Gesellschaft

Nationale Party

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Die nationale Partystimmung und das Totschlag-Argument der Spielverderber

Lange haben die Deutschen gebraucht, bis sie in internationalen Wettbewerben – sei es nun Olympiade, EM oder WM – einigermaßen die eigenen Athleten und Länder-Teams angemessen unterstützen konnten und sich vor allem ganz freimütig dazu bekennen konnten, wie wichtig ihnen die deutschen Sportler sind. Internationale Großsportereignisse wurden zwar in den letzten Jahrzehnten immer gut wahrgenommen, regelrecht abtrainiert wurde uns Deutschen jedoch das Interesse an gerade den deutschen Sportlern und Teams.

Sich zu Deutschland zu bekennen, sich über speziell deutsche EM-, WM- oder Olympia-Erfolge zu freuen und vielleicht noch etwas schadenfroh über die Fehler der anderen Teams zu sein, das kam für die linksalternativen Lehrkräfte aus der zweiten Hälfte meiner Schulzeit so ziemlich gleich hinter Nazi sein oder Verherrlichung des dritten Reiches. Systematisch sollte jede Sympathie für Deutschland und zu allen nationalen Dingen unterbleiben. Diese Ideologie hat bei mir damals schon nicht gefruchtet, bei vielen meiner Generation freilich doch. Klar, Bälle mit Autogrammen der Nationalspieler, Repliken von Trikots und allerlei Schnickschnack rund um die Nationalelf gab es damals auch, nur beteuerte man allseits, es käme auf guten Fussball und eben gar nicht darauf an, dass Deutschland gewinnt.

Da es nun mal Staaten mit unterschiedlichen Sprachen, Menschen und Mentalitaten gibt, ist es doch sicher das Normalste, die Menschen am ehesten zu unterstützen, die einem mental an nächsten liegen, unabhängig davon, wie gut die nun Fußball spielen. Genauso, wie man die eigene Familie, die Menschen aus dem eigenen Haus, aus der Firma, in der man arbeitet, aus dem eigenen Verein oder aus dem eigenen Dorf mehr und öffentlichkeitswirksamer unterstützt, als die Menschen, die in allem genauso gut und menschlich genauso integer oder gar besser sind, mit denen man jedoch nicht so viele kulturelle und andere Gemeinsamkeiten hat.

Seit der WM 2006 scheint dieses besondere Interesse am »eigenen Stall« – sich zu Deutschland zu bekennen und dieses auch deutlich zu zeigen – wieder gesellschaftlich »erlaubt« zu sein, d.h. von weiten Teilen der Bevölkerung gebilligt zu sein.

Seither gibt es bei jeder EM und WM die nationale Party, mit schwarz-rot-goldenen Fahnen und Fähnchen und den obligatorischen drei Streifen in diesen Farben auf Stirn, Wange und Oberarm. Gewiss nicht meins, allerdings eher, weil diese drei Farben nicht meine sind und ich mir nichts ins Gesicht male. Schön jedoch, anlässlich der aktuellen WM ein milieuübergreifendes, nationales Partyereignis zu haben. Andernorts übrigens das Normalste der Welt. Positiv identitätsstiftend und zudem ein nicht zu vernachlässigender Wirtschaftsfaktor. Fragen Sie mal die Gastronomen nebenan oder die Dienstleister, die die zahlreichen schwarz-rot-golden applizierten Accessoires produzieren. Und wer zur Zeit privat nicht positiv gestimmt ist, kann im Moment von der öffentlichen Partystimmung profitieren.

»Der Freitag« lässt es nicht. Und die »Süddeutsche« tat es schon nach der letzten EM. Mahnend erheben sie den Zeigefinger und schwingen sich zum Spielverderber auf. Das nationale Bekenntnis und Mitfiebern mit dem deutschen Team legen ihre Autoren als Nationalismus aus. Negativ, versteht sich. Ein Bielefelder Wissenschaftler wird zitiert. Er hat wie auch immer herausgefunden, dass Menschen durch diesen – meines Erachtens nach mitreißenden und motivierenden – patriotischen Partykult im WM-Deutschland fremdenfeindlicher werden. Ein Totschlag-Argument. Genau das kann man immer anführen, und damit kann man so ziemlich alles madig und kaputt machen. Es zieht immer, denn das will nun wirklich keiner in Deutschland sein: fremdenfeindlich.

Bitte, wenn es schon als fremdenfeindlich gilt, dass einem das eigene Länder-Team näher ist als andere, mit vielleicht genauso guten Spielern, die fachlich und menschlich genauso viel drauf oder mehr drauf haben, aber uns eben kulturell und mental ferner liegen, dann muss dieser Begriff einmal neu definiert werden. Nun, weder Journalisten noch Bielefelder Forscher sind das Zentrum der Welt. Genießen wir also die nationale Party, das Mitfiebern mit dem deutschen Team und public viewing im großen und kleinen Kreis.

Auch wenn mich die Berliner Fan-Meile so gar nicht anspricht, so nehme ich die deutschlandweite WM-Stimmung doch sehr positiv wahr und schätze das gepflegte public viewing im kleinen Kreis sehr – selbstverständlich mit Fußball-Fachsimpelei und schwarz-rot-goldenen Häppchen (z.B. mit dunkler Weintraube, einem Stück Melone und Käse). Dazu ein guter deutscher Winzersekt oder ein Bier.

Links:

Der Freitag:
https://www.freitag.de/autoren/felix-werdermann/warum-die-fussball-wm-nationalistisch-ist

Süddeutsche:
http://www.sueddeutsche.de/kultur/studie-zur-fussballweltmeisterschaft-fussballtaumel-und-fremdenfeindlichkeit-1.893255

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