Berlin

Mitte Stylewalk

IMG_9146.JPG
»Eigentlich« wollten wir nur zum Alexanderplatz, um etwas zu besorgen. Da der Samstagnachmittag schön, sonnig und warm war, wollten wir zu Fuß dorthin bummeln. Weit ist es nicht, denn schnellen Schrittes kann man den Alexanderplatz von unserer Wohnung in 15 Minuten erreichen. Wir brauchten freilich etwas länger, denn während wir den Weinbergweg hinunter schlenderten, kam freilich der Gedanke auf, erst einmal einen richtigen Kaffee zu trinken.

Das Café Galao, meine Stamm-Koffeinstätte oder eben ein anderes Lokal standen zur Auswahl. Miz Kitty ist in dieser Hinsicht leidenschaftslos. Sie frühstückt immer ausgiebig zu Hause und deckt ihren Koffeinbedarf schon vor dem Rausgehen. So hatte ich anstatt des Galaos heute das Luigi Zuckermanns ins Auge gefasst. Hier war ich fast schon vier Jahre nicht mehr. Dort an der Rosenthaler Straße war es uns dann jedoch zu wuselig. Gestern war der 3. Oktober und somit Feiertag. Es war ziemlich viel los auf den Straßen. Wir liefen also in die etwas ruhigere Auguststraße und tranken den Kaffee in der Sonne vor der Milchhalle, gegenüber dem Hackbarths. Auf dem Weg dorthin kamen wir in der Auguststraße am Store von Hut up vorbei, einem Modelabel, das Kleider und Accessoires aus Filz herstellt. Eine schwarze Filzkatze liegt dort im Schaufenster und drei weiße Filzlöwen sitzen als Eyecatcher auf dem Sofa. Das wollte ich mir genauer anschauen und wissen, ob diese Tierchen mit Watte gefüllt sind oder voll gefilzt sind. Also nachgefragt. Miz Kitty hat sich währenddessen einige Kleider angeschaut. Ausnehmend schöne Sachen in Filz. Verfilzt und Filz bekommt hier eine sehr positive Bedeutung. Am kommenden Freitag wird dort übrigens die neue Kollektion präsentiert.

Derweil wir vor der Michhalle in der Sonne saßen, blätterte Miz Kitty in der aktuellen Ausgabe der Vogue und ich lugte immer mal mit hinein, da mich diese bunten Magazine positiv triggern. Altes Leben, alte Branche, Printmedien, schöne große Bilder und jede Menge Lifestyle. Dort in der Auguststraße ist insgesamt eine andere Atmosphäre als in Prenzlauer Berg. Mehr Mitte-like – und genau das, was mag ich.

Beide hatten wir das Bedürfnis, noch etwas durch die Straßen zu schlendern und hier und dort zu schauen, was es Interessantes gibt. Unsere erste Station war Twinkind, auch an der Auguststraße. Keine Kunstgalerie, wie man vielleicht anhand der dort stehenden Figuren vermuten könnte. Twinkind ist ein Dienstleister, bei dem man sich selbst als 20 oder 30 cm große Figur Figur fertigen lassen kann. Dazu wird man mit einem 3D-Scanner digital gescannt, danach wird die Figur wird mit einem 3D-Drucker erstellt. Anstatt langweiliger Hummelfiguren schenkt man der Tante in Amerika heute sich selbst als Andenken, als realistisch bemalte Kunststoff-Figur, 20 cm groß. Nun ja, wer’s braucht, ich habe keine Tante in Amerika. Spannend ist diese Technologie jedoch. Ich wollte wissen, ob man so etwas auch 1:1 machen lassen kann, in realer Größe. Hintergrund ist, dass Miz Kitty eine Schneiderpuppe braucht. Kann man, theoretisch, nur der Preis geht dann wohl in die Tausende. Sehr interessant ist, man nach Absprache dort auch nur den Scan von sich selbst machen kann und die Daten auf CD bekommt. Dieses geht jedoch nur nach individueller Absprache.

Unser nächster Stop war die Ledermanufaktur von Jörn Reschke an der Gipsstraße. Dort werden Taschen aus dickem Leder, Kernleder, 3 mm und dicker, genäht. Dieses Geschäft kenne ich schon sehr lange und habe mehr als einmal dort im Schaufenster die Taschen bewundert, war jedoch noch nie drinnen. Ich habe ein kleines Faible für Taschen und brauche alle paar Jahre etwas Neues. Schon länger überlege ich, ob die nächste vielleicht aus dieser Ledermanufaktur kommt. Der Meister selbst war nicht da. Seine Frau hat uns einige Möglichkeiten gezeigt, welche Formen und Verschlussarten möglich sind. Jede Tasche wird übrigens individuell bestellt und dann entsprechend handgefertigt. Eine schöne Sache, vor allem wenn man diese etwas rough anmutenden Taschen mag, die man viele Jahrzehnte haben kann und die so stabil sind, dass vermutlich ein Panzer darüber fahren kann.

Nachdem der geplante Einkauf in der Galleria Kaufhof erledigt war, wollte ich mir unbedingt das Geschäft von Type Hype anschauen. Buchstaben stehen hier im Mittelpunkt. Buchstaben, die auf Haushaltsgegenständen, Textilien oder Papierprodukten platziert sind. Das Richtige für alle, die mit dem Typo- und Buchstaben-Virus infiziert sind, so wie ich. Sofakissen, Grußkarten, Tagebücher und Frühstücksbrettchen, bis hin zur Flasche Wein – alle Produkte sind mit Einzelbuchstaben verziert. Außerdem enthält der Laden ein Café. Wer ein Geschenk mit dem Anfangsbuchstaben des Beschenkten kaufen möchte, ist hier richtig. Trotz Buchstaben-Liebe habe ich jedoch mit dem Angebot etwas das Problem, dass die Dinge nicht zu unserer Einrichtung passen und damit relativiert sich auch die Geschenk-Tauglichkeit etwas. Die 40plus-Generation hat sich oft schon mit Haushaltsgegenständen eingerichtet. Da sind Einzelstücke mit Buchstaben nicht wirklich passend und auch nicht nachhaltig, im Sinne, dass die Beschenkten den Gebrauchsgegenstand gut und gerne verwenden. Das sollte man mindestens klären, bevor man Frühstücksbrettchen oder Sofakissen mit Buchstaben verschenkt. Vielleicht treffen die Dinge auch nicht so ganz meinen Geschmack und sind für mich nicht schlicht genug.

Schön ist es zu sehen, dass die Rosa-Luxemburg-Straße, die bis vor kurzem noch an der einen oder anderen Ecke etwas vergammelt war, sich gut gemausert hat. Zufällig entdeckten wir Clara Stil. Ein relativ neues Geschäft, das Design-Gegenstände und Möbel mit zurückhaltender Sachlichkeit anbietet. Schöne Dinge, die besonders Miz Kitty gefallen und die man allesamt auch im Online-Shop von Clara Stil bestellen kann. Wer diese kühl-schlichte Sachlichkeit mag, der sollte auf jeden Fall einmal den Online-Shop besuchen oder selbst in der Rosa-Luxemburg-Straße vorbeischauen.

Auf die andere Straßenseite und ein paar Häuser witer ging es zu Luiban. Luiban ist ein eine Papeterie, deren Angebot mir richtig gut gefällt. Ich kenne das Geschäft schon länger und schaue immer mal wieder dort vorbei, weil ich ja etwas »paper-addicted« bin. Früher habe ich selbst Notizbücher gefertigt – und wer weiß, vielleicht lege ich bald noch einmal eine kleine Edition auf. Deshalb sind Papiergeschäfte für mich immer Herzerfreu und Inspiration zugleich. Bei Luiban findet man nicht den karierten Kaufhaus-Schulblock oder die schrille Klamauk-Glückwunschkarte, sondern erlesene Notiz- und Tagebücher, ausgefallene Papierprodukte, Stifte, Etuis und Kleinigkeiten. Dinge, die es eben nicht in Schreibwarengeschäften der Provinz und der Vorstädte gibt. Wer so etwas mag und vielleicht auch etwas paper-addicted ist, für den ist Luiban einen Besuch wert. Freilich, die Provinzler müssen auch nicht auf die schönen Produkte verzichten. Alles, was man bei Luiban kaufen kann, gibt es auch im Online-Shop.

Wenn ich einmal eine Papeterie mit schönen, ausgefallenen Dingen besucht habe, stellt sich meist das Bedürfnis ein, gleich in die nächste zu gehen. In Berlin ist das natürlich RSVP an der Mulackstraße. RSVPRépondez s’il vous plait – gibt es schon recht lange, und ich bin regelmäßig dort, um immer mal wieder etwas zu kaufen, was es sonst nur selten in Papeterien gibt, z.B. ein Composition Book, also ein amerikanisches Schulheft, oder ein paar Legal Pads, diese Blöcke mit gelbem Papier, die man in Amerika für Notizen benutzt. Papier- und Notizbuchliebhaber kennen den Laden in der Mulackstraße vermutlich sowieso. Wer im Rest der Welt erlesene und seltene Papierproduke, Legal Pads oder ähnliches sucht, kann bei RSVP alles bequem im Online-Shop bestellen.

Eines fiel uns auf in den Papierläden und bei Type Hype auf: Bäckergarn. Diese bunt gestreifte Schnur, die zum Einpacken von Geschenken geeignet ist. In vielen Varianten gibt es dieses Bäckergarn, und wir fragen uns, wer das in diesen Mengen braucht?

Die orange Badekappe

Jetzt möchten Sie sicher gerne wissen was es mit dieser matt-orangen Badekappe auf dem oberen Bild sich hat? Ganz einfach, wir haben sie auf unserem Mitte Stylewalk gekauft. Bei Bolz & Birke, ebenfalls in der Mulackstraße. Leider ist die Website noch nicht online und soweit ich mich erinnern kann, gibt es den Laden hier auch noch nicht so lange. Diese Badekappen werden dort in erster Linie als Taschen verkauft. Stellen Sie sich einfach einen Reisverschluss eingenäht vor, und schon wird aus der Badekappe eine Tasche. Miz Kitty machte ein Foto, wie sie von der Decke hängen, diese Badekappen-Taschen. Sie wird es im Blog der Freistilstaffel veröffentlichen. Im Gespräch stellte sich heraus, dass es diese Badekappen bei Bolz & Birke nicht nur als Taschen gibt, sondern auch pur, ihrem originäreren Verwendungszweck entsprechend, als Badekappen. Für drei Euro. An diese Gummimützen, die man in meiner Kindheit Bademützen nannte, kann ich mich noch gut erinnern. Vom Design her sind sie wohl eher Sixties als Seventies. Als Kind habe ich so ein Stück besessen, in blau. In den Siebzigern hatte meine Mutter hingegen schon eine Gummi-Badekappe mit applizierten Gummi-Blumen. Nun, der Zopf sollte unter der Badekappe verschwinden. Das tut er sicher. Bei Bolz & Birke kann man übrigens auch diese Schalen aus Beton in Kugelkalottenform kaufen, die innen goldfarben lackiert sind. Die haben es uns im Moment angetan.

In der Rosa-Luxemburg-Straße waren wir noch bei Daniel Heer. Er fertigt in seiner Manufaktur Rosshaarmatratzen an und zudem Taschen aus Kernleder sowie Kleinmöbel. Sehr interessante Stücke. Wer eine individuell gefertigte Matratze sucht und statt Latex oder Sprungfedern eine ganz traditionelle Füllung favorisiert, der sollte einen Blick in diese Laden-Werkstatt werfen.

Der Abspann unseres Mitte Stylewalks endete mit einem kurzen Zwischenstopp beim vietnamesischen Lebensmittelhändler an der Torstraße, Ecke Gormannstraße. Schon oft war ich in diesem Laden und habe Kleinigkeiten, etwas zu Trinken oder ähnliches gekauft. Im hinteren Teil war ich jedoch noch nie. Hier gibt es tatsächlich viel mehr als nur Lebensmittel. Fast alles, vom Weinglas bis zur Kabelverlängerung über das Micro-Schraubenzieher-Zangen-Set, mit dem man ein Schloss öffnen kann, bis hin zum Elektroschraubenzieher aka Phasenprüfer. Dazu freilich jede Menge Messer und Küchenbedarf. Etwa so, wie früher bei uns am Zionskirchplatz im Fruchthaus, nur eben viel mehr.

Nachmachen bitte.

Ich mache diese Stadtspaziergänge schon seit langer Zeit. Miz Kitty nennt es manchmal »stadtindianern«. Immer wieder entdecke ich in Mitte neues. Wenn Sie auch außergewöhnliche Produkte, Kleidung, etc. mögen, dann ist das Quartier zwischen Alexanderplatz und Oranienburger Tor auf der einen Seite und der Torstraße auf der anderen Seite bestimmt einen Nachmittagsbummel wert. Lassen Sie sich von Galerie zu Galerie und von Laden zu Laden treiben und genießen Sie die Atmosphäre, die so ganz anders ist, als sie vor 15 Jahren hier noch war.

IMG_9142.JPG

IMG_9141.JPG

IMG_9138.JPG

IMG_9137.JPG

IMG_9140.JPG

IMG_9139.JPG

 

Kommentare (2) Schreibe einen Kommentar

  1. Durch die Gegend haben mich meine Eltern früher bei jedem einzelnen Berlin-Besuch geschleift – Auguststraße, Sophienstraße, Synagoge… Seit unser Büro aus der Rosenstraße weggezogen ist, bin ich nur noch sehr selten da – außer bei dem Vietnamesen in der Torstraße, da holen wir uns vor dem Kneipenquiz gegenüber immer unsere Snack. Und wenn Besuch kommt, dann gehört die Ecke immer auf den Tourplan ;)

  2. Die Kneipe gegenüber ist das »Schmittz« (http://www.schmittz.de/) und mir fällt gerade auf, dass ich in Jahren, in denen ich am Zionskirchplatz wohne, schon in vielen Kneipen rund um die Torstraße war, aber noch niemals im Schmittz. Warum, da denke ich gerade drüber nach. Vermutlich, weil Dart und Kicker nicht meins sind und ich Fußball nur während EM und WM in der Kneipe schaue. Im Café Lois an der Gormannstraße, Ecke Linienstraße das schräg gegenüber des Schmitts ist, war ich dagegen schon oft.

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.