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Freiexemplare, damit die Auflage hochgehalten wird. Das letzte Aufgebot der Tageszeitungen.

Wohl kaum ein Produkt wird mit zunehmender Verbreitung von Tablet-PCs, eReadern und mobile computing so entbehrlich wie die Tageszeitung aus Papier. Aktualität und Printmedium, das passte noch nie zusammen. Nur gab es früher keine andere Möglichkeit, Nachrichten zu publizieren, auf die jederzeit und überall wahlfrei zugegriffen werden konnte. Das funktioniert mit dem schon immer aktuelleren Radio und TV nicht. Dort können Informationen nicht jederzeit, überall und mit individueller Konsumgeschwindigkeit konsumiert werden, sondern man ist vom Programmplan abhängig und muss eine Sendung in vorgegebener Geschwindigkeit konsumieren. Einen Text kann man dagegen schneller oder langsamer oder auch nur in Teilen lesen.

Das Internet bot die Möglichkeit, einfach und vor allem rasendschnell Nachrichten zu verbreiten und zeitlich wahlfrei zu konsumieren, schon von Anfang an. Jedoch waren weder stationäre PCs noch Notebooks mit ihren zum Teil heute noch grob aufgelösten Bildschirmen und vergleichsweise geringen Akku-Laufzeiten echte Alternativen zum Lesen längerer Texte. Trotz höchster Aktualität konnten Internetangebote nicht an das Printmedium Tageszeitung heranreichen. Dazu wurde das Internet durch die Zeitungsverlage anfangs arrogant vernachlässigt, bot sich hier kein richtiges Business-Modell zum Verkauf readaktionell aufbereiteter Informationspakete.

In sehr kurzer Zeit wurden sie dann vom Technologiesprung überrollt, die Verlage mit ihren Tageszeitungen. Das iPhone, kurze Zeit später das iPad, Google mit Android und Amazon mit dem Kindle machten mobile computing salonfähig und massentauglich. Eine lesefreundliche Technologie mit Retina-Display oder hochauflösender LCD-Technik, für längere Texte geeignet. Einfach, schnell und kostengünstig, mit den Business-Modellen der Apple-, Google-, Amazon-Stores, mit einstellbarer Schriftgröße, Suchfunktion, Hintergrundbeleuchtung und knackigen Fotostrecken.

Es ist also nicht verwunderlich, dass viele traditionelle Papier-Zeitungen krebsen, mit ihrem sperrig-großen Papierformat, matten Fotos und der Aktualität von gestern. Dass ein Technologiewechsel hin zum digitalen Medium sinnvoll und notwendig ist, steht außer Frage. Nur, wann und wie, und wer, d.h. welche Zeitung bzw. welcher Verlag schafft ihn? Im Sommer trennte sich Springer von einigen Print-Zeitungen, um andernorts auf neue Technologien zu setzen. Folgerichtig. Amazon-Gründer Bezos kauft eine Print-Tageszeitung. Vermutlich, um deren redaktionelles und journalistisches Knowhow in digitale Informationsangebote zu überführen, für deren Vertrieb er mit der amazon-Infrastruktur bestens gerüstet ist. Ebenso folgerichtig.

Bis es sie denn wirklich gibt, die redaktionell zusammengestellten tages- oder stundenaktuellen digitalen Informationspakete – in welchem Format auch immer, mit Sicherheit jedoch per Reader oder Tablet lesbar – werden noch einige Zeitungen und Verlage kämpfen müssen, manche technologisch und konzeptionell vorwärtsgerichtet, andere rückwärtsgerichtet.

Rückwärtsgerichtet scheint im Moment der Trend zu sein, durch großzügiges Verteilen von Freiexemplaren die Auflage schön hoch zu halten. Freilich nicht die Verkaufsauflage, aber immerhin die verbreitete Auflage. So gibt es ab und zu die Berliner Morgenpost gratis im Briefkasten und zum Beispiel werden in Schulen auch gut und gerne Freiexemplare verteilt. Auf vielen Berliner Messen ebenso und in Lounge und Flugzeug sowieso. Nie sind mir so oft und so viele Gratisexemplare von Zeitungen zugeflogen wie im letzen Jahr. Tageszeitungen allen voran. Heute habe ich gleich zwei verschiedene Freiexemplare bekommen.

Gut, man kann sich Relevanz und Akzeptanz selbstreferentiell schönreden, indem man Produkte großflächig verschenkt. Geschenkt findet auch ein anachronistisches Produkt noch gute Resonanz. Das klappt mit einer Tageszeitung ganz gut, wie es die Financial Times (FTD) vorgemacht hat und wie es viele Tageszeitungen nachmachen. Nun, was aus der FTD geworden ist, ist bekannt. Freiexemplare: falscher Ansatz.

Ach ja: eines funktioniert nicht mit Tablet-PCs und mobile computing. Man kann keinen Fisch darin einwickeln. Aber mal ehrlich, möchten Sie wirklich Fisch in Druckerschwärze eingewickelt? Ich nicht.

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