Schreibgeräte & Kontor

Können Sie knicken

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Wozu leere Kugelschreiberminen gut sind.

Die Mine meines Kugelschreibers quittierte vor einiger Zeit ihren Dienst. Längst habe ich eine neue eingesetzt und habe bei der alten etwas nachgeholfen, damit sie wirklich leer ist. Ich habe sie sozusagen restentleert, so dass die winzige Kugel garantiert keine Tinte mehr hinausbefördert. Es gibt nämlich noch einen Verwendungszweck für diese leere Mine. Damit lässt sich »richtig gut knicken«. Genauer gesagt geht es darum, stärkeres Papier oder Karton so vorzubereiten, dass es sich problemlos knicken, falten, oder wie Menschen aus der Medienbranche richtig sagen, falzen lässt.

Damit der Falz bei stärkerem Papier und Karton schön wird, muss dort vorher eine kleine Rille eingedrückt werden. Dafür kann man ein Falzbein benutzen. Dieses Knochenwerkzeug ist in vielen Haushalten mit bastelaffinen Menschen vorhanden, kostet es doch nur ein paar Euro. Mancher drückt diese »Rille vor dem Knicken« auch mit einem Brieföffner in Papier oder Karton. Das funktioniert manchmal ganz gut, denn viele Brieföffner haben durchaus Falzbeinqualitäten, d.h. eine gerundete, stumpfe Spitze, die das Papier beim Drüberziehen nicht beschädigt. Aber Achtung: Ist die Spitze spitz schmal oder gar scharf, dann wird die Papieroberfläche beschädigt und die Falzkante sieht unschön und laienhaft aus.

Was hat das jetzt mit der Kugelschreibermine zu tun? Die gibt es vermutlich in falzbeinlosen Haushalten eher. Damit lässt sich hervorragend eine schmale Rille ins Papier pressen, zieht man sie mit etwas Druck am Lineal entlang. Anders als bei Falzbein und Brieföffner reibt die Mine nicht über das Papier, sondern die Miniaturkugel rollt locker über die Oberfläche (ohne Tinte herauszubefördern, wie beim Schreiben). Das ist schön, denn dadurch wird die Papieroberfläche viel weniger beschädigt, als wenn ein Werkzeug darüber reibt.

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Mit jeder leeren Mine eines Billigkugelschreibers funktioniert das natürlich nicht, wohl aber mit gut entleerten Metall-Kugelschreiberminen, besonders mit Minen der Strichstärke B, bei denen die Miniaturkugel etwas größer ist. Leere Minen der der Strichstärke F eignen sich daher nur bedingt. Falls Sie also nicht im Besitz eines Falzbeins sind, werfen Sie die leere Kugelschreibermine nicht weg. Damit können Sie ganz gut knicken. Wichtig ist in jedem Fall, dass die Mine wirklich leer ist und nicht plötzlich Tinte austritt, während man gerade am Lineal entlang die Rille ins Papier zieht.

Und sonst… kann man mit der leeren Mine, im Kugelschreiber eingesetzt, ziemlich gut »blind« schreiben, d.h. ohne Tinte, wohl aber mit gutem Druck. Vieleicht eine Alternative für den nächsten Liebesbrief oder die nächste Widmung in einem Buch.

Richtige »Profi-Rillen«, wie sie in der Buchbinderei oder Druckerei entstehen, bekommt man mit Falzbein, Brieföffner oder Kugelschreibermine natürlich nicht hin. Wie das geht, und was man bei gelieferten Druckprodukten beachten sollte, das schreibe ich im nächsten Beitrag.

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Zu den beiden unteren Bildern: Breitere und schönere Rillen lassen sich mit Hilfsmitteln erzielen, die Rillen enthalten, und quasi eine Matritze bilden, wie z.B. das Aluminium-Lineal. 

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Richtige Rillen

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Die leere Kugelschreibermine aus meinem letzten Beitrag hilft vielleicht, wenn man schnell eine persönliche Klapp-Karte aus einem Stück Karton erstellt. Für Kinder und Enkelkinder ist das sicher ein hilfreicher Tipp, um selbst gemachte Karten zu Weihnachten »etwas schöner zu knicken«. In Druckerei oder Buchbinderei wird die Rille freilich professionell hergestellt. Alle möglichen Klappkarten, Klapp-Visitenkarten, Bonus- und Mitgliedskarten haben diese Rillen, die man so nicht mit Lineal und Falzbein machen kann – erst recht nicht bei dickerem Karton, d.h. größeren Grammaturen wie z.B. 300 oder 400 g/m². Rillen ist daher nicht nur die Mehrzahl von Rille, sondern beschreibt eine buchbinderische Ausrüstarbeit.

Für Einzelstücke und Kleinauflagen gibt es Rillgeräte (früher sagte man auch Rillapparat), in denen mittels Rillbalken und Rillmesser die Rille in den Karton gepresst wird. Die Rillnut als Matritze gibt der Rille eine schöne Form. Rillmesser und Rillnut müssen in ihrer Dicke/Breite natürlich zum Karton passen der gerillt werden soll. Sonst entsteht keine schöne Rille. Eines muss man nämlich wissen. Falzt man einen dickeren Karton, so ist beim zusammengeklappten Produkt die äußere Länge länger als die innere Länge. Außen wird das Material also gedehnt, innen gestaucht. Dieses Stauchen des Materials würde eine unansehnliche Kante im Falz ergeben. Das läßt sich durch eine von der richtigen Seite hineingepresste Rille vermeiden. Die Rille muss dazu von der Seite in den Karton gepresst werden, die beim geschlossenen Produkt die Außenseite ist. Genau umgekehrt, als man es ohne weiteres Nachdenken machen würde. Nur so ergibt sich zusammengeklappt innen und außen eine schöne Kante.

Manchmal sieht man leider Druckprodukte, die von der falschen Seite gerillt sind. Dafür mag es Gründe geben (z.B. für den Verwendungszweck ungünstiges Material). Oft ist es hingegen pure Nachlässigkeit, Unkenntnis oder Arbeitsvereinfachung, wenn die falsche Seite gerillt wird. Viele Kunden wissen es nicht und sind mit der falschen Rille und dem nicht so schönen Falz zufrieden.

Neben der bewährten Technologie, die Rille mit dem Rillbalken ins Papier zu pressen, gibt es das rotative Rillen, das jedoch oft nicht so schöne Ergebnisse gibt. Der Karton läuft hier zwischen zwei rotierenden Rundwerkzeugen durch (vgl. Abbildung).
Diese Einrichtung gibt es schon lange in Druckmaschinen und kommt außerdem in Weiterverarbeitungsmaschinen zum Einsatz. Prinzipiell funktioniert das schon. Dass das Ergebnis manchmal zweitklassig ist, ist sicher auch dem Effekt geschuldet, dass die Rilleinrichtung manchmal miserabel eingerichtet wird. Von der Rille auf der faschen Seite im Endprodukt bis hin zum Einsatz eines Werkzeugs mit für das Material viel zu großer Nut ist die Streubreite der Fehler groß.

Wenn Sie Ihr nächstes Druckprodukt geliefert bekommen, achten Sie auf den Falz — und jetzt ziehen Sie am besten gleich einen Aktenordner aus Ihrem Büroregal. Schauen Sie sich an, wie die Scharniere zwischen Rücken und den beiden Deckeln gefertigt sind. Ganz einfach, mit jeweils einer superdicken Rille. Hier eben nicht in Visitenkarten-Karton gepresst, sondern um ein vielfaches breiter in 3 mm dicke Pappe. So schön wie die Innenseiten, so soll’s bei jeder Klappkarte im Falz aussehen, nur viel kleiner.

Vielleicht kennen Sie diesen Vorgang des Rillens schon lange und nennen es Nuten. Das sagen viele, wodurch die Bezeichnung fachlich nicht richtiger wird. Ganz einfach: beim Nuten wird Material abgetragen, beim Rillen nicht. Dass man bei einer Klappkarte mit 300-g/m2-Karton kein Material abtragen muss, damit sich ein schöner Falz ergibt, das weiß jeder. Geschenkt, der falsche Begriff. Verwenden Sie meinethalben Nuten statt Rillen. Sonst würden wir uns gar nicht verstehen.

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