Gesellschaft

»Sie müssen noch mal etwas studieren«

Ein Service-Blogpost für alle, die überlegen, ein Studium zu beginnen

Seit Jahren unterrichte ich an einer Fachschule junge Menschen im Rahmen ihrer Ausbildung zum Mediengestalter und vermittle ihnen Einzelheiten der Produktion von Medien. Gerade haben wieder einige davon, wie nach jedem Halbjahr, ihre IHK-Abschlussprüfung bestanden. Zu dem ein oder anderen sage ich auch in diesem Sommer wieder: »Sie müssen noch mal etwas studieren«. Ich sage dieses immer, wenn ich denke, jemand hat das Zeug zu Höherem und lässt sich gerade in seiner persönlichen Situation zu sehr von Prioritäten leiten, die gerade opportun sind – der feste Arbeitsplatz im Ausbildungsbetrieb, an dem man weiter vor sich hin arbeiten kann, die vermeintliche Ortsgebundenheit, des Partners und der Familie wegen, etc.

BERUFSAUSBILDUNG VON EDEL BIS BLAUMANN

Duale Berufsausbildung heißt diese Art der Ausbildung, die auch die Mediengestalter absolvieren. Sie findet hauptsächlich in einem Betrieb statt und außerdem in einer beruflichen Schule. Früher sagte man Lehre dazu und der Auszubildende, sprich Azubi, hieß Lehrling.

Derlei Berufsausbildungen gibt es viele im gewerblichen und kaufmännischen Bereich, vom Bankkaufmann bis zum Zerspanungsmechaniker, letzterer allgemein als Dreher oder Fräser bekannt. In Deutschland sind diese (Lehr-)Berufe in einem Verzeichnis der Ausbildungsberufe aufgelistet. Formal ist nicht einmal ein Hauptschul-Abschluss erforderlich, um eine Berufsausbildung zu beginnen. Praktisch gibt es dagegen wohl keinen Azubi zum Bankkaufmann ohne Abitur, und auch bei den Mediengestalter-Azubis bilden die Abiturienten die größte Gruppe.

Schaut man sich die Liste der Ausbildungsberufe einmal näher an, so lässt sich schnell eine Einteilung finden in Edel-Ausbildungsberufe – Berufe für das Angestellten-Mittelfeld, heute wahrscheinlich nicht mehr überall mit white collar, aber doch ganz gut angesehen – und gewerbliche Blaumann-Berufe wie den bereits genannten Zerspanungsmechaniker oder z.B. den Klempner. Diese Blaumann-Berufe haben allgemein keinen hohen sozialen Status und werden oft in Industrie-Betrieben oder im Handwerk ausgebildet. Hier haben auch 16-jährige mit gutem Hauptschul- oder Realschul-Abschluss eine Chance, als Auszubildende unterzukommen.

In den Edel-Ausbildungsberufen sieht das anders aus. Dort verirrt sich keiner mit Hauptschul-Abschluss und nur ganzen selten 16- oder 17-jährige mit Realschulabschluss. Einerseits reichen die Kenntnisse, die man für den Erwerb des heutigen Realschul-Abschluss haben muss, wohl nicht, um in der Ausbildung gut dazustehen, andererseits ist man mit 16 oder 17 Jahren wohl noch zu jung für bestimmte Berufe, wenn es über ein Schülerpraktikum hinaus gehen soll. So sind die Azubis dieser Edel-Ausbildungsberufe – und dazu gehören neben den schon genannten Bankkaufleuten auch Mediengestalter – allesamt älter und haben höhere Vorbildung. Einschlägige Vorpraktika, Fachabitur oder allgemeines Abitur sind quasi notwendige Voraussetzung für einen Ausbildungsplatz. Eine Vorbildung, mit der man locker auch studieren könnte. Nun, die Azubis haben sich gegen ein Studium entschieden. Oder sie beginnen als Studienabbrecher, die die Erfahrung Studium schon hinter sich haben.

AUSBILDUNGSBERUF VERSUS STUDIUM

Die beruflichen Tätigkeiten in diesen Edel-Ausbildungsberufen sind zuweilen ziemlich ähnlich oder gleich mit denen von Akademikern aus dem gleichen Berufsfeld. So mag ein Mediengestalter täglich das gleiche tun wie ein diplomierter Grafik-Designer. Oder das Tagesgeschäft eines ausgebildeten Fotografen mag sehr ähnlich sein wie das eines diplomierten Foto-Designers. Und die Industrie-Kauffrau hat möglicherweise ein größeres und verantwortungsvolleres Aufgabenspektrum als der diplomierte Betriebswirt.

So stellt sich den Abiturienten – und auch deren Eltern – immer wieder die Frage, wie gut und gleichwertig es den nun mit diesen Alternativen Ausbildung in einem Edel-Ausbildungsberuf und Studium aussieht. Gleichberechtigte Alternativen sind es sicherlich. Dass sie gut und vor allem gleichwertig sind, daran habe ich jedoch begründete Zweifel.

ABITURIENTEN NACH DER BERUFSAUSBILDUNG

Immer wieder treffe ich hier in Berlin die inzwischen gestandenen Medien-Fachleute wieder, die einst während ihrer Ausbildung in einem meiner Kurse lernten.

Einige davon sind relativ erfolgreich geworden, waren damals jedoch schon regelrechte Macher-Typen und sind seit Abschluss ihrer Ausbildung selbständig. Andere sind gut verdienende Angestellte mit bürgerlicher Existenz, Familie und Immobilienkredit geworden, monetär gleichauf mit den Akademikern im gleichen Unternehmen, wenn nicht gar mehr verdienend – aufgrund der längeren Erfahrung im konkreten Job. Wieder andere haben sich persönlich wie beruflich nicht gefunden und dümpeln im erlernten Beruf über Jahre vor sich hin, von Job zu Hartz4 zu nächstem Job, etc. Künstlerschicksal, selbstgemacht. Der Rest hat nach der Berufsausbildung noch studiert. Entweder, weil das schon vorher geplant war und man die zumeist verkürzte Ausbildung als Durchlauferhitzung für ein Studium im gleichen Bereich genutzt hat. Oder, weil jemand, der vor der Berufsausbildung »was mit Medien machen« wollte, danach »nichts mehr mit Medien zu tun haben« wollte und deshalb ein Studium in einem völlig anderen Bereich begonnen hat. Alle versichern jedoch, in der Ausbildung hätten sie viele handwerkliche Fertigkeiten gelernt, die Kommilitonen sich oft mühsam erst im Studium aneignen müssten, bzw. diese einfach nicht hätten.

HORIZONTERWEITERUNG STUDIUM

Etwas studieren bedeutet ja, das eigene Wissen um etwas zu erweitern, von dem oft gar nicht klar ist, wozu man diese Kenntnisse jemals brauchen wird. Bildung in einer Fachdisziplin eben, im Gegensatz zur Ausbildung. Warum beschäftigen wir uns mit solchen Dingen? Klar, aus Gründen der Neugier, der Horizont-Erweiterung, des Mitdiskutieren-Könnens. Unmittelbare oder auch nur absehbare monetäre Verwertbatkeit? Fehlanzeige, und für einen selbst auch nicht erforderlich. Dafür die Kreation einer Menge ideeller Werte. Durchaus nutzbar, im Jetzt für einen selbst, in beruflichen Zusammenhängen mit etwas Glück später, meist nur implizit, manchmal Jahrzehnte später, manchmal auch nie.

Horizont-Erweiterung nennen wir landläufig diese Kreation und Erweiterung ideeller Werte einer Person. Das braucht Zeit, und zwar ziemlich viel. Dafür studiert jemand. Diese Zeit muss man sich nehmen und man muss sie Studierenden geben. Sofern es denn irgendwie geht, sollten wir uns diese Zeit gönnen und uns diese Möglichkeiten nicht entgehen lassen – und mit dem Abitur in der Tasche geht das auf jeden Fall.

AKADEMIKER ÜBERHOLEN

Gerade diese Edel-Ausbildungsberufe bedingen ja, dass jemand nach der Berufsausbildung mit Anfang oder Mitte zwanzig schon ziemlich verantwortungsvolle Aufgaben hat, oft mit höherem innerbetrieblichen Status als gleichaltrige studentische Praktikanten, die er vielleicht sogar selbst als Vorgesetzter anleiten muss. Wenn die persönliche Situation jetzt noch ein traditionelles Lebensmodell befördert – Partner, Kinder, Familie, früh aufgenommener Immobilienkredit –, dann arbeitet mancher weiter, und weiter, und weiter. Und klebt an diesem Job. Währenddessen können sich die studentischen Praktikanten schön in diesem und jenem Projekt erproben, auch mal im Schutzraum Studium auf die Nase fallen und angesagten gesellschaftlichen Strömungen ohne konkretes Ziel anhängen. Erfahrungen sammeln, Horizont-Erweiterung galore eben.

Und mit dreißig und mit vierzig? Wie sieht es dann aus bei denjenigen, die in ihrem Ausbildungsberuf immer noch arbeiten und immer noch vergleichsweise gutes Geld verdienen. Da wird es dann schon mal deutlich, dass die inzwischen im Beruf stehenden Akademiker – nach brotloser Studien-, Erprobungs-, Horizont-Erweiterungs-Phase – nachgezogen, überholt haben. Inzwischen monetär gleichauf oder oft besser gestellt, gehen sie oft an Dinge anders heran, haben andere und manchmal mehr Visionen. Oft sind sie vernetzter und ganzheitlicher aufgestellt. Da werden plötzlich diese Puzzlestücke aus dem Studium zusammengebracht, von denen zuerst keiner wusste, welchen Sinn sie haben, und fließen implizit in Berufsalltag und berufliches Handeln ein.

Immer wieder stelle ich bei den Menschen im mittleren, also meinem, Lebensalter fest, die eben nicht diese Erprobungs-, Studien-, Horizont-Erweiterungs-Phase erlebt haben, dass sie Dinge anders wahrnehmen, anders bewerten, manchmal eine andere Herangehensweise haben. Mehr quadratisch, praktisch, gut. Nur eben manchmal auch erschreckend praktisch, mit weniger Reflexion, weniger Kenntnis allgemeiner, gesellschaftlicher, vernetzter Zusammenhänge. Manchmal auch mit weniger Flexibilität, Kreativität, Inspiration. Sehr gute Worker eben, die ihre konkreten Jobs perfekt und zuverlässig erledigen, dafür gutes Geld verdienen und sich so einiges leisten können. Nur eben manchmal nicht so inspiriert und inspirierend, wie sie es vielleicht hätten werden können, mit mehr Zeit für die Horizont-Erweiterung. Der Tellerrand könnte eben etwas näher sein. Schade.

CUT – ANFANGEN – BESSER SPÄT ALS NIE

Mit Mitte bzw. Ende zwanzig oder Anfang dreißig ist es längst nicht zu spät, ein Studium zu beginnen.

Also, was hindert Euch, wenn Ihr mit Abitur schon ein paar Jahre im Edel-Ausbildungsberuf vor euch hinarbeitet, den Cut zu machen? Nächste Lebensphase, mit weniger Geld, dafür mehr Erkenntnisgewinn, mehr für Euch selbst. Vielleicht auch mehr Spaß?

Was hindert Euch, wenn Ihr jetzt gerade eine Berufsausbildung in einem dieser Edel-Ausbildungsberufe abschließt? Ihr habt sowieso gerade einen Cut, und wahrscheinlich auch ein Abitur. Wollt Ihr die nächsten Jahre so weiterarbeiten? Quadratisch, praktisch, kompetent, an eurem Arbeitsplatz vielleicht angesehen. Neugier habt Ihr dort auch, und Neues werdet Ihr auch kennenlernen. Genau das, was Ihr für euren Job braucht, zu viel mehr werdet Ihr vor lauter Arbeit nicht kommen. Wie soll das dann bei Euch aussehen mit vierzig?

Kurz: »IHR MÜSST NOCH ETWAS STUDIEREN.«

Die Planlosigkeit nach dem Abitur hatten wir alle. Erst einmal eine Ausbildung in einem guten Beruf zu absolvieren ist sicher nicht falsch, lernt man dort doch viele praktische Fertigkeiten, die man oft auch im Privatleben gebrauchen kann und die einem die Tür zu manch gutem Nebenjob öffnen. Als Durchlauferhitzung für ein Studium hat eine Berufsausbildung sicher noch keinem geschadet. Nur, das sollte dann auch so durchgezogen werden, mit einer Ausbildungsverkürzung, gleich zu Beginn festgelegt (Anm.: mit der Vorbildung Abitur können bis zu 12 Monate verkürzt werden).
Ansonsten gilt: Mit Abitur studiert man und bleibt nicht im Lehrberuf kleben.

AUSNAHMEN BRECHEN JEDE REGEL

Viele Menschen habe ich kennengelernt, die ganz sicher die Intelligenz haben, jedoch nicht die Möglichkeit zum Studium hatten und trotzdem ein sehr hohes Maß an Differenziertheit und Inspiriertheit haben. So wie ich es manchem Akademiker wünschen würde. In der 50plus-Generation war es in weiten Teilen üblich, nur die Realschule zu besuchen, wenn man eben nicht einen bildungshöheren familiären Hintergrund hatte. 2013 ist jedoch nun weder Nachkriegs-Deutschland, noch sind es die 70er oder 80er. Heute gibt es kaum jemand, der trotz Intelligenz und Abitur aus finanziell-familiären Gründen nur eine Ausbildung machen darf und nicht studieren darf. Sollte es so sein, prüfen Sie, ob es nicht ein vorgeschobener Grund ist.

Fühlen Sie sich also bitte als Nicht-Akademiker nicht angegriffen. Es wird gute Gründe gegeben haben, warum Sie nicht zum Studieren gekommen sind, und die nicht-akademischen Berufe sind wirtschafts- und gesellschaftstragend. Trotzdem sollten wir zukünftige Generationen getreu dem Motto »Die Kinder sollen es mal besser haben.« so gut wie möglich rüsten. Und dazu bietet ein Studium einfach mehr als die Berufsausbildung in einem Lehrberuf, auch wenn es ein Edel-Ausbildungsberuf ist.

AN DIE UNI VERSCHOBEN

Genau, ich habe den Unis jetzt vielleicht einige Probleme zugeschoben, wenn Sie Ihren Abiturienten-Nachwuchs zum Studium bewegen und ich die Abiturienten motiviere, ein Studium aufzunehmen. Dort gibt es dann möglicherweise ein paar Studierende mehr, die – wie Hochschullehrer immer so schön sagen – »nicht studierfähig« sind. Mit Abitur in der Tasche und wenig dahinter. Ja, das ist vielleicht so. Aber, Versuch macht klug, das erste Studienfach muss nicht das richtige sein. Fächerwechsel war in Zeiten mit einem eher bildungs- als ausbildungs-orientiertem Anspruch üblich und ist heute noch genauso hilfreich und empfehlenswert. Und wer wirklich nicht studierfähig ist, schleppt das Problem auch in der Berufsausbildung mit. Manchmal hilft es auch, nach zwei oder vier Semestern erst einmal eine Durchlauferhitzung im Lehrberuf zu absolvieren, mit dem Erwerb von quadratisch, praktisch, guten Fertigkeiten und einem Kennenlernen der Arbeitswelt. Um danach dann mit einem Studium noch einmal durchzustarten.

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Pingback: Sizilien, Siegen, Blogger, Merkel, Studium, Kommentarkultur – 1ppm von Johannes Mirus

  2. Guten Tag,
    Vielen Dank für den Artikel, Ich hatte mir auch überlegt ob ich ein zweites Studium mache. Dieser Text hat mir sehr geholfen. Lg. Maria

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