Gesellschaft

geschniegelt und gebügelt

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Mit dem Reise-Bügelautomat nach Berchtesgaden

Elektrische →Bügeleisen gibt es wohl seit den 20er Jahren. Ich erinnere mich an schwere Geräte aus dem Fundus meiner Großmutter, einer Damenschneiderin. Mit Holzgriff und einem porzellanisolierten Steckkontakt hinten, an den ein Textilbemänteltes Kabel angeschlossen wurde, das mit einem Hartgummi- oder Porzellanstecker in die Stromsteckdose eingesteckt wurde. So weit ich weiß, hat meine Großmutter in ihrer Lehre in den 20er Jahren schon mit solcherart Bügeleisen hantiert. In anderen Teilen Deutschlands, die erst spät elektrifiziert wurden, plättete man derweil noch mit schwerem Plätteisen, in das ein im Ofen erhitztes Eisenteil eingeschoben wurde. Ob das Gerät dann heiß genug war, wurde unkompliziert mit Finger und Spucke geprüft. Mehr über die Entwicklung des Elektro-Plätteisens kann man →hier nachlesen.

Ein Mitglied aus der Familie der Plätteisen komplettiert seit ein paar Tagen unseren Haushalt. Ein Reisebügeleisen. Original 60er Jahre, mit hitzefestem Textilkabel und klobig-robustem Schuko-Stecker, dessen richtiger Name Schutzkontaktstecker genauso klobig ist.

Elektra heißt einfallsvoll die Marke und das Logo besteht aus einer Schreibschrift mit zeitgenössischer Anmutung. Typisch für die Fünfziger und Sechziger – damals, als es noch Schriftlithographen gab, die diese Schriftzüge entwarfen und fein reinzeichneten.

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Made in Western Germany steht auf dem Karton. Warum auch immer »Western«? Um sich vom anderen deutschen Staat abzusetzen, um die Westbindung der Wirtschaftswunderrepublik schon auf einer simplen Bügeleisenverpackung deutlich werden zu lassen, um herauszustellen, dass Germany jetzt »Western Germany« heißt, lange bevor Raider Twix hieß?

Ein Reisebügeleisen ist das Gerät nach Anschauung des Herstellers nicht. Er schreibt Reisebügelautomat auf den Karton, womit wohl gemeint ist, dass das Bügeleisen eine Temperaturregelung hat und nicht nur mit einem zur Heizspirale aufgewickelten Heizdraht simpel vor sich hin heizt, so wie ein Tauchsieder oder wie die uralten Elektro-Plätteisen. Nein, es ist ein Automat, der die eingestellte Temperatur beibehält, zumindest in der Theorie.

Automaten und Automatisierung waren zwei heilsbringende Zauberworte der 50er und 60er. Da liegt es doch nahe, mit einem Reisebügelautomaten in den Urlaub zu reisen, um immer gepflegt und adrett auszusehen.

In dieser Zeit etablierte sich das Wirtschaftswunder, das spätestens in den 60ern die Massen erreichte – dank kluger und lebenserfahrener Politiker, von anderem Kaliber als die, die wir heute wählen dürfen. Die Westdeutschen entdeckten das Reisen. Die einen reisten mit dem Heinkel-Motorroller, der Verlobten als Sozius und komplettem Camping-Hausstand von Norddeutschland nach Berchtesgaden, die anderen von Süddeutschland an die Ostsee. Später dann mit Sack und Pack und den Kindern auf der Rückbank im VW-Käfer, noch später mit Ford Taunus oder Opel Rekord. Bodensee, Gardasee, Norditalien, die Schweiz und Österreich waren die typischen Reiseziele der westdeutschen bürgerlichen Mitte. Ein Reisebügelautomat gehörte genauso dazu, wie die Exa, Voigtländer oder die Fahrt über die Großglockner-Hochalpenstraße, möglichst souverän vorbei an anderen untermotorisieten Nachkriegsmobilen mit kochend-dampfenden Motoren.

Miz Kitty hat den Automaten über das Internet-Auktionshaus ersteigert. Sie braucht das Reisebügeleisen für ihre Näharbeiten. Dort, wo normalschweres Gerät zu groß ist. So ein Wirtschaftswunder-Accessoire wäre ideal dafür, meinte sie.

Hoffen wir mal, dass der Thermostat funktioniert und das Ding nicht zum Brandlochgenerator wird, und dass man damit stromschlagfrei arbeiten kann. Letzteres sollte möglich sein, sofern am isolierenden Bakelit-Griff angefasst. Und weiter hat der kleine Automat doch diesen Schutzkontaktstecker, der doch vermutlich ein Stromschlagschutzkontaktstecker ist.

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