern.

Zum Schluss dieses Beitrags möchte ich Ihnen natürlich die Bewohner des Hauses am Zionskirchplatz im Jahr 1876 vorstellen. →Hier die Seite des Adressbuches als PDF. Es geht um die Nummer 25.

Berlin · Gesellschaft

Berlin 1927

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Zeitreisen

Lassen Sie uns eine Zeitreise machen in die →deutsche Metropole im Jahr 1927. Fast 10 Jahre ist der erste Weltkrieg vorbei und es hat sich viel getan in Berlin. Es gibt sie hier und besonders hier, die goldenen 20er. Zumindest für alle, die es irgendwie geschafft haben, nicht zu den Kriegsverlierern zu gehören und im Berliner Tempo ganz gut mithalten können. Die Kaiserzeit mit ihren Militärparaden, Kasernen und →Exerzierfeldern hat die Hauptstadt hinter sich gelassen – und vermisst werden die alten Zeiten keineswegs. In Tempelhof gibt es schon seit 1923 einen Linienflugbetrieb und es gibt jetzt Radiosendungen vom zuvor eigens dafür gebauten →Funkturm. →Hier spricht Berlin.

Jeder, der es sich leisten kann, ist schon vor dem Weltkrieg aus den Stadtbezirken der Mitte in die westlichen gezogen. Es ist das Berlin dieser 20er Jahre, in das ich manchmal gern eine kurze Zeit eintauchen möchte. Das Berlin der →Brüder Sass und des →Karl Siebrecht. Das Berlin, in dem Kommissar →Kappe ermittelt. Mit Berliner Tempo, Doppeldeckerbussen und großflächiger Werbung für Chlorodont-Zahnpasta und für Schuhhaus Leiser. Das ungeteilte und nicht zerbombte Berlin, das sich zur Metropole entwickelt, mit deutlich mehr kultureller Vielfalt und Sexiness als jemals unter den Wilhelms und Friedrichs. Siemens, die AEG und Osram haben sich längst als führende Massenarbeitgeber etabliert und stehen technologisch an der Weltspitze. Siemens prägt einen neuen →Stadtteil nicht nur mit seinem Namen. Die Berliner S-Bahn hat gerade die →große Elektrisierung bekommen und man kann in den beige-roten Zügen stundenlang die Ringbahn-Strecke fahren, was verliebte Pärchen oder Studenten im Winter immer wieder gern nutzen.

Wer ohne Blessuren über Krieg und Inflation gekommen ist und mit welchen Geschäften auch immer ganz gut verdient, lässt sich ein Häuschen im Grunewald bauen. Wenn nicht vom berühmten Architekten, so doch vom einem Baumeister, der sich dort ein paar Stilelemente der neuen Sachlichkeit abschaut. Wer es nicht so gut machen kann, profitiert vielleicht gerade von den ehrgeizigen →Architektenprojekten der 20er oder wohnt wie eh und je in einer der zahlreichen Mietshäuser, bürgerlicher in Kreuzberg oder Schöneberg, ärmer im Wedding oder im heute gentrifizierten Altbaugürtel von Prenzlauer Berg bis Friedrichshain. In einem dieser Altbauten, die so charmant Mietskasernen genannt werden, mit Toilette im Treppenhaus oder im Hof.

Viel investiert wird nicht in diese Mietshäuser, sind sie doch in der Regel Anlageobjekte für die Haus- und Grundstückseigentümer, die oft längst woanders, manchmal aber auch selbst in einem der besseren von ihren Mietshäusern wohnen. Ehrliche Sparer haben es ohnehin nicht zu diesen Mietskasernen der Gründerzeit und Jahrhundertwende gebracht. Und mit ehrlicher – sagen wir besser bodenständiger – Arbeit wird man in den 20ern auch nicht wohlhabend, nach Inflation und Kriegszusammenbruch. Dafür muss man schon etwas spekulieren, zocken, in Aktien und Geldgeschäften machen. Manchem gelingt das oft und gut, und dann eben auch zuweilen nicht mehr gut. So wechseln sie immer mal wieder die Eigentümer, diese Mietshäuser in den viele Jahrzehnte später gentrifizierten Stadtteilen. Auch das Haus, in dem ich in 2013 – fast 90 Jahre später – lebe, hat viele Eigentümerwechsel hinter sich. Pleite, verkaufen. Dabei noch gut aussehen den Arbeitern gegenüber, zu denen man nicht gehört, den Sinnesfreuden der 20er aufgeschlossen, neu spekulieren, neues kaufen. Das funktioniert in diesen Jahren. Bis 1929. Was der schwarze Freitag und die Weltwirtschaftskrise auslöst und was danach kommt, wissen Sie selbst.

Natürlich, wer nicht (nur) in Immobilien macht, hat andere, kreative Ideen. So wie ein Herr Waldemar Keiser, Vorsitzender der Bezirksgruppe Wedding des Bundes der Berliner Haus- und Grundbesitzer. Er gibt ab 1925 Keiser’s Grundstück-Kontobuch heraus. Wie in einem Geschäftsbuch kann damit die Buchführung und, wie es im Vorwort heißt, die Übersicht über den Ertrag eines Mietshauses schnell erfolgen. Die eigentliche Idee Keisers ist wohl nicht, dafür eine Art Geschäftsbuch zu entwickeln, sondern dieses Buch in 10.000 Exemplaren kostenlos an die Mitglieder des Haus- und Grundbesitzer-Vereins zu verteilen. Dafür enthält das Buch jede Menge Werbeanzeigen von Berliner Gewerbetreibenden, auf die ein Hauseigentümer oder Eigenheimer immer mal wieder zurückgreifen muss. Wahrscheinlich ist das Buch komplett über diese Werbeanzeigen finanziert.

Nun, ein Exemplar von Keiser’s Grundstück-Kontobuch – warum der →Deppenapostroph hier verwendet wird und warum das →Fugen-s in Grundstücks-Kontobuch fehlt, erschließt sich mir nicht – ist irgendwie vor Jahren in meinen Fundus geraten. Ich hatte einiges an alten Geschäftsbüchern und -papieren gesammelt, der Gestaltung und Handschriften und manchmal auch der zeitgenössischen Anzeigen wegen. Vieles habe ich inzwischen leider weggeworfen, Keiser’s Kontobuch hingegen habe ich behalten.

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Das Buch hat ein Format von 20 mal 32 cm, also ein schlankes Hochformat, etwas größer als DIN A4. Es hat 38 Inhaltsseiten. Besonders dick ist es also nicht, aber die Idee ist ja auch, dass der Grundeigentümer jedes Jahr ein neues Buch mit neuen Werbeanzeigen verwendet. Zwischen den Inhaltsseiten ist immer (mindestens) ein rosa Blatt mit zum Teil großformatigen Werbeanzeigen eingefügt. Diese bedruckten rosa Zwischenblätter bestehen aus einem Löschpapier, so wie man es aus Schulheften kennt, zum Aufsaugen von noch nicht auf dem Papier getrockneter Tinte. Eine clevere Idee, kann man das Buch doch einfach zuklappen, sofern – wie damals üblich – mit Tinte und Stahlfeder oder mit einem der frühen Füllfederhalter geschrieben wird und die Tinte noch nicht trocken ist.

Ich finde diese alten Anzeigen nicht nur vom Inhalt, sondern auch mit Blick auf Typografie und Gestaltung interessant. Mit wenigen Ausnahmen ist das Buch komplett in Antiqua-Schrift gesetzt. Die allseitige Verwendung von Fraktur kommt erst viel später und ist in den 20er Jahren unter Geschäftemachern sowieso nur selten anzutreffen. Sie gilt, schwerer lesbar, als unmodern. Gedruckt ist das Buch ausschließlich im Hochdruck bzw. Bleisatz, was man sieht und fühlt, wenn man mit dem Finger über das Papier streicht. Allerlei zeitgenössische Schriften, Rahmen und Vignetten werden verwendet und im Beisatz kombiniert. →Aurora-Grotesk, die breite Bernhard Antiqua in mager und fett oder die fette Block. Eben das, was Buchdruckerei und Verlag Franz Dietzler in der Weddinger Gerichtsstraße 39 so an Schriften vorrätig hatte oder für dieses Buchprojekt angeschafft hatte.

Inspirierend, die Namen, die Orte, die Berufe und Gewerke. Für eine Zeitreise in das Berlin vor 86 Jahren. Bestimmungsgemäß wurde dieses Exemplar jedoch nicht verwendet. Eher so, wie man ein Werbe-Notizbuch eben verwendet. Man schreibt anfangs etwas hinein, das dem Zweck sehr wohl entspricht und notiert später irgendetwas darin, z.B. weil das Buch gerade passende Spalten oder einfach nur leere Seiten hat. Mietzahlungen sind einzig auf Seite 6 eingetragen, mit Kopierstift und darunter mit Tinte. Hier heißt es allerdings: ab 1.4.32. Aha, das Buch wurde also Jahre später verwendet. Auf den folgenden Seiten finden sich – ja, Wahlergebnisse von der →Reichspräsidentenwahl 1932. Handschriftlich notiert und wie es scheint, ungeordnet von Provinzen und Städten aus ganz Deutschland gesammelt. Die Spaltenköpfe mit D (für Düsterberg), H (für Hindenburg) sowie mit Hitler und Thälmann beschriftet. Alles scheint schnell aufgeschrieben worden zu sein, zu welchem Zweck auch immer… Spekulationen, die mir und Ihnen Stoff für eine weitere Zeitreise geben, wobei ich lieber nicht in diese Zeit reisen möchte.

Ich möchte Ihnen mein Exemplar von Keiser’s Grundstück-Kontobuch, Ausgabe 1927, nicht vorenthalten. Gescannt habe ich es, und ein PDF daraus erzeugt. Für Ihre Zeitweise ins Berlin von 1927. Einige Seiten fehlen. Vermutlich sind sie schon vor Jahrzehnten herausgerissen worden. Egal, so wie es ist, ist es Zeitreise genug.

▶ Hier geht es zum PDF

Anmerkung:

Das PDF ist ca. 20 MB groß und kann sehr gut auf dem iPad oder Tablet angesehen werden. Um ein eventuell vorhandenes Datenkontingent nicht zu belasten, empfiehlt es sich, das PDF bei WiFi-Verbindung zu laden und nicht per 3G oder LTE-Mobilfunk-Verbindung.

Berlin · Gesellschaft

Berlin-Marathon

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Der Berlin Marathon, ein jährliches Ereignis am letzten Septemberwochenende. Heute findet er statt, auf Twitter habe ich vorhin schon einigen Läufern und den Supportteams einen guten Lauf gewünscht – den Schwammhaltern, Fläschchengebern und persönlichen Motivatoren ebenso wie den Läufern und Läuferinnen selbst.

Seit 2003, also seit 10 Jahren ist es der erste Berlin-Marathon, an dem ich so gar nicht beteiligt bin, weder als Zuschauer oder als Läufer. Acht mal bin ich die Strecke gelaufen. 337,56 km durch abgesperrte Berliner Straßen, 2003 das erste mal und 2010 das letzte Mal. 10 Mal hätten es eigentlich werden sollen – und werden es hoffentlich noch. Ich würde heute mit einer grünen Nummer laufen, als einer dieser Jubilee-Club Veteranen, die den Hauptstadtlauf schon 10 Mal absolviert haben. Statt dessen kam vieles anders. Nein, nichts schlimmes und nichts gesundheitliches, sondern Glück, Heirat, Ehe, viel Heimsport (sie wissen schon…), und gute häusliche Küche. Meine Metamorphose vom studentischen Jüngling mit Mitte vierzig zum mittelalterlichen, dicklichen, glücklichen Ehemann, mit der besten Frau der Welt, Biokiste, Autourlaub, Schlösserhopping und nach vielen Jahren mit Pappkästen und Kellerregalen endlich in einer eingerichteten Wohnung. Die Medaillen auf dem Bild sind also »echt«, d.h. ich habe sie wirklich bekommen, und es gibt noch einige mehr.

Heute findet der Lauf ohne mich statt. Wir fahren wir nach Norddeutschland in ein kleines Paradies und lassen Marathon Marathon sein, denn selbst die Freundin, die wir im letzten und vorletzten Jahr mit Päckchen Taschentüchern supportet haben, läuft dieses Jahr nicht mit.

Nun, ein wenig Wehmut ist schon dabei, heute Morgen nicht in der Straße des 17. juni dabei zu sein, wo doch heute ein Bilderbuchwetter ist – wobei, für die Läufer könnte es gegen Mittag schon zu warm sein. Gut erinnere ich mich noch an meinen letzten Berlin Marathon 2010 (oder war es 2009), als es im Start schon Bindfäden regnete und wir unter einer Bühne zusammengewängt Regenschutz suchten und auf den startschuss warteten. Nach knappen 20 Kilometern war meine Funktionsjacke so durchnässt, dass ich sie im Yorckschlösschen abgab, die restliche Strecke im Shirt weiterlief und sie spätabends wieder abholte. Alle Marathon-Debütanten werden dieses Erlebnis nicht haben, sondern einen schönen Tag und ziemlich sicher auch ein schönes Erlebnis.

Gedanklich lasse ich die Strecke gerade revue passieren und bin natürlich gespannt, wie die Läufer sie heute erlebt haben. Deswegen: Bitte gerne einen Kommentar schreiben.

Der Start des Hauptstadtlaufes findet immer auf der Straße des 17. Juni statt, in einer riesigen Menschenkette von ca. 40.000 Läufern. Vor dem Start geht es natürlich den Kleiderbeutel abgeben und man kann noch etwas die Atmosphäre vor dem Reichstag genießen. Sofern man mit einer Gruppe läuft gibt es vielleicht vorher noch ein Erinnerungsfoto auf der Treppe des Reichstags. Ich fand diese Atmosphäre immer sehr schön. Mindestens bei diesen Zusammenkünften habe ich Läufer immer sehr hilfsbereit und nett erlebt und das Einzelkämpfertum, das man ihnen nachsagt, habe ich nie feststellen können. Eines ist übrigens auf den Platz vor dem Reichstag am Marathon-Tag gebilligt. Um den Damen lange Dixi-Wartezeiten zu ersparen, wässern hier schon mal einige Herren die Hecke. Bitte meine Herren wann dürfen Sie schon mal vor dem Reichstagsgebäude an die Hecke pinkeln, ohne dass die Staatsmacht gleich hinter Ihnen steht und man Ihnen das sonstwie auslegt? Am Marathon-Tag dürfen Sie es. Ich habe es schon einige Male getan.

Hat man den auf der Startnummer aufgedruckten Startblock erreicht, geht es im Pulk Richtung Siegessäule – Rechtsläufer wie ich laufen rechts der Gold-Else, die anderen links. Vorbei am Flohmarkt Richtung Ernst-Reuter-Platz, West-Berliner-Publikum eng im Spalier aufgestellt. Der Start ist vorbei, man hat die allererste Prognose für den Lauf. Alles easy, oder erschwerte Bedingungen am Start. Zu viel Pulk, falscher Startblock, zu viele rempelige, von der Midlife-Crisis Gebeutelte, die unbedingt die 3:30- oder 4-Stunden-Marke knacken müssen? Oder gleich Läufer/innen mit gleichem Tempo gefunden, mit denen man die ersten Kilometer bei kurzweiligem Gespräch absolviert?

Auf jeden Fall langsam und stetig das eigene Wohlfühltempo erreichen und in diesen ersten Kilometern zum Erreichen der mittleren Flughöhe kein unnötiges Kerosin verbrennen. Im Pulk geht es weiter Richtung Moabit, über die Gotzkowskybrücke. Eine Freundin wohnt hier und ich bin dort immer links außen gelaufen. Schauen, ob man sich sieht, auch wenn man nicht direkt verabredet ist. Langsam entzerrt sich der Pulk etwas. Das Moabiter Publikum ist nicht das schlechteste. Bodenständig, ohne irgendwelche Hard-Rock-Sequenzen aus übersteuerten Lautsprechern, die mich aus dem Lauftakt bringen.

Nach Zeitmessung und Verpflegungsstation begrüßen uns die unfreiwilligen Bewohner dieses Stadtteils aus den Zellenfenstern der JVA und weiter gehts im Läuferstream zwischen Bundeskanzleramt und Hauptbahnhof. Zweimal kurz bergauf, um dann runter in die Reinhardstraße zu laufen. Da es leicht runter geht, sieht man den Läuferstream von oben. Tolles Bild, und selbst dort mittendrin, in diesem Strom.

Vorbei am Friedrichstadtpalast über die Torstraße kommt jetzt der Kilometer 10. Das Laufen im Stream ist nicht mehr störend eng, wenngleich es sich an den Verpflegungspunkten natürlich immer drängelt. Ein Viertel ist jetzt geschafft, und jetzt gibt es eine sichere Prognose, wie denn die noch verbleibenden 32 km sein werden.

Die Torstraße ist publikumsmäßig nicht soo frequentiert, so dass man sich hier gut mit seinem persönlichen Supportern verabreden kann. »Ich laufe links, Torstraße, Ecke Bergstraße, Richtung Rosenthaler Platz« sollte also gut machbar sein.

Weiter geht es via Mollstraße, Alexanderplatz, Strausberger Platz an Mainstream-Publikum, am Alex natürlich besonders dicht, Richtung Kreuzberg. Zwischenzeitlich immer mal wieder weniger Publikum, gut zum Verabreden, um die persönlichen Supporter nicht zu verfehlen.

Spätestens am Kottbusser Tor stellt sich Multikulti ein, Musikband inklusive. Meist nichts für mich, nicht mein Geschmack. Zu laut, es bringt mich aus dem Lauftakt. Ok, ich bin eh nicht so ein Kreuzberg-Neukölln-Fan. Weiter im Stream Richtung Hermannplatz mit Verpflegungsstand und Remmidemmi. Via Südstern nach Kreuzberg61, mit Zuschauern und Supportern, die bei gutem Wetter auf dem Bürgersteig frühstücken. Dann vorbei am Yorckschlösschen, wo ich wie oben beschrieben vor drei Jahren meine zum Schwamm nassgeregnete Jacke abgab, Richtung Schöneberg.

In der Grunewaldstraße ist die Halbmarathon-Marke erreicht. Wie siehts aus mit den Energiereserven und mit der Zeit? Jetzt »nur« noch einmal soweit wie bis hier. Alles gut, bzw. im grünen Bereich? Dann weiter am Rathaus Schöneberg vorbei – Sie wissen schon, vor 31 Jahren sagte Präsident Kennedy in der Reststadt hier seinen Satz auf dem Balkon. In der Unterführung Innbrucker Platz wie jedes Jahr die viel zu laute Samba-Band, in der ein Kollege die ersten Jahre mit trommelte. Nicht meins. Links dran vorbei und schnell weg aus der Lärmkulisse. Jetzt durch Friedenau mit eher bürgerlichem Publikum, schön und erholsam. Und nach 25 oder 26 Kilometern immer schön auf Flughöhe bleiben, d.h. die Laufgeschwindigkeit halten und sich nicht verausgaben. Am Breitenbachplatz dann wieder eng gestelltes Westberliner Publikum und weiter ganz entspannt durch die Lenzeallee. Idyllisch, Kinderfest-Publikum, private Verpflegungsstände, vor Jahren auch mal ein SPD-Stand dazwischen, der die Läufer supportete. Den wird es heute vermutlich nicht geben, die Wahl war dieses Jahr schon. Das Stück Lenzeallee habe ich immer sehr genossen. Kurzweil, eben so, wie es mir gefällt. Dann direkt zum Halligalli am Wilden Eber. Publikums-Pulk, Fernseh-Übertragung, Bühne und Band wie beim Großevent – es ist Großevent, der Berlin-Marathon.

Wilder Eber, das bedeutet auch Zwei-Drittel-Marke, also 28 Kilometer. Jetzt noch ein Drittel, also Tempo und Kondition halten und ein paar Kilometer weiter entweder durchstarten oder langsam ins Ziel.

Das letzte Drittel beginnt mit unspektakulären Westberliner Hauptstraßen, einem schon deutlich entzerrten Läuferstream und für mich nicht so vielen Sightsseeing-Impulsen. Hohenzollerndammm, Fehrbelliner Platz, schnell durch, aber nicht zu schnell. Erreichtes halten, ist die Maxime. Hier sieht man schon immer wieder einige Läufer nicht mehr laufen, sondern gehen, von ihren Unterstützern gepampert, oder einfach nur schlecht aussehend. Nun, wenn sie einfach gleichmäßig weitergehen, schaffen sie es ja auch so ins Ziel.

Über die Konstanzer Straße dann den Kurfürstendamm runter, an im Spalier stehenden Publikumsmassen vorbei. Am Anfang der Konstanzer Straße eine Bühne mit Kamera und Sprecher. Mit Glück wird man persönlich genannt. Also immer schön lächeln, auch wenn bei 32,5 Kilometern der Akku langsam leer sein sollte. »Konstanzer, Ecke Zähringer Straße, Laufrichtung rechts« war immer mein persönlicher Support-Treffpunkt. Es sind von hier noch 10 Kilometer, so wie zwei große Runden um den Tiergarten, also nicht besonders. Mein persönlicher Durchhaltespruch. Durchaus weiterzuempfehlen, der Treffpunkt hier, findet man sich doch ziemlich schnell.

Ku-Damm runter, Wittenbergplatz, Potsdamer Platz, Publikum galore. Schweiß auf den Straßen, Mittagssonne. Und noch immer im Läuferstream, begleitet von einigen an der Seite gehenden und Menschen, die am Tag danach hoffentlich wieder besser aussehen. Tolles Publikum, man motiviert sich gegenseitig. Potsdamer Platz wieder Spalier-Publikum, aber sehr gut für die Motivation.

Jetzt heißt es nicht mehr Tempo halten, sondern sicher ankommen. Also gut motiviert den Akku leeren und nicht zu schnell durch die historische Berliner Mitte laufend Sightseeing über abgesperrte Straßen. Auch wenn ich hier wohne, und diese Straßen jeden Tag fußläufig erreichen kann, motiviert mich diese Berliner historische Mitte, Gendarmenmarkt, etc. immer wieder. Dazu das überragende Gefühl, körperlich und mental etwas geschafft zu haben, mindestens beim Abbiegen nach Unter den Linden stellt es sich ein. Nun nur noch auf das Brandenburger Tor zu. Das Tor in Sichtweite und immer näher kommend. Mindestens direkt vorm Tor heißt es gut aussehen und lächeln. Hier verjüngt sich die Strecke, das Publikum hinter einer Absperrung. Zügig durchs Tor, das Ziel im Blick. Jetzt entweder ganz schneller Endspurt, vorbei noch an anderen Läufern. Oder gemächlich der Zeitmess-Matte im Ziel entgegen. Moderat stoppen, nicht zu abrupt. Geschafft. Die Medaille umgehängt bekommen. Langsam im Strom Tee, Äpfel, Bananen, Verpflegungstüte und Kleiderbeutel abholen – und sich den Rest des Tages und die nächste feiern lassen.

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