Berlin

Brunnenstraße 183

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Mehr oder weniger durch Zufall waren Miz Kitty und ich am Freitag im Haus Brunnenstraße 183, dieser von Hausbesetzern bis 2009 besetzten Ruine, deren Sanierung jetzt wohl beginnt, nach einigem Hin- und Herverkauf mit der im Kiez üblichen Wertsteigerung. Das Haus Nummer 183 hat ja eine interessante Geschichte, es war mehr als 20 Jahre besetzt und wurde 2009 mit großer Beachtung gräumt. Von unserer Wohnung am Zionskirchplatz sind es nur gute 300 Meter.

Wir hatten Freitag morgen außer Haus gefrühstückt, da kein Kaffee mehr da war und hatten uns danach den Neubau an der Brunnenstraße angesehen, der von hinten direkt an den Weinbergspark grenzt. Man muss wissen, im Moment sitzen wir öfter im Park und hatten uns letztens noch über diesen Neubau unterhalten. Zufällig ergab es sich, dass die Durchfahrt des auf der anderen Straßenseite der Brunnenstraße gelegenen Hauses Nummer 183 offen war. Das ehemals besetzte Haus. Nun, ich bin seit den Neunzigern hier unterwegs. Ich kenne viele Häuser und Innenhöfe hier im Kiez an der Grenze von Mitte und PrenzlBg. Einerseits, weil mich Abbruchhäuser und Sanierungsobjekte in den damals noch grauen Straßen der Nachwendezeit immer anzogen und andererseits, weil ich ziemlich lange eine geeignete Wohnung suchte. In vielen Häusern bin ich schon gewesen, nicht jedoch im Haus Brunnenstraße 183.

Als ich nun vorgestern sah, dass die Durchfahrt zur Nr. 183 offen stand und die zweite Durchfahrt ebenso – im hinteren Hof war ein Radlader zugange –, sagte ich zu Miz Kitty, ich müsste einmal dieses Grundstück erkunden. Sehr gerne, meinte sie. Sie hat nämlich Ende der 80er Jahre für einige Monate im heute sanierten Nebenhaus gewohnt. Zu der Zeit, als ich noch in Hannover lebte, sie im Weinbergspark für ihre Dramaturgie-Prüfung lernte, die DDR zwar schon kaputt, aber eben noch DDR war und die Vorstellung ziemlich absurd gewesen wäre, dass wir beide in 2013 hier in der Nachbarschaft wohnen und sommerabends im Weinbergspark Champagner trinken.

Wir betraten also das Grundstück und stellten fest, dass der hintere Eingang des Seitenflügels offen war. Vorher hatte ich bereits einige Fotos mit meinem iPad gemacht, das ich zum Frühstücken mitgenommen hatte. So eine Ruine vor der Sanierung, dazu offen begehbar, das ließen wir uns nicht entgehen. Auch die Miz hatte ihre Freude und Neugier. Also nichts wie rein. Ok, sagten wir uns, wenn Bauarbeiter da sind, die uns wieder rausschmeißen, gehen wir halt wieder. Die waren jedoch nur mit ihrem Radlader draußen zugange und so konnten wir uns im lange entwohnten Haus mit seinem ruinösen Zustand ausgiebig umsehen. Ich finde diese Stimmung in solchen Lost Places ja immer sehr schön und etwas kribbelnd. Man arbeitet sich langsam vor, ist neugierig und hat immer ganz ungewohnte und neue Erkenntnisse. Natürlich interessierten uns vor allem Bauweise, Grundrisse und Architektur, wohnen wir doch nicht weit in einem ähnlich alten Haus. Neu waren für uns die fachwerkartigen Innenwände, die früher wohl mit Steinen gefüllt waren. So eine ähnliche Wand scheint eine der Trennwände in unserer Wohnung zu sein, mit schräg verlaufendem Balken darin. Insgesamt ist es so, dass schon vieles entkernt wurde, da überhaupt keine Innentüren und Einbauten mehr vorhanden waren und von den bereits genannten Fachwerk-Innenwänden auch nur noch die Balken stehen. Das sieht man ganz gut auf den Fotos und ist möglicherweise schon bei der Räumung 2009 erfolgt.

Wir haben uns dann eine gute Stunde bis zum Dachboden hochgearbeitet und ich habe einige Fotos gemacht – leider nur mit dem alten iPad2, d.h. niedrig aufgelöst und etwas unscharf. Zwischenzeitlich gabs dann auch noch ein Stück DDR-Zeitung zu studieren, das an einem Balken klemmte. Von 1976, mit Anzeigen, in denen der Wartburg 311 für 6000 Mark angeboten wird, Privatdarlehen gesucht werden und Schulabgängern der Job des Textilreinigers in der Komplexannahmestelle angetragen wird. Miz Kitty hatten es übrigens die Buchendielen angetan, die zum Teil noch vorhanden sind. Unverwüstlich und mit dem Anstrich der dunkelroten Ochsenblut-Farbe aus alten Zeiten. Gut, könnten wir mit dem Eigentümer Kontakt aufnehmen und damit vielleicht unsere knarrenden Dielen aus DDR-Zeiten gegen einen Obolus ersetzen? Könnten wir nicht: Die, die noch da sind, sind zu kurz, die anderen sind längst abgebaut.

So wurde der Freitag zu einem richtigen Urlaubstag, mit dem besten und einmaligen Erlebniswert – 300 Meter von zu Haus. Klar, ich hätte einmal kurz nach Hause gehen können und die große Kamera holen. Das war mir dann doch etwas zu aufwendig, denn die Lost Places wiederholen sich auch irgendwann.

Wer sehen möchte, wie die Brunnenstraße 183 zur Zeit innen aussieht, schaut sich ▸hier meine FOTOS an. Weitere Infos zu diesem Haus, seiner Geschichte und den aktuellen Sanierungsplänen gibt es via Google ▸hier.

Ach ja, sehr gespannt bin ich natürlich, wie das Luxusobjekt in drei Jahren aussieht und wieviel TDE für den Quadratmeter gezahlt werden.

Kommentare (4) Schreibe einen Kommentar

  1. Sapo, das war doch dieses NSU-Prinz ähnliche Exemplar, bei dem Ersatz-Elektrosicherungen gleich in Form von Sicherungsdraht als Zubehör mitgeliefert wurde, so für jeden einfach in Sibirien zu montieren.

    Miz Kitty spricht gerade von einem ‚furchtbaren Auto‘, das in einer Traktoren-Fabrik in der Ukraine zusammengebaut wurde. Das erste Modell hieß denn wohl auch ‚Chruschtschows letzte Rache‘.

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