Gesellschaft

Frau Neumann hat heute leider einen Brückentag

Frau Neumann und Herr Ostermann

Ein Teil der Arbeit, den viele Freiberufler und Selbständige nicht missen möchten, den Kontakt und die Kommunikation mit den Kunden. Da wird auch der 20. Anruf mit der Frage nach einem Ausbildungsplatz oder Praktikum gern beantwortet, inklusive eines Tipps, wo der Fragende es denn noch versuchen könnte. Den Eltern von Schülerpraktikanten erklärt man gern, warum sich ein Grafikstudio nicht geeignet ist für ein Bleistiftspitz-Praktikum für Schüler, die sich auf den mittleren Schulabschluss vorbereiten. Und auch das Meinungsforschungsinstitut, das regelmäßig mit der 0228er-Vorwahl anruft und für kommunikative Kontinuität (oder ist es Penetranz?) sorgt, bekommt noch nette Worte. Meist verabschiedet sich der Meinungsforscher höflich mit dem einstudierten Schlusssatz, ob er denn wieder anrufen dürfe. Darf er, wieso nicht, genauso wie der Verlag für die Sekretärinnen-Postille, der alle halbe Jahre anruft um ein Probeheft loszuwerden. Wenn es mir mit diesen Nachfragen, die allesamt nicht mein Kerngeschäft betreffen, zuviel wird, hab ich ja noch zwei Trümpfe: Frau Neumann und Herrn Ostermann.

Während Meinungsforscher und Sekretärinnen-Verlag mit ihren freundlich geschulten Callcenter-Agents ja manchmal noch ganz amüsant sind, gibt es natürlich auch nervige und nervöse Anrufer und Anruferinnen, die weder zuhören können, noch richtig wissen, was sie denn nun möchten. Zeitdiebe, und vor allem auch Energiediebe, diese Menschen. Damit sie mir nicht zu viel wegstehlen, gibt es Frau Neumann und Herrn Ostermann. Virtuelle, nicht real exisitierende Mitarbeiter, die nie anwesend sind. Mit breitem Rücken für alles. Und natürlich einem echten Email-Postfach.

  • Das tut mir jetzt leid, dazu kann ich Ihnen im Moment nichts sagen. Das bearbeitet unsere Frau Neumann…
  • Die ist leider im Moment nicht am Platz…
  • Die hat heute ihren Brückentag…
  • Die hat heute Urlaub…
  • Die ist leider zur Zeit krank…

etc.

  • Ich denke nicht, dass Frau Neumann da was falsch gemacht hat, aber ich schaue mir das selbst mal genauer an.

Schönen Tag und Tschüss.

Bei nervigen Sachverhalten, die schon länger zurückliegen, geht natürlich auch Das hat unsere Frau Neumann bearbeitet, leider arbeitet die nicht mehr bei uns. Ich kümmere mich darum, die Angelegenheit zu klären. Schönen Tag und Tschüss. Aufatmen.

Wir toppen das jetzt noch ein wenig und sorgen für Geschlechterausgleich. Weil wir alle wissen, dass sex sells (oder warum gibts viel mehr Promogirls statt Promoboys?), bekommt Frau Neumann einen netten Kollegen, der zwar auch nie anwesend ist, aber die Angelegenheiten von Anruferinnen bearbeitet, bei denen ziemlich schnell klar wird, dass sie schon bei dem virtuellen Auftritt einer anderen Frau Zickenalarm auslösen. Da lasse ich doch einen virtuellen Herrn auftreten. Oder eben doch direkt Frau Neumann, damit die Anruferin sich schön in diese,… und ich den Part übernehme, sie grinsend am Telefon zu beschwichtigen.

Alles unehrlich und Fake? Ja klar! Aber arbeitserleichternd. Frau Neumann und Herr Ostermann sind ja nur für ganz spezielle Anfragen und für ganz spezielle Anrufer/innen zuständig, deren Kommunikationsverhalten die Gesprächspartner doch übermäßig beansprucht.

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