Berlin

Brunnenstraße 183

20130707-133013.jpgZU DEN FOTOS

Mehr oder weniger durch Zufall waren Miz Kitty und ich am Freitag im Haus Brunnenstraße 183, dieser von Hausbesetzern bis 2009 besetzten Ruine, deren Sanierung jetzt wohl beginnt, nach einigem Hin- und Herverkauf mit der im Kiez üblichen Wertsteigerung. Das Haus Nummer 183 hat ja eine interessante Geschichte, es war mehr als 20 Jahre besetzt und wurde 2009 mit großer Beachtung gräumt. Von unserer Wohnung am Zionskirchplatz sind es nur gute 300 Meter.

Wir hatten Freitag morgen außer Haus gefrühstückt, da kein Kaffee mehr da war und hatten uns danach den Neubau an der Brunnenstraße angesehen, der von hinten direkt an den Weinbergspark grenzt. Man muss wissen, im Moment sitzen wir öfter im Park und hatten uns letztens noch über diesen Neubau unterhalten. Zufällig ergab es sich, dass die Durchfahrt des auf der anderen Straßenseite der Brunnenstraße gelegenen Hauses Nummer 183 offen war. Das ehemals besetzte Haus. Nun, ich bin seit den Neunzigern hier unterwegs. Ich kenne viele Häuser und Innenhöfe hier im Kiez an der Grenze von Mitte und PrenzlBg. Einerseits, weil mich Abbruchhäuser und Sanierungsobjekte in den damals noch grauen Straßen der Nachwendezeit immer anzogen und andererseits, weil ich ziemlich lange eine geeignete Wohnung suchte. In vielen Häusern bin ich schon gewesen, nicht jedoch im Haus Brunnenstraße 183.

Als ich nun vorgestern sah, dass die Durchfahrt zur Nr. 183 offen stand und die zweite Durchfahrt ebenso – im hinteren Hof war ein Radlader zugange –, sagte ich zu Miz Kitty, ich müsste einmal dieses Grundstück erkunden. Sehr gerne, meinte sie. Sie hat nämlich Ende der 80er Jahre für einige Monate im heute sanierten Nebenhaus gewohnt. Zu der Zeit, als ich noch in Hannover lebte, sie im Weinbergspark für ihre Dramaturgie-Prüfung lernte, die DDR zwar schon kaputt, aber eben noch DDR war und die Vorstellung ziemlich absurd gewesen wäre, dass wir beide in 2013 hier in der Nachbarschaft wohnen und sommerabends im Weinbergspark Champagner trinken.

Wir betraten also das Grundstück und stellten fest, dass der hintere Eingang des Seitenflügels offen war. Vorher hatte ich bereits einige Fotos mit meinem iPad gemacht, das ich zum Frühstücken mitgenommen hatte. So eine Ruine vor der Sanierung, dazu offen begehbar, das ließen wir uns nicht entgehen. Auch die Miz hatte ihre Freude und Neugier. Also nichts wie rein. Ok, sagten wir uns, wenn Bauarbeiter da sind, die uns wieder rausschmeißen, gehen wir halt wieder. Die waren jedoch nur mit ihrem Radlader draußen zugange und so konnten wir uns im lange entwohnten Haus mit seinem ruinösen Zustand ausgiebig umsehen. Ich finde diese Stimmung in solchen Lost Places ja immer sehr schön und etwas kribbelnd. Man arbeitet sich langsam vor, ist neugierig und hat immer ganz ungewohnte und neue Erkenntnisse. Natürlich interessierten uns vor allem Bauweise, Grundrisse und Architektur, wohnen wir doch nicht weit in einem ähnlich alten Haus. Neu waren für uns die fachwerkartigen Innenwände, die früher wohl mit Steinen gefüllt waren. So eine ähnliche Wand scheint eine der Trennwände in unserer Wohnung zu sein, mit schräg verlaufendem Balken darin. Insgesamt ist es so, dass schon vieles entkernt wurde, da überhaupt keine Innentüren und Einbauten mehr vorhanden waren und von den bereits genannten Fachwerk-Innenwänden auch nur noch die Balken stehen. Das sieht man ganz gut auf den Fotos und ist möglicherweise schon bei der Räumung 2009 erfolgt.

Wir haben uns dann eine gute Stunde bis zum Dachboden hochgearbeitet und ich habe einige Fotos gemacht – leider nur mit dem alten iPad2, d.h. niedrig aufgelöst und etwas unscharf. Zwischenzeitlich gabs dann auch noch ein Stück DDR-Zeitung zu studieren, das an einem Balken klemmte. Von 1976, mit Anzeigen, in denen der Wartburg 311 für 6000 Mark angeboten wird, Privatdarlehen gesucht werden und Schulabgängern der Job des Textilreinigers in der Komplexannahmestelle angetragen wird. Miz Kitty hatten es übrigens die Buchendielen angetan, die zum Teil noch vorhanden sind. Unverwüstlich und mit dem Anstrich der dunkelroten Ochsenblut-Farbe aus alten Zeiten. Gut, könnten wir mit dem Eigentümer Kontakt aufnehmen und damit vielleicht unsere knarrenden Dielen aus DDR-Zeiten gegen einen Obolus ersetzen? Könnten wir nicht: Die, die noch da sind, sind zu kurz, die anderen sind längst abgebaut.

So wurde der Freitag zu einem richtigen Urlaubstag, mit dem besten und einmaligen Erlebniswert – 300 Meter von zu Haus. Klar, ich hätte einmal kurz nach Hause gehen können und die große Kamera holen. Das war mir dann doch etwas zu aufwendig, denn die Lost Places wiederholen sich auch irgendwann.

Wer sehen möchte, wie die Brunnenstraße 183 zur Zeit innen aussieht, schaut sich ▸hier meine FOTOS an. Weitere Infos zu diesem Haus, seiner Geschichte und den aktuellen Sanierungsplänen gibt es via Google ▸hier.

Ach ja, sehr gespannt bin ich natürlich, wie das Luxusobjekt in drei Jahren aussieht und wieviel TDE für den Quadratmeter gezahlt werden.

Berlin

Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen

Diese Stadt, in der ich seit 15 Jahren lebe, und die sich erst in den letzten 20 Jahren von der Frontstadt des kalten Krieges zur Metropole entwickelt hat. Diese Stadt, die für mich als westdeutsches Provinzkind so weit entfernt lag, und in der zu wohnen ich mir früher nie vorstellen konnte. Heute mag ich sie sehr. Ich glaube, es gibt nicht viel Orte, an denen ich ähnlich glücklich wäre. Es ist ein ganz bestimmtes Lebensgefühl, das ich in Berlin genießen kann, und das ich niemals so in Bielefeld oder Braunschweig empfinden könnte.

BERLINER ZEITREISEN

Manchmal mache ich Zeiteisen in frühere Epochen. Wie war es früher, das Lebensgefühl in Berlin? Z.B. im Jahr 1874, als das Haus, in dem ich wohne, gebaut wurde, drei Jahre nach dem deutsch-französischen Krieg? Wie war es in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg, als diese Hauptstadt aus allen Nähten platzte? Wie in den Zwanzigern? Und in den anschließenden 1000 Jahren, die 12 schlimmste waren? Wie war dieses Lebensgefühl im mauerumschlossenen Westteil, mit Berlin-Förderung galore? In den 60ern, vor und nach der Studentenrevolte? In den 70ern und 80ern, alternativ, punkig, kriegsdienstverweigernd, dazu bauskandalgespickt? Die Zeit danach, nach der Vereinigung, habe ich ganz gut noch selbst mitbekommen.

Gerade ziehen Rieke Busch, Franz Bieberkopf und der olle, fast 70jährige Kürass mit seiner Gepäckkarre an mir vorbei. Dazu noch die Brüder Sass. Und natürlich Kommissar Kappe.

Heute möchte ich eine Zeitreise in die frühen 60er machen. Ich möchte Sie in das West-Berlin der frühen 60er mitnehmen mit einem Lied von Hildegard Knef aus dem Jahr 1966

BERLIN DEIN GESICHT HAT SOMMERSPROSSEN

Hier oder Hier

Berlin

Zeitreise #1

WEST-BERLIN, ZIEMLICH GENAU VOR 40 JAHREN

… Eine sehr schöne Vorstellung war es. Vom Schiller-Theater huschen wir noch in die Paris-Bar rüber, einen Absacker trinken und auf unser neues Projekt anstoßen. Einige Gläser Champagner sind es dann doch in dieser schön gediegenen Atmosphäre, die wir beide immer wieder gern genießen. A. sieht heute wieder zauberhaft aus mit ihren blonden Haaren und in diesem schwarzen Kleid. Wir haben viel Spaß und sind mit jedem Glas etwas mehr beschwippst. Langsam siegt jedoch die Müdigkeit. Der Ober bringt mir die Rechnung. Ich runde großzügig auf und bitte ihn, uns ein Taxi zu rufen. Wenige Minuten kommt er erneut. Das Taxi sei da. Zügig helfe ich A. in den Mantel und reiche ihr den hellen Nerzschal.

Draußen schneit es leicht in der nasskalten Februarnacht. Ein schwarzer Mercedes – das neue Modell mit der Heckflosse – hält vor der Paris-Bar. Dieseltypisch nagelt der Motor. Ich gehe mit A. zum Auto, öffne ihr die hintere Tür und steige gegenüber ein. Mittlerweile ist es halb drei durch.

Der Taxichauffeur ist geschätzt Anfang 60, Typ Berliner Schnauze mit Herz. Er berlinert stark und trägt eine Schlägermütze. „Juten Morgn, wo sollet denn hinjehn?“ „Wir müssen zum Oberhaardter Weg.“ Routiniert stellt er den Taxameter auf Null. „Jerne, die Herrschaften.“ Er wendet auf der Kantstraße und biegt nach links in die Fasanenstraße ein. An der Kreuzung zum Kurfürstendamm halten wir etwas länger. Das mercedestypische Klicken des Blinkrelais wirkt entspannend. Ein schönes Geräusch. Weiter geht’s, den neonbeleuchteten Ku’damm hoch. Bunte Lichterpunkte in unscharfen Formationen sehe ich durch die nasse Scheibe der Autotür. A. beschäftigt sich mit mir, ich mich mit ihr. Wir knutschen verliebt. Wir sind es. In der westdeutschen Provinz wären wir jetzt Stadtgespräch. Hier ist es egal. In Halensee stoppt das Taxi noch einmal an einer Ampel, dann biegen wir in die Königsallee ein. Langsam geht es über die kurvige Straße. Wir haben noch etwas Zeit.

Zielsicher biegt der Taxichauffeur nach links in den Oberhaardter Weg und stoppt vor der Hausnummer, die ich genannt hatte. Er kassiert, schreibt kurz eine Quittung und wünscht uns in breitem Berlinerisch eine gute Nacht und einen schönen Tag. Ich geleite A. zur Haustür und schließe auf…

Gesellschaft

Eisern, zwei Monate

Ironblogger

Nachdem ich letztens den Foursquare Schweinshaxen-Badge bekommen habe, gibt es heute den Badge für die zweimonatige Mitgliedschaft bei den Berliner Iron Bloggern. Den habe ich mir allerdings gerade selbst angeheftet. Fast alle anderen »Iron-Blogger« sind nämlich schon ziemlich genau ein Jahr dabei und feiern jetzt das Einjährige. Iron Blogger, was bedeutet das? Die Regeln sind so, dass jeder Eiserne mindestens einen Blogbeitrag pro Woche schreibt. Wird man nachlässig, versäumt es, »slackt« also, dann zahlt man 5 € in eine gemeinsame Kasse. Bei längerer Abwesenheit, Urlaub, usw. kann man sich natürlich abmelden. Eine Woche hat ja nun bekanntlich nur 168 Stunden, und so gibt es immer mal wieder »Slacker«. Die Bierkasse klingelt und füllt sich. Ist genug zusammen gekommen, wird das Geld beim gemeinsamen Treffen bei guten Gesprächen in geistige Getränke umgesetzt. So liest man sich nicht nur gegenseitig, sondern lernt sich auch persönlich kennen. Sehr schön. Gewinnbringende Bekanntschaften mit unterschiedlichsten Bloggern, die zu ebenso unterschiedlichen Themen schreiben. …und für mich eine Motivation, öfter in der Kaffeepause /koffiepauze meine Notizen aufzuschreiben.

Design & Typo · Gesellschaft

Osteria Carissima

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Ich mag sie nicht wirklich, die rotkarierten Tischdecken. Zumindest nicht dort, wo sie nicht wirklich hingehören. Und nach Berlin gehören sie nun nicht, schon gar nicht in die szenigen, polyglotten Kieze mit den Notebook-berucksackten und Falt-Fahrrad fahrenden Urban Professionals (Klapprad sagt man ja heute nicht mehr dazu).

In so einem von der sogenannten Gentrifizierung betroffenen Quartier (was nichts anderes heißt, als dass ein Arme-Leute-Stadtviertel erstmal arme Leute mit Grips, Studenten, Künstler, Kritische anzieht, die dann selbst irgendwann besserverdienend werden und nach mehreren Etappen das ganze Viertel nur noch schick, saniert und teuer ist) waren wir letztens mit Gästen unterwegs. Da dem Besuch die Fernost-Küche nicht so liegt, hatten wir uns auf »italienisch« geeinigt. Nicht schwierig in diesem Quartier.

Der von mir favorisierte Italiener war schon voll und so zogen wir zu einer Osteria. Ok, keine rotkarierte Tischdecken, dafür grünkarierte, aus Plaste und natürlich mit Plaste-Tischdeckenklammern fixiert. Ästhetisch also eher ein Fall für die SoKo Gestaltung. Tisch und Sitzmöbel draußen ähnlich dem Küchenmobiliar meiner Großeltern aus der ersten Hälfte letztes Jahrhunderts, das zugegebenermaßen nicht schlecht war, für heutige geplagte Büro-Rücken jedoch nur sub-ergonomisch ist. Hier natürlich inklusive Patina, auch was die Standfestigkeit der Sitzmöbel betrifft. Das ganze dekoriert mit laminierten »Pack-mich-nicht-an«-Speisekarten. Wobei ich wohl der einzige bin, der einlaminierte Speisekarten für ein NoGo hält, die anderen fanden das eher »praktisch«.

So durften wir inmitten dieses grünkarierten Ambientes mittelmäßiges Essen italienischen Ursprungs genießen und mittelmäßigen, schlecht dekantierten Wein trinken. Bis auf Suppe und einfache Vorspeise jedes Gericht natürlich im deutlichen zweistelligen Eurobereich. Für Ambiente und Service überteuert.

Wie der Name schon sagt, eben eine Osteria, der man ja eigentlich das Unperfekte mit Blick auf die herzlich-familiäre Atmosphäre verzeiht. Wer italienkundig ist oder Google bemüht weiß, dass die Osteria unterhalb des Ristorante angesiedelt ist. Warum dann hier Preise wie im Ristorante? Und warum braucht die deutsche Metropole, die eben nicht Rom oder Neapel heißt, überhaupt Lokale mit karierten Tischdecken und überhöhten Preisen, wo hier inzwischen die klassische Eckkneipe wie »Hellas Biereck« oder »Zur langen Kehre« den Status eines Freilichtmuseums hat? Ich finde, Berlin braucht karierte Tischdecken mit patinahaltigem Einfachmobiliar genauso wenig wie die Baleareninsel das Oberbayern und das Strandcafé Schwarzwald – selbst wenn der Kuchen dort lecker ist.

Ich bin nicht prinzipiell gegen kariert bedeckte Tische. Gern erinnere ich mich an meine Aufenthalte in Rom mit den kleinen – damals wirklich familiär geführten – Lokalen der Vororte. Mit den kariert bedeckten Tischen auf den Gehsteigen der Vorstadtstraßen…Vino della casa, Acqua minerale, Grissini, der obligatorische Serviettenspender. Gute, regional beeinflusste Küche, ausschweifend mit ganzem Körper temperamentvoll speisende, kommunizierende, sich inszenierende Menschen. Mildes Klima, sommers heiß, die Vespa-Geräuschkulisse. Kellner, die einen schon am zweiten Abend persönlich kannten. Mit Mädchen mit kastanienbraunem Haar. Una ragazza italiana, Amore… Dort passten und passen sie, die karierten Tischdecken, Bella Italia. Aber das war ein anderes Leben und ist über 20 Jahre her.

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