Gesellschaft

Robinson-Liste

Grundsätzlich habe ich nichts gegen Meinungsforscher und Meinungsforschungsinstitute. Irgendwie müssen Unternehmen und Gewerbetreibende ja an Daten über die mögliche Kundschaft und Zielgruppen kommen. Früher habe ich gerne an Produkttests und Befragungen teilgenommen, die jedoch meist etwas länger waren und für die es eine Aufwandsentschädigung gab, 10 oder 20 Mark oder ein Produkt gratis. Da stimmte das Gleichgewicht: Der Dienstleister sammelt die Meinungen von Bürgern und potentiellen Zielgruppen und für die Mühe und Meinungspreisgabe  bekommt der Befragte eine kleine Aufwandsentschädigung. Das war jedoch vor mehr als 20 Jahren in Hamburg. 

Heute werde ich allenfalls von Meinungsforschern angerufen. Wohlmeinend – weil ich mir sagte: „Die wollen auch leben und Du bist in der Medienbranche, die in Teilbereichen auf diese Meinungsforscher angewiesen ist.“ –  habe ich in der Vergangenheit das eine oder andere Interview beantwortet. So muss meine Telefonnummer auf Listen stehen, die Meinungsforscher abtelefonieren. Vielleicht ist das auch zu kompliziert gedacht, und es gibt diese Listen gar nicht, sondern ein Zufallsgenerator sucht einfach Nummern aus, die von einem Callcenter nacheinander abtelefoniert werden. Ich weiß es nicht, und es ist mir auch egal.

Ich geriet also immer mal wieder in das Visier von Meinungsforschern und Telefonakquisiteuren. Mit der Zeit wurden diese Anrufe einfach nur nervig. Auf meinem letzten iPhone hatte ich mir deshalb die Tellows-App installiert. Sie bewirkt, dass statt der Telefonnummer des Anrufers (deren Anzeige die Callcenter heute freigeben müssen und das bis auf wenige schwarze Schafe auch tun) bei bestimmten Nummern gleich „unerwünschte Werbung“ auf dem Display angezeigt wird. Das funktionierte ziemlich gut. Nur, die Tellows-App kennt freilich auch jede andere Telefonnummer, die mich anruft, weil ja im Hintergrund verglichen werden muss. Erst einmal war mir das egal, inzwischen jedoch nicht mehr. So blieb die Tellows-App mit dem letzten Wechsel von Mobilfunknummer und iPhone außen vor, wenngleich der Service sehr praktisch ist.

Meinungsforscher riefen immer mal wieder an. Ihre Fragen und Interviewgesuche wies ich in der letzten Zeit allesamt freundlich zurück. Meinung für lau abzocken, zu Zeiten, in denen ich anderes und wichtigeres zu tun habe, das möchte ich nicht mehr. Die Rufnummern der Meinungsforscher ordnete ich sofort nach dem Anruf einem speziell dafür eingerichteten Eintrag in meiner Kontaktliste zu, der Unerwünschter Anruf heißt – damit eben genau das auf dem Display erscheint, wenn wieder angerufen wird. Tellows für Arme also. Leider wechseln Callcenter die Telefonnummern so oft, wie ich die Hemden, weswegen es wirklich nur ein Tellows für Arme ist.

Immer wieder wurde ich angerufen. Immer das gleiche Procedere. Ein Anruf geht ein, eine Festnetznummer erscheint auf dem Display. Guten Willens gehe ich ans Telefon, denke, da hat jemand, der noch nicht in meiner Kontaktliste ist, ein echtes, berufliches oder privates Anliegen. Meist erfolgt der Anruf, wenn es zeitlich nicht wirklich passt, bei realen beruflichen oder privaten Angelegenheiten jedoch akzeptabel ist. Dafür nehme ich mir auch gerne Zeit. Statt dessen war zu oft ein Meinungsforscher dran, der Meinung für lau haben möchte und zudem meine Zeit beansprucht. In der Regel bleibe ich freundlich, höre mir geduldig die Bitte um ein paar Fragen an und lehne höflich ab, in dem Bewusstsein, dass am anderen der Telefonverbindung ein Callcenter-Mitarbeiter sitzt, der vielleicht gerade einmal Mindestlohn bekommt und dessen – ihm vielleicht genauso wie mir – unangenehmer Job es ist, möglichst viele Interviews in kurzer Zeit zusammenzubekommen. Deshalb mochte ich die Callcenter-Agents zu lange nicht mit dem klaren, barschen „Rufen Sie mich nicht mehr an.“ konfrontieren. 

Geärgert hat mich an diesem System vor allem eines: Die Anrufe mit deutscher, manchmal lokaler Festnetznummer, ohne dass jemand auf die Mobilbox spricht. Regelmäßig kam so etwas vor. Da ruft eine Nummer an, die nicht in meiner Kontaktliste ist und die ich nicht kenne. Einmal, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Ich verpasse alle drei Anrufe, und nie ist eine Nachricht auf der Mobilbox. Beim dritten Anruf mache ich mir Gedanken, ob es da nicht jemand gibt, der mich unbedingt persönlich sprechen möchte und deswegen nicht auf die Mobilbox spricht, aus welchen Gründen auch immer. In diesen Situationen suche ich via Google nach der Telefonnummer und werde schnell fündig, wenn Meinungsforscher oder Telefonakquisiteure dahinter stecken. 

Ein Meinungsforschungsinstitut hat es jetzt auf die Spitze getrieben. Mit Berliner (also lokaler) Telefonnummer ruft es mich an, zu ziemlich unmöglichen Zeiten. Mein Telefon klingelt in der Besprechung, zu üblichen Arbeitszeiten und zu Zeiten, während der ich meine Kurse abhalte. Mehrfach, sowohl im Tages-, ca. Dreitages- und Wochenabstand. Nach dem dritten Anruf google ich. Treffer. Meinungsforscher. Heute morgen geht wieder ein Anruf der mittlerweile wohlbekannten Nummer ein. Dieses Mal nehme ich ihn an. Freundlich meldet sich der Callcenter-Agent mit dem Firmennamen des Instituts. Ebenso freundlich teile ich ihm mit, das ich von seiner Firma nicht mehr angerufen werden möchte, noch bevor er mir sein Anliegen vortragen kann. Etwas verdutzt, aber immer noch freundlich sagte er den für diese Fälle der Ablehnung einstudierten Standardspruch auf, er vermerke es, und ich solle mich doch in die Robinson-Liste eintragen lassen. Das Unternehmen sei TÜV-zertifiziert und würde diese Liste auf jeden Fall beachten. Wir haben uns dann beide noch einen schönen Tag gewünscht.

Also habe ich mich jetzt in die Robinson-Liste eingetragen, und zwar gleich mit allen Telefonnummern, die es hier gibt. Mal schauen, ob es hilft und dem Thema „Anruf mit Berliner Nummer, ohne dass eine Nachricht hinterlassen wurde“ endgültig ein Ende bereitet. 

PS: Print-Mailings und Werbedrucksachen finde ich nicht so störend. Die Zeit und Aufmerksamkeit, die sie von mir beanspruchen, ist kurz. Schräg unter meinem Briefkasten ist 1,2 Meter entfernt der Altpapierkasten. Ok, Sie werden jetzt sagen: Umweltschutz,… Das ist ja auch richtig. Aber ab und zu nehme ich gut gestaltete oder eben der Erbauung wegen auch grottenschlecht gemachte Werbesendungen mit hoch.

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Interessant: Seit Anfang 1994 habe ich ein Mobiltelefon, seit Anfang 1996 habe ich meine jetzige Mobilnummer. Einen Mafo-Anruf auf dem Mobiltelefon hatte ich aber bis jetzt noch nicht. Auf meinen verschiedenen Festnetznummern in dieser Zeit dagegen sehr wohl und das auch nicht gerade selten.

    Als Direktmarketing-Fachwirt (so lautet meine offizielle Berufsbezeichnung) bin ich natürlich immer skeptisch, wenn andere mich terrorisieren, und so habe ich die telefonischen Marktforscher in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen, dass sie ja mit den Ergebnissen ihrer Marktforschung Geld verdienen und sie gefragt, wie sie vor diesem Hintergrund bereit sind, meine Mitarbeit zu entlohnen. Das Entsetzen über mein derartiges Ansinnen war meist unermesslich.

    Was den Briefkasten betrifft: Wir haben hier zwar Ofenheizung, aber sieben kostenlose Werbezeitungen pro Woche, jeweils gut bepackt mit Prospekten und Sonderangebotsbeilagen aus extrem schlecht brennbarem Papier, packen selbst unsere vier Feuerstellen im Haus nicht weg. Der Austräger einer der Werbeverlage meinte auf meine Bitte, uns doch bitte das Zeug nicht mehr zuzustellen: »Kein Problem, dann entsorge ich das Zeug halt in meiner Papiertonne statt in Ihrer.« Klar, die Auflage muss gehalten werden. Ob die Werbekunden dann allerdings wirklich den erhofften (und bezahlten!) Werbewert erhalten, sei einmal dahingestellt.

  2. Es mag sein, dass die Markt- und Meinungsforscher auf einer Festnetznummer anrufen, die auf mein Mobiltelefon weitergeleitet ist. Im Ergebnis kommt das jedoch aufs gleiche raus.
    Irgendwie scheint es hier aber nicht aufzuhören. Vorhin klingelt das Festnetztelefon. Eine Dame wollte eine Befragung zu Radiosendungen machen …

  3. Es gibt in Deutschland übrigens gleich 2 nennenswerte Robinsonlisten: Vom DDV und vom IDI. Und da sich die wenigsten Firmen wahrscheinlich die Mühe machen, zwei Abgleiche zu fahren, sollte man sich besser in beide eintragen.

    Einen Zwang, die Robinsonlisten zu beachten, gibt es dabei nicht, auch wenn sich seriöse Unternehmen meist daran halten. Und: Bestehende Kunden kann man trotz Eintrag mit Werbung „beglücken“.

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