Gesellschaft

Sexy Berufsbezeichnungen

Raider heißt schon lange Twix, Buchbinder heißen jetzt Medientechnologe Druckverarbeitung und Drucker heißen jetzt Medientechnologe Druck. Seit einem Jahr werden die Azubis in Druckereien nicht mehr zum Drucker ausgebildet, sondern zum Medientechnologen Druck. Aha, dachte ich, als ich zum ersten Mal diese Berufsbezeichnung hörte, was für ein Bullshit Bingo. Ist es sicherlich auch, sorgt dieser Name doch für reichlich Konfusion bei ausbildungsplatzsuchenden Eltern und potentiellen Azubis. Bitte, was macht ein Medientechnologe? Das ist jemand, der in einer Druckerei an einer Druckmaschine steht, evtl. Mickeymäuse auf den Ohren hat, später vermutlich mit Schichtarbeit gut durchschnittlich verdient und so ziemlich genau das macht was Drucker normalerweise tun.

Kein Zweifel, dass angestaubte Inhalte aus überquellenden Berufsausbildungsplänen extrahiert werden müssen und aktuelle Inhalte aufgenommen werden müssen. Keine Frage, dass es sinnvoll ist, manchmal ein Berufsbild sterben zu lassen um ein neues, aktuelles zu kreiren. Die Frage ist nur, wie weit man sich dazu der Psychologie der Berufsbezeichnung bedient. Muss das unbedingt in hohlphrasigen Bullshit-Bezeichnungen enden, mit der eine große Allgemeinheit inklusive der Fachpersonen alles mögliche oder gar nichts assoziiert, zumindest nicht das richtige? So passiert es gerade beim Medientechnologen. Wenn der Sohn Ihrer Bekannten zum Medientechnologen ausgebildet wird, wissen Sie es jetzt: Der arbeitet in einer Druckerei und steht der ganzen Tag an der Druckmaschine. Kein White Collar Job. Klingt aber gut, fast akademisch. Und hat ganz viel mit Medien zu tun. Palettenweise werden weiße Blätter zu halbfertigen Medien gemacht.

Nun man fragt sich, was es mit dieser Berufsbezeichnungs-Psychologie auf sich hat. Fakt ist, dass sich die Tätigkeit des Druckers in einer Druckerei in den letzten Jahrzehnten tatsächlich geändert hat, wie eben in vielen anderen Berufen auch. Automatisierung und Maschinenkomplexität haben auch hier Einzug gehalten, ebenso wie größere Genauigkeit und kleinere Fehlertoleranzen. Dazu entstanden neue Verfahren wie der Digitaldruck. Alles hoch spezielle Dinge, die viel logisches Verständnis erfordern, manchmal spezielle Kenntnisse mit kurzen Halbwertszeiten. Für diese Ausbildung eignen sich eben nur begrenzt Bewerber mit Realschulabschluss ohne Gymnasialempfehlung – die anderen machen ohne hin meist Abitur. Was liegt also näher, als eine sexy Bezeichnung für diesen Beruf zu finden. Medien klingt immer gut, weil viele ja etwas mit Medien machen möchten und Technologe klingt nahezu akademisch. Die – bedeutungsvolle – Fachrichtungsbezeichnung Druck (aka Druckerei) oder Druckverarbeitung (aka Buchbinderei) wird im Sprachgebrauch wahrscheinlich weggelassen. Drucker hingegen war ein 2-Silben-Ausbildungsberuf wie Bäcker, Schlosser oder Friseur.

Möglicherweise ist es diese Umbenennungsaktion auch symptomatisch für eine Branche, die mittendrin im deutlichen Strukturwandel ist. Viele Printmedien wird man nicht mehr brauchen, zumindest nicht mehr so, wie sie heute sind, und dementsprechend manche Anzeigenpreise auch nicht mehr zahlen.

www.abi.de/ausbildung/ausbildungspraxis/modernisierte-ausbildungsberuf09476.htm

www.zfamedien.de/ausbildung.php

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.