Design & Typo · Typo-Fotos

STER-Supersale

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Typografische Lösungen, die nicht funktionieren. 

Immer wieder gibt es die Gestaltungsvariante, dass ein Buchstabe in einem Logo, einer Wortmarke oder in einem Text durch ein grafisches Symbol ersetzt wird. So etwas funktioniert – fast nie.

Oft hat dieses Symbol, da es sich vom Rest der Schrift unterscheiden soll, einen deutlich anderen Duktus, eine ganz andere Anmutung als die Schrift selbst, in der es einen Buchstaben gut ersetzen soll. Es wirkt wie ein Fremdkörper. Die Lesbarkeit und schnelle Erfassbarkeit des Textes bleiben auf der Strecke. So wie in diesem Beispiel des Oster-Supersale der Galleria Kaufhof.

Die Schlussfolgerung kann nur lauten: Finger weg von diesen Logo-, Wortmarken- und Textgestaltungen, in denen ein Buchstabe durch ein grafisches Symbol ersetzt wird.

Freilich kann man sich die mangelhafte Lesbarkeit und Erfassbarkeit schönreden oder auf namhafte Grafik-Designer und Agenturen verweisen, die es auch tun. Nur, das Ergebnis wird objektiv nicht besser, nur weil viele andere den gleichen Fehler machen. Tun Sie es also nicht.

In diesem Sinne: Frohe 😀stern.

Design & Typo · Typo-Fotos

Auf dem Weg zum Zug

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… fotografiert

Das Netz ist inzwischen voll damit. Schriftzüge, Schilder und Beschriftungen – neudeutsch und englisch Lettering – erfreuen sich großer Beliebtheit. Auch ich habe einiges an Typo-Fotos auf meiner Festplatte, die noch auf eine Veröffentlichung warten. Gestern war ich auf der Buchmesse in Leipzig und spät abends sehe ich im Laufschritt auf dem Weg zum Zug – der letze nach Berlin – diese Fassadenbeschriftung, offensichtlch aus älteren Zeiten. Die Löcher für die Neonröhren sind noch vorhanden, die Röhren jedoch längst verschwunden. Nicht außergewöhnlich, aber dennoch fotografierenswert. Auch, wenn das Licht denkbar schlecht war, mit blendender Straßenlaterne auf der einen Seite, ich fotografierte die Beschriftung aus alten Zeiten. Wer weiß, vielleicht ist sie weg, wenn ich das nächste mal wieder in Leipzig bin. Also: Moseline.

Design & Typo · Gesellschaft

Buchstaben-Stehrumchen

Deko-Trend Buchstaben – Bitte nicht!

Mit Buchstaben und Typografie beschäftige ich mich schon lange. Interessante Buchstaben, ausgefallene Schriften, Typo und Beschriftungen – Lettering sagt man heute auch in Deutschland dazu – faszinieren mich immer wieder, ebenso wie alte Drucksachen.

Wie so oft schlenderte ich am letzten Sonntag über den Flohmarkt auf dem Berliner Arkonaplatz. An einem Stand waren recht viele alte, farbige Leuchtbuchstaben, die früher einmal an Fassaden leuchteten, aufgereiht. Ein buntes Ensemble, von dem ich gleich ein Foto machte, das ich hier bereits im vorherigen Beitrag online stellte (s.u.). Ein kleines Buchstabenmuseum also, mehr oder weniger bewusst zufällig zusammengestellt. Selten habe ich Leuchtbuchstaben in dieser Häufung auf einem Flohmarkt gesehen. Andere Leuchtbuchstaben, Wortmarken und Logos, – ebenso aus alter Fassadenwerbung – gab es noch an zwei weiteren Ständen.

„Diese Buchstaben scheinen im Moment in zu sein“, dachte ich mir. „Ist das jetzt der nächste Heimdeko-Trend, nach den Typo-Wandtattoos?“ So ist es wohl, sagt zumindest das Internet, hier und dort. Einerseits finde ich diesen Buchstaben-Trend ja schön, andererseits etwas befremdlich. Mit den Buchstaben kommt mehr Typo und das Beschäftigten damit in der Masse an. Nur beschränkt sich dieses dann eben auf das Hinstellen oder Hinhängen von Einzelbuchstaben. Trotzdem ist es noch besser als diese scheußlichen, typografisch oft richtig schlecht gesetzten Wandtattoo-Zitate, die inzwischen an so mancher Wand kleben.

Außerdem stellt sich natürlich die Frage, wann Leuchtbuchstaben dann bei Ikea verkauft werden. Konfektionierte Lettern, in dem Stil als würden sie zu einer Leuchtschrift gehören. So, dass damit jeder seine Initialen bei sich zu Hause aufhängen kann und nicht auf verwitterte Einzelteile alter Firmen-Leuchtreklame angewiesen ist. Schön ausgeleuchtet in der Farbe der Wahl und für sich betrachtet individuell anmutend, mit Äufhängevorrichtung oder Standfuß – damit das  J und U auch sicher steht – und ohne die Spuren jahrelangen Wettereinflusses und von UV-Strahlung. Nur, diese Leuchtbuchstaben hängen dann dann eben in vielen Wohnungen, und die Begeisterung ist schnell vorbei, auch wenn es sich ausnahmsweise einmal um echte alte Originale handeln sollte. Das sehe ich so kommen, und, vielleicht bin ich nicht up-to-date, vielleicht bietet Ikea längst Buchstaben an.

Gestern kam ich an einem Möbelladen vorbei, der allerlei Budget-Möbel hat und in dem Schränke, die noch jemand kaufen soll, so schief aufgebaut sind, dass die Schubladen nur mit Gewalt zu öffnen sind. Freilich, es gibt hier auch Buchstaben, Deko-Buchstaben aus Metall, vermutlich aus dem Blech alter Kästen zusammengelötet. Rough, zum Teil ist die Originalbeschriftung des graulackierten Blechs noch zu sehen. „Shabby“ sagt man zu diesem Stil heute, der neue Dinge bereits lange benutzt aussehen lässt, weil manchem das Neue zu charakterlos-clean erscheint. Bitte, Shabby-Buchstaben aus grauem Blech zum Hinstellen, 19,90 Euro pro Stück. Tief durchatmen. Andernorts kann man sie aus Styropor, Acryl oder Holz kaufen. Nicht shabby, aber dafür genauso Buchstaben-Stehrumchen.

Eines ist gewiss, den Typo- und Buchstaben-Heimdeko-Trend mache ich nicht mit. – Es sei denn, ich entwerfe die Dinge selbst, oder es passt einfach. Mindestens stelle ich mir keine fertig konfektionierten Deko-Buchstaben hin.

Auch in dieser Wohnung gibt es bereits seit Jahren Buchstaben an der Wand. Bei jemandem, der bei Twitter @graftypo heißt, ist das wohl auch kaum verwunderlich. Allerdings sind die Buchstaben an der Wand hier so ziemlich das Gegenteil von einem fertigen Anreib- Wandtattoo, sondern es gibt sie im Badezimmer. An einer gekachelten Wand und in einer experimentellen Schrift für sogenannte „hidden messages“. Diese hier, von mit selbst entworfen. Die Kacheln bieten sich geradezu an, mit kleinen, aufgeklebten Quadraten zu Buchstaben zu werden. So Sie mögen, dürfen Sie sich die Schrift gerne runterladen und auf Ihren Kacheln nachvollziehen. Besucher werden es sowieso nur für abstrakte Wanddekoration halten.


Ein paar Sätze noch zu Leuchtbuchstaben und Fassadenbeschriftungen der letzten Jahrzehnte, bevor bald alle Einzelbuchstaben geklaut sind und in Wohnungen als Heimdeko verschwinden:

Große Beschriftungen an Fassaden führte früher der allgemeine Maler oder ein spezieller Schilder- und Schriftenmaler aus. Dafür gab es Schriftmuster, mit denen dann Firmenname, Wortmarke und Slogan – so gut der Maler es eben konnte – entwickelt und an die Wand gemalt wurden. Kleinere Beschriftungen wurden oft als Emaille-Schilder umgesetzt. Auch hier ist die Typo so, wie es der Mitarbeiter im Emaillierwerk beherrschte, unterschiedliche Buchstaben sind daher keine Seltenheit. An kleineren Geschäften waren manchmal auch unbeleuchtete, lackierte Holz- oder Metallbuchstaben an der Fassade montiert.

Schon damals galt für große Beschriftungen, dass die Typo möglichst ein Hingucker sein sollte und zum Gewerbe passen sollte. Freilich war immer ein Einfluss von Zeitgeist und Mode dabei, Anachronismen gab es ebenso. Oft war die solide Handwerkskunst des Malers so gut, dass die Beschriftungen viele Jahrzehnte überstanden und längst unter der Jahre später – ebenfalls bereits vor Jahrzehnten – darüber gepinselten Farbe längst wieder hervorgetreten sind. Diese fest mit der Hauswand verbundenen Typo-Zeitzeugen kann man nicht sammeln. Das geht nur fotografisch und auch nur, wenn man schnell genug ist oder die Fassade Teil eines Hauses mit einem Eigentümer ist, der ein Bewusstsein für die alte Beschriftung hat und sie bei einer Restaurierung konservieren und beim Neuanstrich gezielt aussparen lässt. Das Internet ist voll von diesen Fassadenbeschriftungen aus alter Zeit.

In den 30ern gab es dann mindestens in den größeren Städten Leuchtreklame, spätestens in den 50ern auch in den Kleinstädten des Wirtschaftswunderlands. Wer kennt sie nicht, die bunte Neonröhren-Typo der Nachkriegsjahrzehnte. Diese Firmennamen und Slogans, bei denen in denen 70ern schon der eine oder andere Buchstaben dunkel blieb, dann nach Monaten oder Jahren ersetzt wurde und umso heller leuchtete. Andere, einfachere Varianten gab es für kleinere Leuchtreklame.

Hinterleuchtete Glasplatten, auf den ein Schildermaler von hinten die Typo kontrastreich aufgebracht hatte oder später auch Klebebuchstaben auf transluzentem, hinterleuchtetem Kunststoff. Oder, viel schöner, als geformte Einzelbuchstaben mit Leuchten darin. Alles dieses nahm ich als Kind der frühen 70er auf dem Rücksitz des Opel Rekords meines Vaters wahr, wenn wir durch die Provinz-Großstadt fuhren und in den Novembernachmittagen jede bunte Leuchtreklame angeschaltet war.

Fast komplett verschwunden ist diese Leuchtreklame-Typo im Stil der 50er und 60er. Ob Neonröhren-Typo oder von innen beleuchtete Einzelbuchstaben, ein Geschäft ging, das nächste kam und brachte eine neue Leuchtreklame mit, in neuem Zeitgeist, mit angepasster Technik und neuer Typo. Zum Schluss, d.h. noch heute, in Arial, der Microsoftschen Allerweltsschrift, unschwer an der 1 und am kleinen a zu erkennen.

Oft flog die alte Beschriftung sofort in den Müll. Was sollte man auch mit einem Lettering, das einen fremden Firmennamen enthält, tun? Oder mit einzelnen Buchstaben, meist meterhoch oder noch größer? Immer mal wieder wurden solche Leuchtbuchstaben auf Flohmärkten angeboten. So habe ich es aus Hannover in Erinnerung, wo ich selbst regelmäßig auf dem Flohmarkt am Leineufer verkauft habe (allerdings andere und viel kleinere Dinge). Manchmal gab es einzelne Leuchtbuchstaben. Sperrig lagen sie abseits platziert oft wochenlang an einem Stand, bis irgendein Nerd sie kaufte. Für die Studentenwohnung, weil’s unkonventionell und vor allem unetabliert war, sich mit schon etwas beschädigten Leuchtbuchstaben die Wohnung zu pimpen und damit zu beleuchten. Oder was sollte man sonst mit einem einzelnen riesigen gelben Buchstaben tun, der mal einer Commerzbank gehörte? Zumindest war so ein Einzelbuchstabe doch ungeeignet als etablierte Wohnungsdeko. In einer Studentenwohnheim-Küche hatten die Bewohner so ein Ding aufgestellt, ein oranges n, serifenlosund hüfthoch, typografisch jedoch ohne nennenswerten Charakter.

So richtig schien diese Leuchtreklme vor 25 Jahren noch keinen zu interessieren. Zumindest nicht, dass sie in größerer Vielfalt in ein Museum aufgenommen oder irgendwie ausgestellt worden wäre, oder dass man sie über die fotografische Abbildung hinaus aus kunstgeschichtlichen Interesse gesammelt hätte. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. So gibt es zum Beispiel seit 2005 das Berliner Buchstabenmuseum. Da gehören sie hin, die Buchstaben alter Leuchtreklame.


Und bitte liebe Möbelhändler: Verschont uns mit konfektionierten Buchstaben-Stehrumchen und fangt mit Leuchtbuchstaben als Heimdeko gar nicht erst an.