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Bauzeichnung der Vor-Normschrift-Zeit

zeichnung-rundschrift

Nicht vorenthalten möchte ich Ihnen zwei Dokumente aus der Jahren 1903 und 1904. Für Deckblätter, technische Zeichnungen und Pläne aller Art wurde in der Zeit vor dem ersten Weltkrieg oft die Rundschrift eingesetzt. Das ist ziemlich typisch für diese Zeit. Handschriftlich erstellte, serifenlose Buchstaben wie später in der Normschrift sind zu dieser Zeit noch selten in technischen und administrativen Dokumenten zu finden. Beide Dokumente sind hoch aufgelöste Scans und können in separatem Browserfenster geöffnet werden.

Zeichnung_mit_Rundschrift

Rundschrift-Dokument

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Rundschrift im Computer

Diverse Computer-Fonts tragen dazu bei, dass uns die typische Anmutung der Rundschrift nicht fremd wird. Im wesentlichen ist es die Schrift Linoscipt, die vom Schriftenhersteller Linotype vertrieben ist. Als Designer ist immerhin kein geringerer als Morris Fuller Benton verzeichnet, der mehr als 200 Schriften entworfen hat, darunter so bekannte wie Franklin Gothic oder New Century Schoolbook. Der Entwurf, der der Linoscript zugrunde liegt, war für ihn sicher periphere Nebensache.

Ein Klon der Linoscript war unter dem Namen Linus bereits bei frühen Corel-Draw-Versionen dabei (die es zeitweilig mindestens in der Vorversion zu jedem gekauften Scanner gratis dazu gab). Das mag der Grund sein, weswegen die Schrift immer mal wieder verwendet wird, oft nicht wirklich passend. Man kann sie verwenden, wenn man historisierende oder pseudo-historische Anmutung erreichen möchte. Ich meide sie meist, zum zeitlosen Klassiker taugt sie nicht, und sonst ist sie doch etwas visuell verbraucht.

Mein Hauswein trägt sie auf seinem Etikett, die Bretonische Gastronomie nebenan trägt sie auf dem Schild. Ok, kann man machen, muss man aber nicht.

Sollten sie Bedarf haben, am pseudo-historischen Design à la Rundschrift, hier gibt’s die Computerfonts dazu:

Wenn Sie dann noch das passende Etikett drumrum zu gestalten müssen, ist der von mir realisierte Bicolor-Borderfont sicher eine gute Wahl. Vorlage für den zweifarbigen Bordüren-Font war übrigens eine gründerzeitliche Hochzeits-Einladungskarte, mit einer Rundschrift.

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Rundschrift

Rundschrift_Teaser

Gesehen hat sie jeder schon mal, die sogenannte Rundschrift. Gibt es doch immerhin einen weit verbreiteten Computer-Font, der diese Art zu Schreiben imitiert. Friedrich Soennecken, Gründer und Namensgeber der noch heute existierenden Marke für Bürobedarf hat im ausklingenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert diese Art zu schreiben popularisiert, die gemeinhin als Lettre Ronde bekannt ist und auf den französischen Schreibmeister Louis Barbedor zurückgeht und in der Form wie Soennecken sie propagierte nahe an der Rundschrift der Schreibmeister des 18. Jahrhunderts wie z.B. Nicolas Gando ist.

Die gewöhnlichen Schreibgeräte der frühen Gründezeit bestanden aus Stahlfeder, Federhalter, und Tintenbehältnis. Verwendet wurden seinerzeit sogenannte Spitzfedern, auch Schwellzugfedern genannt. Wie bei der englischen Schreibschrift wird die Strichstärke durch mehr oder weniger sanften Druck auf die Feder moduliert. Wird nahezu kein Druck ausgeübt, ergeben sich zarteste Haarlinien während sich bei massiver Kraftausübung die Hälften der Spitzfeder spreizen, was zu eine in dickerem Strich führt. Gut ausgeübt, entsteht eine schöne englische Schreibschrift oder auch eine mit flinker Hand geschriebene und schön anmutende Deutsche Kurrentschrift.

Wer jedoch schreibunerfahren ist und dieses gefühlvolle Modulieren einer Stahlfeder nicht beherrscht, hat ein Problem. Papierzerstörung, mit der spitzen Feder ins Papier gestochen, Spritzer auf Kleidung und Interieur sowie massive Tintenkleckse, die das Geschriebene unbrauchbar werden lassen, sind die Folge. Soennecken hatte nun die Idee, eine Schrift zu entwickeln, die sich mit einer Breitfeder – auch Bandzugfeder oder Rundschriftfeder genannt – gut schreiben lässt. Die abgeflachte Feder kann dabei ganz commod in einer Position gehalten werden und muss nicht während des Schreibens zur Realisierung von feinen Haarstrichen um ihre Längsachse geschwenkt werden, so wie es z.B. das kalligraphische Schreiben einer Antiqua erfordert. Das kommt dem wenig geübten Schreiber natürlich sehr entgegen.

Die geraden Formen der Soenneckschen Rundschrift sind schnell zu erlernen. Die einfache Federhaltung lässt relativ schnell anmutige Ergebnisse entstehen. Soennecken verkaufte dazu die geeigneten Schreibfedern.

Der Erfolg und die große Verbreitung der Rundschrift ist sicher nicht nur im Konzept und den passenden Federn begründet, sondern wohl in den ebenfalls von Soennecken herausgegebenen Schreiblernheften, verfasst vom geheimen Regierungsrat Professor Franz Reuleaux.

Diese Hefte wurden in so hoher Auflage ve