Berlin, Gesellschaft

Funkausstellung

IMG_20150913_145109

IFA15-Review:

Konsumenten-Messe.

Im Moment habe ich ganz gut Zeit, die ich zur Regenerierung nutzen muss. So habe ich am letzten Mittwoch früh erst einmal den ärztlichen Rat bekommen, mich nicht mehr über bestimmte Menschen aus Reinickendorf zu ärgern, sollen die doch andere mobben und denen das Leben schwer machen. Anschließend bin ich Richtung Funkturm gefahren, womit nicht der Berliner Fernsehturm, auch TV Tower genannt, gemeint ist, sondern das alte Stahlstrebengestell aus den 20er Jahren, eben „der“ Berliner Funkturm im Westen der Stadt. Jährlich findet hier die Internationale Funkausstellung, kurz IFA genannt, statt.

Am meisten Bedeutung hatte die IFA wohl als Kind für mich. Damals lebte ich in Westdeutschland und Berlin war so weit weg. Es gab nur öffentlich-rechtliches Fernsehen und ich erinnere mich ganz gut, dass die Sondersendungen von der IFA immer etwas ganz Besonderes waren. Soviel Technik zusammen, das war schon imposant für ein Provinzkind. Wie gerne wäre ich dort einmal hingefahren, aber in meiner Familie gab es so gar keine Kontakte nach Berlin – der Weg durch die Zone erschien unkommod bis gefährlich, etc. Also kannte ich die IFA nur aus dem Fernsehen. Später, nach der Wende, bin ich zwei Mal aus Hamburg zur IFA gefahren, aber die Medien hatten längst Einzug in meine berufliche Tätigkeit gehalten und die Technik dahinter hatte ihren Glanz für mich verloren. Vor fünf oder sechs Jahren war ich zu einer Veranstaltung auf der IFA eingeladen. Damals fand ich die Atmosphäre unangenehm, etwas prollig und mit viel zu vielen Besuchern, denen ins Gesicht geschrieben stand, dass sie allenfalls Konsumenten sind – so, wie diese großen, bildungsfernen Kinder, die keinen Satz richtig sprechen können, aber die IT-Checker sein wollen.

Am letzen Mittwoch wollte ich einfach nur einmal schauen, ob die Atmosphäre noch genauso ist. Zudem interessieren mich gerade bestimmte Trends bzgl. Smartphones und mobile computing (die ich natürlich genauso im Internet mitbekomme, jedoch mit IFA-Besuch dann doppelt). Kurz: Es war wie vor ein paar Jahren. Technik galore, nichts für mich innovativ Neues. Viel Technik-Gedöns, das sich ganz klar an die jüngere Unterschicht bzw. untere Mittelschicht richtet, an die Konsumenten-Milieus. An Menschen, die digitale Angebote konsumieren, aber eben kaum in der Lage sind, diese digitalen Angebote und Geräte als Kreateure zu nutzen, zum Erschaffen neuer digitaler Angebote – z.B. in Form von längeren Texte, Videos, eBooks, etc. Konsumenten-Kram auf einer Konsumenten-Messe, für die Zielgruppe, deren Kreations-Kompetenz nach dem Hochladen eines Fotos bei Facebook oder nach einem Zweisatz-Kommentar erschöpft ist. Dazu freilich zielgrppenadäquat angelegte Messestände, Präsentationen und Mitmach-Events.

Mein IFA15-Tag zusammengefasst:

  • Gadgets und Geräte galore. Ganze »Straßen« an Smartphones und Kaffeemaschinen waren aufgebaut. Ersetzen Sie jetzt Smartphone oder Kaffeemaschine durch irgendein Elektrogerät, Lockenstab oder Intimrasierer inklusive. Passt schon.
  • Viele blonde Hostessen, allesamt freundlich und zuvorkommend (zumindest mir als mittelaltem Mann in Geschäftskleidung gegenüber), allerdings ohne irgendeine Kenntnis der Dinge, Marken, Geräte, Angebote, Unternehmen, die sie gerade in ihrem Schüler- oder Studentenjob vertreten.
  • Wenig fachlich kompetente Ansprechpartner in allen Bereichen.
  • TV-Geräte von billig bis teuer mit den gleichen Falschfarbenbildern wie im MediaMarkt.
  • TV-Studios mit Livesendungen (hier die Koch-Tipps, nebenan die Näh-Tipps, dazwischen ein Smalltalk-Interview mit der jungen, blonden Schauspielerin, und Pittiplatsch und Schnatterinchen watscheln in Überlebensgröße durch die Gänge. Gähn. – Wobei, so langweilig wie diese TV-Live-Sendungen sind, sie sind gut für die persönliche Pause auf der IFA, gibt es hier doch einen Stuhl, auf dem man auch auch länger verweilen darf.
  • Kaffee und Smalltalk über das jeweilige Angebot des Messestandes. Mehrere Kaffee-Einladungen waren ganz sicher auf meine geschäftsmäßige Kleidung (Anzug) zurückzuführen, mit der man sich auf einer Publikumsmesse immer noch vom Mainstream – oder soll ich Mob sagen? – abhebt. Absoluter Tipp: Gehen Sie immer in Geschäftskleidung auf Messen, Sie werden ganz anders wahrgenommen und bekommen ganz sicher das ein oder andere mehr angeboten, vor allem wenn der Mainstream dort in Freizeitdress oder kariertem Hemd herumläuft.
  • Werbegeschenke, zielgruppenadäquat. Schlüsselbänder und Kugelschreiber, allesamt nicht sammelwürdig, jedoch mit zwei Ausnahmen: einen schönen Stoffbeutel von Bang & Olufsen und Taschenanhänger vom Handytaschen-Hersteller Golla habe ich mitgebracht.
  • Ein Publikum, das zur etablierten Konsumentenmesse passt: wenige Fachbesucher zwischen allerlei Menschen, Paaren, Familien, die vermuten lassen, dass sie sich diesen Tag gönnen und zur IFA gehen. Dazwischen 60plus-Paare, für die die IFA offensichtlich noch den Glanz vergangener Jahrzehnte hat, meist in der Konstellation: gut gekleideter beiger Checker erklärt seiner ebenso gut gekleideten Gattin, wie etwas funktioniert. Ersetzen Sie »etwas« durch Smartphone, Kühlschrank oder Waschmaschine. Außerdem Schulklassen mit jungen Technik-Nerds oder Unterschichts-Berufschülern, alle so, wie man sich digitale Konsumenten, die eben keine Kreateure sind, vorstellt.
  • Jede Menge Events, die auf diese Konsumenten-Zielgruppen zugeschnitten sind, also meist simpel sind. Nach dem Motto: wer die Seite, auf der ein bestimmtes Produkt im Katalog abgebildet ist, am schnellsten findet, gewinnt irgend ein kleines Gadget … Gähn.

Nächstes Jahr werde ich die IFA vielleicht wieder besuchen, sofern es etwas ganz Konkretes zu erkunden gibt oder ich von irgend jemand eingeladen werde. Ansonsten reicht die Atmospäre erst einmal für ein paar Jahre ;)

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.