Der Tag im Bild

Nierentisch und Zigarettenspender 

Damals™ im Wirtschaftswunderland, als der Quelle-Katalog noch dünn war, Rauchen zum guten Ton gehörte und es diese praktischen Zigarettenspender gab.

Während ich heute morgen den Läuferstrom des Berlin-Marathons an der Torstraße an mir vorbeiziehen ließ, entdeckte ich das Geschäft »Wilde Heimat«, in dem 50er-Jahre-Interieur ausgestellt ist (ob zum Verkauf, zum Verleih oder zu Ausstellungszwecken, das konnte ich heute nicht genau feststellen).

Nierentisch also, Stehlampen, Tütenlampen und dazu aus heutiger Sicht so skurrile Accessoires wie ein goldfarbener Zigarettenspender. Ein rundliches Gebilde, in dem man Zigaretten unterbringen kann. Drückt man oben auf den Knopf, öffnet sich das Behältnis und die Zigaretten spreizen sich halbkugelartig  nach außen. Voilà. Der Quelle-Katalog, im Schaufenster passend unter den Nierentisch mit der pastellgrünen Platte und der obligatorischen Goldkante drapiert, war damals noch recht dünn. Aber man hatte den Versandhandel entdeckt, so wie wir heute im Internet kaufen, nur ein bisschen anders mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln.

Für mich und für viele andere westdeutsche Kinder der 60er Jahre sind all diese Wohnaccessoires ein Teil der Kindheitserinnerungen. Dieses schicke, adrette, etwas plüschige war zwar ein bis zwei Jahrzehnte vor unserer Kindheit richtig hype war, aber noch bei Großeltern, Onkel und Tante und den Nachbarn anzutreffen. Später haben wir die Nierentische, Flurgardroben, Sessel, Lampen, usw. selbst gehabt, manchmal auch gesammelt und die Studentenbude mit Abgelegtem und Ausrangiertem aus der Nierentischära ausstaffiert. Bis die Stücke dann irgendwann  von uns final entsorgt wurden. Mancher besitzt heute noch einzelne Möbelstücke aus der Zeit; Retro™ eben. Ich habe mich irgendwann von diesem Nierentischallerlei getrennt und überlege gerade, warum mir es diese Möbel so schwer machen? Freilich, ein komplettes Ensemble wie im Schaufenster an der Torstraße ist ein Hingucker. Nur, das sind schöne und ausgewählte Stück und nicht zweitklassige, die es zuhauf gab und die man gefunden hat, geschenkt bekommen hat oder anders daran gekommen ist. In den 50ern war es leider in Westdeutschland so, dass in der Nachkriegszeit viele Menschen mit preisgünstigen Möbeln bestückt werden mussten, Gelsenkirchener Barock der 50er eben. Industriell hergestellt, waren sie oft nicht wertig und stabil. Oft von der Gestaltung her auch nicht wertig, so dass man sich in absehbarer Zeit daran satt gesehen hat. Das macht es schwer, diese Dinge zu mögen, auch wenn sie vielleicht für sich genommen erst einmal ein Hingucker sind. Noch schwerer ist es, sie als Einzelstück in eine Wohnung zu integrieren. Die Flasche Asbach Uralt weckt in Filmkulisse und Museum positive Erinnerungen, auf dem Tisch stehen möchten wir sie nicht haben  und trinken erst recht nicht.

Und bei Ihnen? Hängt die messingsfarbene Flurgarderobe 50er aus dem Haushalt der Großtante und ein passender Schirmständer steht darunter?

Kommentare (3) Schreibe einen Kommentar

  1. Der Nierentisch ist ein Erbstück vom Herrn Exit, aus seiner Berliner Wohnung im Weddinger Sozialpalast. Wurde von mir liebevoll nach FFO transportiert, mit einer weißen 70er-Jahre-Leuchte aus dem Schlafzimmer meiner Eltern bestückt und mit dem großen Goldrandspiegel von Frau Tangueras Großmutter drapiert. Das sah sehr gut aus zusammen, muss aber derzeit zwischenlagern, da nach meiner Rückkehr und Wiedervereinigung des Haushaltes an einem Ort leider kein Platz verfügbar ist. Mag ich aber immer alles noch gern und wird bestimmt wieder aufgestellt. Wenn möglich auch genau in dieser Mixtur, die erstaunlicherweise gut funktioniert.

  2. Ein Bar-Eckschrank ist auch bei mir vorzeitiges Erbstück. Halbhoch mit Glasplatte oben, Holzjalousie-Schiebetüren öffnen auf unverfängliche zwei Regalbretter, aber einmal daran gedreht! Spiegel hinter aufgehängten Cocktailgläsern und Flaschenhalterungen. Daneben die Tulpenstehlampe von Omma. Und der passenden Blumenhocker zu Bild 1, der muss hier auch noch irgendwo herumstehen.

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