Design & Typo · Gesellschaft

Plagt dich Kummer oder Ärger…

Vor einigen Wochen war ich nach langer Zeit wieder in Ostwestfalen. In Bielefeld, meiner Geburtsstadt. Natürlich kommen bei so einem Besuch viele Kindheitserinnerungen auf und manchmal gehören dazu ganz subtile Kleinigkeiten. So sprang mir während unserer Kneipentour mit den Bielefelder Flaneuren ein Bierdeckel ins Gedächtnis, den es im Haushalt meiner Großeltern gab und von dem ich schon als Kind fasziniert war. Es ist ein Bierdeckel der →Brauerei Dittmann aus Langenberg, in der Nähe von Gütersloh.

»Plagt dich Kummer oder Ärger, trinke Dittmanns Langenberger« heißt der flotte Spruch auf den Deckel. Flott, naja Sie wissen schon, in den 50ern und 60ern wurde einfarbig gedruckt und der Durchschnittsbürger verstand sowieso kein Englisch. Da musste man sich als Werber etwas einfallen lassen um in Erinnerung zu bleiben. Gerne griff man in dieser Nierentischära auf Slogans mit Ohrwurmqualität zurück, mit Reim und Witz. Diese Ohrwurmqualität hat der Spruch auf dem Deckel sicherlich. Richtig getoppt wird er jedoch durch die Illustration, durch dieses rundliche Gesicht eines in die Jahre gekommenen Mannes, der griesgrämig schaut, offensichtlich geplagt von Kummer und Ärger. Und zack, dreht man den Deckel um 180°, so wird aus dem trüben Gesicht plötzlich ein freundlich lächelndes.

Diese Illustration, die ganz einfach durch Spiegeln bzw. um 180° drehen von grimmig zu freundlich wechselt, faszinierte mich schon als Kind und fasziniert mich heute immer noch. Leider kann ich den Gestalter nicht ermitteln. So ein Gesicht zu zeichnen, dass nur durch einfache Spiegelung bzw. Drehung um 180° den Ausdruck von böse nach heiter wechselt, ist nämlich nicht so trivial, wie es vielleicht erscheint. Hier ist es gut gelungen. Ich habe eine kleine Animation erzeugt (ein animiertes GIF-Bild), alle 5 Sekunden mit dem Wechsel zwischen grimmig und heiter.

Nicht nur grafisch ist der Deckel ein Zeitzeugnis längst vergangener Jahrzehnte. Mit simplerer Technik, anderen Werten und anderem Tempo. Die Welt der fünfziger und sechziger Jahre. Als der Lohn noch in der Tüte ausgezahlt wurde und es in den Städten noch richtige Eckkneipen gab. Als mancher am Zahltag erst einmal einen über den Durst trank und Wirt und Wirtin noch Therapeutenfunktion hatten. Eine Welt, in der Rauchen zum guten Ton gehörte und man barocke Körper und Gesichter den hageren vorzog, die »ja nichts zuzusetzen haben«, wie es allgemein hieß. Schauen Sie sich Ludwig Erhardt an, der auch körperlich recht gut das westdeutsche Wirtschaftswunder repräsentierte.

Als moderner Mensch 3.0, der sich gesund ernährt, ausreichend bewegt, auf Idealgewicht und BMI achtet und niemals zu Suchtmitteln zwecks Stimmungsverbesserung greift, muss Ihnen dieser Bierdeckel zweifelsohne wie aus einer Dinosaurier-Zeit erscheinen und zudem nicht politisch korrekt, mit der Aufforderung, Kummer und Ärger ganz einfach mit Bier zu begegnen. Stimmt, nach gentrifizierten-3.0-Lebensmaßstäben wäre der Deckel ein Fall für den Werberat. Früher hat das jedoch niemanden interessiert. Die Brauerei gibt es schon seit 1974 nicht mehr.

Ach ja, den →Deppen-Apostroph gab es damals schon, und es gibt es heute immer noch. Typographisch über Jahrzehnte nichts dazugelernt.