Schreibgeräte & Kontor

Pilot Capless

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Der Klassiker ohne Kappe

Gerade habe ich den neuen Manufaktum-Katalog in der Hand. Sie wissen schon, mit den schönen Dingen, die es noch gibt – ob man sie nun braucht und mag oder nicht. In iPad- und Tablet-Zeiten ein längst überflüssiges Druckerzeugnis, dieser Katalog, schwer zudem. Von den Produkten springt mich manches an, anderes ist einfach nur gehyped und teuer. Das Titelbild triggert jedoch den Schreibgerätesammler in mir. Unschwer zu erkennen ist dort ein Pilot Capless Füllfederhalter abgebildet, ich hier schon schon länger vorstellen wollte. Also ab zum Regal, eine Box mit Schreibgeräten rausgezogen und ein Paar Fotos von meinem dunkelgrünen Capless gemacht.

Nun, die Idee ist interessant, einen Füllfederhalter zu bauen, bei dem sich die Feder herausschiebt, wenn man hinten drauf drückt, genauso wie sich beim Kugelschreiber die Miene herausschiebt. Diese Idee hatte der japanische Schreibgeräte-Hersteller Pilot schon vor fast 50 Jahren, im Jahr 1964. Seit dieser Zeit gibt es den Pilot Capless in wechselnden Varianten. In den USA wird er seit dieser Zeit unter dem Namen »Vanishing Point« verkauft. Der erste Capless hatte eine Drehmechanik, ähnlich wie ein Drehkugelschreiber, ein gutes Jahr später folgte eine Version mit der vom Kugelschreiber bekannten Druckmechanik.

Eigentlich ist es nicht aufregend, ein aus der Feder und dem darunter liegenden Tintenleiter bestehendes Federaggregat mit einer Druckmechanik vor- und zurückzuschieben. Die Druckmechanik ist relativ simpel und wird heute selbst im Werbekugelschreiber für ein paar Cent verbaut. Wäre da nicht die Herausforderung, dass – anders als beim Kugelschreiber – die Feder luftdicht umschlossen sein muss, damit die Tinte nicht eintrocknet. Und es gibt noch eine zweite Herausforderung. Diese Abdichtung muss sicher funktionieren, die Tinte darf hier nicht nach außen treten, z.B. bei fast leerem Tintentank, wenn der Tintenfluss ausnahmsweise mal reichlich ist und durch Schütteln und Rütteln Tropfen aus der Feder kommen. Daher haben alle Füllfederhalter den Clip an der Kappe und nicht am anderen Ende. Wenn, dann soll die Tinte nämlich aus Feder und Tintenleiter zurück in das Tintenreservoir fließen, nicht umgekehrt. Die Feder kann also niemals so eingebaut werden, dass sie nach unten weist, wenn der Füller mit dem Clip in die Manteltasche eingesteckt wird – anders als beim Kugelschreiber mit seiner recht pastosen Farbe, die nicht »ausläuft«.

Beide Herausforderungen haben die Entwickler des Pilot Capless, mit einem kleinen »Füller-Ufo« beantwortet. Der Clip ist im Griffstück integriert. Sehr ungewöhnlich, dieser Stift, ein Eyecatcher, und der Druckmechanismus funktioniert auch einwandfrei. Konstruktionsbedingt kann natürlich kein voluminöses Federaggregat, wie es z.B. bei einem klassischen Pelikan-400-Stresemann oder bei einem Montblanc vorhanden ist, vor- und zurückgeschoben werden. Feder und Tintenleiter sind also schmal gebaut, was widerum bedingt, dass die Feder nicht besonders elastisch sein darf, schmal wie sie ist. Weiche Goldfedern bleiben hier konstruktionsbedingt außen vor.

Natürlich ist dieser Füllfederhalter mit der per Knopfdruck ausfahrbaren Feder nicht nur ein absoluter Hingucker, sondern auch ein Klassiker, da es ihn ja schon fast seit 50 Jahren gibt, wenn auch mit deutlichen Designänderungen, vergleicht man die Version aus der Werbung der Sechziger mit meinem dunkelgrünen Capless oder gar der Version aus dem Manufaktum-Katalog.

Mein Capless ist schon etwas älter und war einer der preiswerteren Varianten, die heute nicht mehr hergestellt werden. Preiswerter ist relativ, denn ich habe noch zu D-Mark-Zeiten 100 Mark für den Stift bezahlt und ihn seinerzeit mit einem großzügigen Rabatt erworben. Er war das das letzte Stück einer Schreibwarenhändlerin, die diese Marke nicht weiterführen wollte. Heute werden nur noch die wesentlich teureren Varianten verkauft, die ich aufgrund des deutlicheren Clipansatzes gar nicht mal so schön finde. Das Innenleben scheint ziemlich unverändert zu sein. Vor einiger Zeit habe ich einen Füller davon getestet. Kein Unterschied zu meinem dunkelgrünen Capless, von dem ich hier ein paar Detailfotos zeige. Für Menschen wie mich, die a) schnell schreiben und b) mit einer weichen Goldfeder gut umgehen können, Strichstärken damit gut modulieren können, ohne die Feder gleich zu verbiegen, ist das Schreibgefühl des Capless – ja, unterirdisch. In etwa wie ein klobiger Kugelschreiber mit mäßigem Tintenfluss, der zum Langsamschreiben zwingt, keine Strichmodulation zulässt und Aussetzer hat, schreibt man etwas schwungvoller und schneller. Dazu kommt das sehr ungewöhnliche Handling mit dem Clip am Griffstück, was bei den beueren Varianten mit dem weniger in das Griffstück integrierten Clip noch extremer ist.

Fazit
Ein Klassiker, der optisch etwas hermacht, sofern man den Stil mag. Ein extravagantes Spielzeug für große Jungs mit leicht ungelenker Handschrift, die eben sonst am besten und liebsten mit Kugelschreiber oder Rollerball schreiben, sich an (Hoch-)Preis und Technik erfreuen und ein wenig die Kultur blauer Tinte entdeckt haben. Nichts jedoch für Liebhaber feiner Goldfedern und für geübte Füllfederhalter-Schreiber. Die werden sich mit dem eigenwilligen Kappenlosen mit seiner hammerharten Feder und den eingeschränkten Schreibmöglichkeiten schnell langweilen. Als Geschenk? Nun ja, für Technik-Begeisterte, Sammler, und Menschen, die ins skizzierte Raster passen, für echte Hand-Schreiber besser nicht.

Mehr Informationen zum Pilot Capless gibt es im →Internet zu Hauf. Zum Beispiel in einem →Bericht von pens-and-freaks.de.

Ach ja, und von Manufaktum gibt es die Beschreibung des kappenlosen Federschreibgerätes auch im →Online-Shop.

Pilot Capless Advertising